von Wolfgang Bahle

MÜNCHEN (sm). Der Strukturwandel von Chinas Wirtschaft ist im vollen Gange. Mehr Forschung, mehr Hightech und mehr Ressourcenschutz lauten Kernforderungen des aktuellen zwölften Fünfjahresplans. Highend liegt im Trend. So auch bei den Werkzeugmaschinen, deren Branche schon im 2005 verabschiedeten elften Fünfjahresplan eine Schlüsselrolle zugeschrieben wurde. Kenner der Szene erwarten, dass sich das chinesische Marktvolumen technologisch hochwertiger Werkzeugmaschinen bis 2015 um mehr als das Zweieinhalbfache auf über zehn Milliarden Euro erhöhen wird.

Eine Studie der Kölner Unternehmensberatung Struktur Management Partner hat unter anderem untersucht, welche Strategien China verfolgt, um die inländische Lieferfähigkeit von hochwertigen Werkzeugmaschinen möglichst schnell zu erhöhen. Danach empfehlen Chinas Planungsspezialisten eine zweigleisige Vorgehensweise: Durch Wissenstransfer, beispielsweise in Form von Joint Ventures oder durch gezieltes Anwerben ausländischer Top-Manager, soll technologisches Knowhow nach China geholt werden. Seit 2004 dürfen chinesische Unternehmen ohne staatliche Genehmigung im Ausland investieren. Der zweite Weg verfolgt deshalb das Prinzip des „Going global“, bei dem staatliche wie private chinesische Unternehmen aktiv dabei unterstützt werden, ausländische Wettbewerber zu übernehmen.

Shenyang weltweit die Nummer drei

Ein Beispiel hierfür ist SMTCL aus Shenyang, wo man sich nicht nur stolz Chinas größter Hersteller von CNC-Fräs-, Bohr- und Drehmaschinen nennt, sondern als Shenyang Machine Tool Group (SMTG) mit 1,5 Mrd Euro Umsatz im Jahr 2010 inzwischen die Nummer drei im Branchen-Ranking der weltweiten Top Ten einnimmt. In SMTG sind neben SMTCL selbst die Yunnan CY Group und die Kunming Machine Tool Co. Ltd. aus Kunming sowie Schiess im ostdeutschen Aschersleben zusammengefasst. Dieser rasante Aufstieg gelang SMTG innerhalb nur weniger Jahre, – 2004, dem Jahr, als der insolvente Hersteller Schiess übernommen wurde, belegte man noch Platz zwanzig. Unter dem Dach der Shenyang-Gruppe ist der Spezialist für Großbearbeitungszentren heute wieder auf Erfolgskurs. Geplant ist, den Standort Aschersleben als eine Art Entwicklungsschmiede für SMTG auszubauen. „Bei Schiess werden dann die Prototypen für SMTG konstruiert und für die spätere Serienproduktion in China getestet und optimiert“, erklärte Ömer Sahin Ganiyusufoglu, Consultant to Chairman bei SMTG, auf dem Kongress „China Day“ auf der EMO im September in Hannover. Hierzulande dürften viele den promovierten Ingenieur noch als langjährigen Geschäftsführer von Mazak in Göppingen kennen.

Wettbewerbsintensität nimmt zu

Die von Peking vor zwei Jahren verschärften Zollbestimmungen für die Einfuhr kompletter Werkzeugmaschinen, dürften ebenfalls dazu beitragen, dass die Karten zugunsten chinesischer Hersteller neu gemischt werden. Doch den Großen der Branche wie DMG, AgieCharmilles oder EMAG zu folgen, die im Reich der Mitte mit eigener Produktion aktiv sind, stößt bei vielen Mittelständlern hierzulande immer noch auf Vorbehalte. Denn neben den bekannten Problemen wie Produktpiraterie, das Abkupfern von Fertigungsverfahren oder die immer noch verbreitete Angewohnheit, chinesische Mitbewerber bei der Auftragsvergabe zu bevorzugen, ist das Thema Fachkräftemangel mancherorts zu einem fast unlösbaren Problem geworden.

Doch ausländische Direktinvestitionen, vor allem aus Knowhow-intensiven Branchen, sind für Chinas Wachstum unverzichtbar. Ebenso gilt, wer vom Nachfrageboom profitieren will, kommt um ein Engagement in China kaum herum. Nach einer im März dieses Jahres veröffentlichten DIHK-Umfrage unter 6000 Unternehmen ist China erstmals zur Nummer eins unter den Zielregionen für deutsche Auslandsinvestitionen aufgestiegen – noch vor Europa. Alleine in den ersten acht Monaten dieses Jahres betrugen die deutschen Direktinvestitionen in China über 630 Mio Euro.

Interessant bleibt die Frage, wie man sich im Zentralkomitee die Mischung aus dirigistischer Industriepolitik und echter marktwirtschaftlicher Konkurrenz künftig vorstellt. Auf dem China Day der diesjährigen EMO wurde im Plenum von einem ehemaligen Verantwortlichen des Maschinenherstellers Waldrich Coburg, der 2005 von Beijing No. 1 Machine Tool übernommen und erfolgreich saniert wurde, eine interessante Frage gestellt. Wie könne es sein, dass die gleiche Waldrich-Maschine, die mit etwas reduzierter Genauigkeit auch in China produziert wird, dort für ein Drittel des deutschen Preises verkauft wird? Die Antwort blieben die chinesischen Vertreter auf dem Podium schuldig.