Von Katharina Becker und Christoph Rauwald, Dow Jones

MÜNCHEN (ks)–”Verkaufsbereit ist die neue Marke erst, wenn die Qualität stimmt”, sagte Qing Pan, Vorstandsmitglied von Sinotruk, in München in einem Interview mit Dow Jones Newswires. Das werde voraussichtlich erst 2012 der Fall sein.

Die auf Qualitäts-Lkw spezialisierten Münchener hatten sich im vergangenen Jahr für gut eine halbe Mrd Euro mit 25% plus einer Aktie bei den auf günstige Schwerlaster fokussierten Chinesen eingekauft, um mit einem Lkw im mittleren Preis- und Qualitätsbereich auf dem stark wachsenden Markt Fuß zu fassen. Sinotruk baut dazu MANs robusten Schwerlaster TGA in Lizenz. Der ist für den Einsatz auf schlechten Straßen, unter extremen Klimabedingungen sowie für in China häufige Überladungen konzipiert und werde nun an die lokalen Kundenwünsche angepasst, sagte Pan. Sichere und komfortable Lkw westlicher Bauart gelten hier als viel zu teuer.

Bevor das neue Modell, dessen Namen MAN und Sinotruk auf der Automesse in Schanghai verraten wollen, an die ersten Kunden ausgeliefert werde, müssten die Lkw umfangreiche Qualitätsprüfungen über sich ergehen lassen, sagte Pan. Ein Vorgehen, das in China nicht unbedingt Standard ist. “Wir dürfen die Tests nicht auf Kundenseite durchführen”, sagte Pan, der in Berlin studiert hat und seine Karriere bei Daimler und Volkswagen begonnen hatte.

Mindestens 50.000 der neuen schweren Lkw wolle Sinotruk nach dem Start der Produktion jährlich allein in China verkaufen und weitere 50.000 in andere asiatische Länder, nach Afrika, Russland oder in den mittleren Osten exportieren, sagte Pan. Derzeit verkaufen die Chinesen nur ein Zehntel ihrer Lkw außerhalb des Landes.

Indem weit mehr als 90% der Teile direkt in der Volksrepublik gefertigt würden, solle der neue Lkw im Reich der Mitte nur etwa ein Drittel eines europäischen Lastwagens von rund 90.000 Euro kosten, sagte Pan. Anders als in Europa oder den USA, wo die Lkw-Kunden vor allem auf die Gesamtkosten, also auch den Verbrauch oder Wartungskosten achten, zähle für chinesische Käufer vor allem der Kaufpreis, erläuterte Pan. “Innerhalb von zwei Jahren muss sich der Lkw für den Kunden amortisiert haben.” Dann werde ein neuer gekauft. Pan schätzt, dass chinesische Lastwagen im Schnitt nur fünf Jahre im Einsatz sind.

Große Infrastrukturprojekte und der Wiederaufbau nach den Naturkatastrophen haben in diesem Jahr laut Pan die Verkäufe in China um rund 60% auf rund eine Million Laster über 14 Tonnen steigen lassen, was die Volksrepublik zum größten Markt der Welt mache.

Davon profitiere auch Sinotruks Muttergesellschaft, die China National Heavy Duty Truck Group Corp (CNHTC), die in diesem Jahr 195.000 schwere Lkw verkaufen werde, sagte Pan. Dabei erwirtschafte die mit einer Marge von mehr als 5% profitable Sinotruk den Großteil der Ergebnisse: Die an der Hongkonger Börse notierte Tochter werde mehr als 150.000 Laster an die Kunden bringen, rund 60% mehr als im Vorjahr, sagte Pan. “Ich bin mir sicher, dass Sinotruk damit in diesem Jahr den zweiten Platz unter den chinesischen Herstellern für schwere Lkw zurückerobert.” Sinotruk würde dann den Rivalen Dongfeng überholen und hätte unter den heimischen Herstellern nur noch den Volkswagen-Partner FAW vor sich. Weltweite Nummer eins ist Daimler. Langfristig wolle sich Sinotruk weltweit unter den Top fünf behaupten, sagte Pan.

Im kommenden Jahr rechnet Pan angesichts zahlreicher Infrastrukturprojekte mit einer ähnlich hohen Nachfrage nach schweren Lkw in China, auch wenn die knappen Rohstoffe und die gestiegenen Preise den Herstellern zu schaffen machten. “Sinotruk versucht, auch im nächsten Jahr ein gesundes Wachstum zu erreichen”, sagte Pan. Ein so gewaltiger Sprung wie 2010 sei jedoch unrealistisch, das Plus werde eher im einstelligen Prozentbereich liegen. Das Ergebnis dürfte angesichts der neuen Produkte und der eingesetzten MAN-Technik 2011 jedoch noch besser ausfallen als 2010, fügte er an.

Neben dem Konzernumbau – Sinotruk strebt eine Mehrmarkenstruktur wie Volkswagen an, mit einer chinesischen Premium-, einer mittleren und einer günstigen Marke sowie Spezialmarken wie leichten Lkw – kommt dem Konzern auch eine aktive industriepolitische Rolle in der Volksrepublik zu. Die Zentralregierung in Peking fordert die Konsolidierung der stark zersplitterten heimischen Autobranche in die “großen Vier” und die “kleinen Vier”, um die Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Industrie gegenüber der etablierten ausländischen Konkurrenz zu stärken. Sinotruks staatliche Muttergesellschaft ist dabei als einziger reiner Hersteller schwerer Lkw unter den “kleinen Vier” vorgesehen. CNHTC habe im laufenden Jahr bereits zwei Unternehmen aufgekauft, sagte Pan.

MAN sucht seit Jahren nach Wegen, an dem rasanten Wachstum in China teilzuhaben. Die Partnersuche im Reich der Mitte, zumeist in Form eines Gemeinschaftsunternehmens, gestaltet sich für die deutschen Hersteller jedoch meist als schwierig. Nach jahrelangen Verhandlungen und zahlreichen Rückschlägen hat Peking erst kürzlich die bereits vor zwei Jahren vereinbarte Koproduktion zwischen Daimler und dem chinesischen Hersteller Beiqi Foton Motor abgesegnet.

MAN hat nach ersten Enttäuschungen – etwa mit der zuvor anvisierten Zusammenarbeit mit Weichai – mit der direkten Beteiligung an Sinotruk einen anderen Weg gewählt. Alleine in den ersten neun Monaten 2010 trug dieses Engagement 69 Mio Euro zum Konzerngewinn der Münchener bei. MAN ist auch auf anderen Wachstumsmärkten aktiv: 2009 hatte der DAX-Konzern das Lateinamerikageschäft von Großaktionär Volkswagen übernommen. Zudem arbeiten die Münchener seit 2006 in Indien mit Force Motors zusammen.