Polen, Flagge

Polen ist beliebt als Produktionsstandort. Aber auch der IT-Sektor befindet sich im Aufwind. - Bild: Pixabay

"Polen ist nicht mehr die verlängerte Werkbank, die es Mitte der 1990er Jahre noch war", sagt Michael Kern, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK Polen. Die Zeiten, als das Land noch als reiner Niedriglohnstandort galt, sind vorbei. Stattdessen zeichnen sich die Arbeitskräfte durch Qualitätsbewusstsein und Produktivität aus. Kein Wunder, dass das knapp 38,5 Millionen Einwohner zählende Land unter ausländischen Investoren einen hervorragenden Ruf genießt. In der jährlichen Umfrage der deutschen Außenhandelskammern in der Region Mittel-/Osteuropa (vom Baltikum bis nach Mazedonien) unter ausländischen, speziell unter deutschen Investoren nimmt Polen derzeit den zweiten Platz hinter Tschechien ein. Zuvor war Polen dreimal hintereinander auf dem ersten Platz.

Die wesentlichen Vorzüge, die die Investoren nennen sind der europäische Binnenmarkt, die Qualifikation und Motivation der Arbeiter sowie die Produktivität der polnischen Arbeitskräfte. Darüber hinaus punktet das Land mit den sogenannten Fühlungsvorteilen. Damit sind Verfügbarkeit und Qualität der lokalen Zulieferer gemeint. "Die sind in den letzten Jahren gestiegen, so dass auch die Fertigungstiefe in Polen zugenommen hat", erklärt Kern. So müssen die Unternehmen ihre Vorleistungen nicht mehr zu hohen Beschaffungsnebenkosten ins Land einführen, um sie hier dann zu veredeln.

Daimler baut neues Motorenwerk – VW, Opel und MAN schon vor Ort

Diese Vorteile hat die Automotive-Industrie längst erkannt. VW, Opel und MAN produzieren dort bereits. Mercedes-Benz hat erst im Oktober bekannt gegeben, 500 Millionen Euro in Polen zu investieren. Der schwäbische Autobauer will in Jawor, rund 70 Kilometer westlich von Breslau ein Motorenwerk bauen.

Mateusz Morawiecki, stellvertretender Ministerpräsident Polens und Minister für wirtschaftliche Entwicklung, kommentiert: "Die Entscheidung der Daimler AG beweist, dass Polen für ausländische Investoren ein attraktiver Markt ist. Die Automobilindustrie entwickelt sich zum Innovationshub der polnischen Wirtschaft. Dadurch entstehen in unserem Land hochqualifizierte Arbeitsplätze."

Große Bandbreite im Automotive-Sektor

In dem Hightech-Werk werden Vierzylindermotoren für Mercedes-Benz Pkw produziert. Das neue Werk in Jawor verbindet neueste Branchenstandards mit Industrie 4.0 und soll als Benchmark in der Motorenproduktion gelten.

Tadeusz Kościński, Unterstaatssekretär im Entwicklungsministerium, sagt: "Wir unterstützen unsere Auslandsinvestoren mit einem koordinierten und professionellen System. Wir betreuen den Investor bei jeder Etappe der Projekt-Implementierung, wobei der Staatsverwaltung und allen beteiligten Institutionen eine aktive Rolle zukommt." Der Produktionsstart am neuen Daimler-Standort ist für das Jahr 2019 geplant, die Bauarbeiten sollen im Jahr 2017 beginnen.

"Im Automotive-Sektor haben wir in Polen eine sehr große Bandbreite, vor allem wenn man noch die Zulieferer dazu zählt", sagt AHK-Vorstandsmitglied Kern. Ein Beispiel dafür sind die Aktivitäten von ZF. Das Unternehmen beschäftigt in Tschenstochau  gut 4.500 Mitarbeiter. Neben dem Shared Service Center sind insbesondere die Produktion von Airbag-Modulen und Sicherheitsgurten dort angesiedelt.

Neben der Automobilindustrie ist der Maschinen- und Anlagenbau ein weiterer wichtiger Industriebereich. "Das ist ein Bereich, wo die polnische Industrie gut aufgestellt ist", sagt Kern und ergänzt: "Das will Polen auf der Hannover Messe demonstrieren." Auch die Luft- und Raumfahrttechnik ist ein industrieller Schwerpunkt Polens. Im Südosten des Landes befindet sich das sogenannte Aviation Valley, ein laut Kern sehr gut funktionierendes Luftfahrt-Cluster. "Hier forschen und entwickeln die Unternehmen sehr viel", sagt Kern. Dort geht es nicht vordergründig darum ein neues Verkehrsflugzeug zu entwickeln. Im Fokus ist der Bau von Drohnen, aber auch das Überholen von Triebwerken.

So wollen Lufthansa Technik und der amerikanische Triebwerksbauer GE Aviation für rund 250 Millionen Euro ein Triebwerkswartungszentrum im südwestpolnischen Legnica errichten. Die Anlage soll ab September 2018 in Betrieb gehen. Sie sei ein Beweis dafür, dass Polen bereit für neue und technologisch fortgeschrittene Projekte sei, sagte Polen-Minister Morawiecki. In der Anlage sollen neueste Flugzeugtriebwerke getestet und gewartet werden. Dadurch entstehen voraussichtlich rund 500 neue Arbeitsplätze.