In China wächst die Angst vor einem Aktiencrash, der die globale wirtschaftliche Entwicklung

In China wächst die Angst vor einem Aktiencrash, der die globale wirtschaftliche Entwicklung erschüttern könnte: In nur drei Wochen hat der chinesische Aktienmarkt etwa ein Drittel seines Wertes verloren. - Bild: kru

Denn in China wächst die Angst vor einem Aktiencrash, der die globale wirtschaftliche Entwicklung erschüttern könnte: In nur drei Wochen hat der chinesische Aktienmarkt etwa ein Drittel seines Wertes verloren.

Seit Mitte Juni wurden an der Börse Shanghai nach einer Rechnung der Zeitung ‘Die Welt’ rund drei Billionen Euro Anlegervermögen verbrannt – also etwa zehn Mal so viel wie die gesamte Schuldenlast Griechenlands. Zwar versucht die Regierung mit einer Reihe geldpolitischer Maßnahmen, Konjunkturprogrammen und Regulierungen gegenzusteuern – bislang aber weitestgehend ohne Erfolg.

Aus Sicht einiger Analysten drohen durch den Kursverfall zunehmend Auswirkungen auf die chinesische und damit die weltweite Konjunktur. China sei für die Entwicklung in Europa sehr viel wichtiger als Griechenland, warnt etwa David Kohl, Chefvolkswirt der Privatbank Julius Bär. Nach Einschätzung des Analysten verliert die chinesische Regierung zunehmend das Vertrauen, insbesondere der Privatanleger. Das könnte Folgen haben, die weit über den Aktienmarkt hinausreichen.

Denn wenn die Regierung in Peking den Entwicklungen am Aktienmarkt hilfslos zusehen muss, könnten sehr schnell Zweifel daran aufkommen, dass die Regierung die Konjunktur im Griff hat. Negative Auswirkungen auf den Konsum und das Wachstum der Volkswirtschaft wären die Folge. Und das beträfe dann auch die deutsche Wirtschaft, für die China ein riesen Absatzmarkt ist – etwa für die Automobilindustrie.

In China zocken die Privaten

Ein potenzielles Problem: Während in den USA und Europa die Profis den Takt an den Börsen vorgeben, werden in China rund 85 Prozent der Transaktionen von Privatpersonen getätigt, die oft sehr große Risiken eingehen. Weit verbreitet ist etwa, mit geliehenem Geld Hebelprodukte zu kaufen, bei denen mit geringen Beträgen grosse Volumen bewegt werden können. Dadurch sind auch für Anleger mit kleinem Geldbeutel große Gewinne möglich – allerdings bei hohem Risiko.

Getrieben von diesen hochspekulativen Geschäften waren die Kurse monatelang nach oben geschossen. Allein für den Zeitraum November bis Mitte Juni stand ein Kursplus von rund 150 Prozent zu Buche. Wenn es tatsächlich zu einem Crash käme, wären bei Kleinanlegern teils hohe Verluste möglich, die den Konsum bremsen dürften.

Massive Verschuldung – jetzt auch bei Privaten

Gesteuert wurde das Börsenfieber vieler Chinesen von der eigenen Politik, die über ihre Propagandawerkzeuge das Volk zu Aktienspekulationen regelrecht ermunterte. Eines der Hauptziele dieser Politik ist die Verringerung der Verschuldung von Staatsunternehmen, die die chinesische Gesamtverschuldung auf hohe 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts getrieben haben. Die Unternehmensschulden schossen seit Ende 2008 auf aktuell 93,3 Billionen Yuan oder umgerechnet 13,6 Billionen Euro von 30,9 Billionen Yuan in die Höhe. So stark hat sich die Verschuldung in der Geschichte kaum jemals zuvor verstärkt.

“Mit kommunistisch geprägter Propaganda wurde der Aktienbesitz geradezu als patriotische Pflicht dargestellt. Massiv geholfen haben auch die finanz- und kredittechnischen Vereinfachungen in punkto Aktienkauf. Dass es Peking aber auch darum ging, die dramatische Verschuldung der chinesischen Unternehmen in den Griff zu bekommen, verschweigen die volksrepublikanischen Aktienkampfparolen leider”, erläutert Robert Halver, Finanzmarktexperte der Baader Bank.

Denn können Firmen günstig Eigenkapital am Aktienmarkt aufnehmen, lassen sich Schulden clever ablösen. “Nicht mehr die sich im Kreditvergaberausch befindlichen chinesischen (Schatten-)Banken, sondern die in Aktien verliebten Kleinanleger sollten die Firmen – ähnlich wie damals in Japan – finanzieren. Damit wurde das Kreditproblem aber nicht verschoben, sondern potenziert: Jetzt bauten auch noch die Privaten Wertpapierkredite bis Oberkante Unterlippe auf”, warnt Halver.

Shanghai Bloomberg Chart

Wertpapierkredite an der Shanghai Stock Exchange. – Bild: Bloomberg

Für den China-Ökonomen Wei Yao von Société Générale verkompliziert die momentane Aktienbaisse Pläne der Regierung, mit Hilfe der Börse das Verschuldungsproblem in den Griff zu bekommen. “Idealerweise würde es jetzt über mehrere Jahre einen Bullenmarkt geben, der die Restrukturierungsphase begleitet”, so Yao. “Im Umkehrschluss bedeutet das: Im schlimmsten Fall haben wir einen Börsencrash, bevor der Schuldenabbau auch nur begonnen hat.”

Oder doch alles halb so schlimm?

Andere Beobachter schätzen die Risiken in China indes als überschaubar ein – zumal der Kursverfall mit den jüngsten Regierungsinterventionen aus Peking am heutigen Dienstag erst einmal gestoppt werden konnte. Damit dürfte die große Abwärtswelle vermutlich vorbei sein, erwartet etwa Robert Rethfeld, Marktanalyst von Wellenreiter Invest, mit Blick auf die großen Indizes wie den Shanghai Composite oder den CSI-300. Laut Rethfeld könnte sich der chinesische Markt nun einige Monate erholen, wenn auch eher “kraftlos”. Sophia Wurm, Marktanalystin der Commerzbank, rechnet sogar mit einem stärkeren Erholungsschub.

Hans-Georg Kaltenbrunner, Vice Präsident Manufacturing Strategies von JDA Software, zeigt sich ebenfalls zuversichtlich: “Für die deutschen Autobilhersteller und Zulieferer sind die direkten Auswirkungen wahrscheinlich gering. Die meisten bedienen den Markt über Joint Ventures oder eigene Niederlassungen vor Ort, weil u.a. der chinesische Markt einen bestimmten Prozentsatz an “local content” vorschreibt.

In den meisten Fällen ist die Wirkung also nur indirekt. China ist sowieso ein sehr volatiler Markt. Schwankungen des Jahresabsatzvolumens um 10 Prozent sind in China nicht ungewöhnlich. Die Kursverluste sind eine Korrektur des überhitzten Aktienmarktes. Der Aktieneinbruch kann mittelfristig das Verbrauchervertrauen senken, aber die chinesische Regierung leitet bereits Gegenmaßnahmen ein, erste positive Auswirkungen am Aktienmarkt sind bereits sichtbar. Das sollte den Aktienmarkt und mittelfristig den Absatzmarkt stabilisieren. Solange Löhne und Gehälter der Mittelschicht und des oberen Managements nicht einbrechen, gibt es keinen Grund zur übertriebenen Sorge.”

Karoline Kopp