Die erste Welle chinesischen Kapitals hat Europa schon erreicht - ein Vorgeschmack auf mehr. - Bild:

Die erste Welle chinesischen Kapitals hat Europa schon erreicht - ein Vorgeschmack auf mehr. - Bild: kru

China investiert riesige Beträge in Unternehmen und Fabriken in Europa – in nur fünf Jahren haben sich chinesische Investitionen in der EU vervierfacht.

Und das dürfte erst der Anfang sein, wie eine aktuelle Studie des Mercator Institute for China Studies und der Rhodium Group offenbart. “Das jährliche Investitionsvolumen chinesischer Unternehmen in den Mitgliedstaaten der EU lag noch Mitte der 2000er Jahre nahe null. Seitdem ist es rasant gestiegen und erreichte 2014 rund 14 Milliarden Euro. Im Zeitraum 2000 bis 2014 verzeichnen wir mehr als 1.000 chinesische Neugründungen (‘Greenfield Investment’), Fusionen und Übernahmen (‘Mergers and Acquisitions’, ‘M&A’) im Wert von mehr als 46 Milliarden Euro”, fassen die Studienautoren Thilo Hanemann und Mikko Huotari den Status quo zusammen.

Laut einem Bericht des Hong Kong Institute for Monetary Research wird sich Chinas Gesamtvermögen im Ausland – angetrieben durch die rasche Zunahme der Direktinvestitionen und Portfolioinvestments – bis 2020 auf fast 20 Billionen USD verdreifachen.

Unter den Empfängern chinesischer Direktinvestitionen in Europa steht Deutschland an zweiter Stelle (nach Großbritannien): Zwischen 2000 und 2014 wurden insgesamt 6,9 Milliarden Euro investiert. Seit 2011 sind die jährlichen Investitionen kräftig gestiegen und liegen seitdem relativ stabil bei ein bis zwei Milliarden Euro pro Jahr – anders als in anderen Ländern, wo starke Schwankungen zu verzeichnen sind.

Immer mehr Branchen für Zukäufe interessant

Darüber hinaus ist laut Mercator eine Verlagerung der chinesischen Direktinvestitionen im Ausland festzustellen: Während diese früher vor allem auf Rohstoffe abgezielt hätten, sei es jetzt eine vielfältige Mischung aus Technologie, Marken und Konsumgütern. Auch konzentrierten sich Chinas Investitionen nicht mehr auf Entwicklungs- und Schwellenländer, sondern fließen zunehmend auch in Industriestaaten.

“Deutschlands Kapazitäten im Bereich der modernen industriellen Fertigung waren die wichtigsten Ziele für chinesische Investoren. Der Automobil-Bereich sowie die Industrie- und Anlagentechnik machen mehr als 65 Prozent der chinesischen Investitionen seit 2000 in Deutschland aus”, beobachten Hanemann und Mikko. Allerdings sei der sektorale Mix in den vergangenen Jahren erweitert worden: “Zunehmend stieg auch das Interesse an IT-Technik, Finanz- und Unternehmensdienstleistungen sowie an Konsumgütern. Die meisten Investitionsdeals in Deutschland waren keine ‘mega merger’, sondern kleine und mittelgroße Übernahmen.”

Marktanteile und Know-How durch Unternehmenskäufe

Die meisten der nach Deutschland fließenden chinesischen Direktinvestitionen sind laut der Studie Unternehmenskäufe (82 Prozent), da Übernahmen einen raschen Markteintritt bzw. den Erwerb von Know-how, Marken und anderen Vermögenswerten ermöglichen. Die größten chinesischen Übernahmen in Deutschland waren Lenovos Investition in Medion (530 Millionen Euro, 2011), AVICs Übernahme von Hilite International (473 Millionen Euro, 2014) sowie die Investition von Weichai Power in die Kion Group (467 Millionen Euro, 2012).

“Deutschland ist allerdings auch eines der Hauptzielländer für Investitionen in Neugründungen, was die Position des Landes als größte Volkswirtschaft im Herzen Europas verdeutlicht”, ergänzen die Autoren. 11 Bedeutende Neugründungen im Bereich industrielle Produktion sind demnach Sanys Produktionsstätte in Bedburg in der Nähe von Köln und das Werk von Greatview Aseptic in Sachsen-Anhalt (Halle/Saale), wo Verpackungen hergestellt werden.

Ein jüngerer Trend sind die steigenden Investitionsausgaben chinesischer Firmen für Forschung und Entwicklung, Finanzen und andere moderne Dienstleistungen. So hat zum Beispiel Huawei 2014 in ein Technikzentrum in München investiert. Große chinesische Banken wie die Industrial and Commercial Bank of China oder die Agricultural Bank of China haben Tochtergesellschaften in Frankfurt gegründet.

Chinesische Direktinvestitionen Deutschland

Chinesische Direktinvestitionen in Deutschland, 2000 bis 2014 – Grafik: MERICS
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Risiken nicht unterschätzen

Nach Einschätzung von Hanemann und Mikko bietet China zwar in erster Linie eine einmalige Gelegenheit, neues Kapital nach Europa zu bringen, um die Investitionstätigkeit und das Wirtschaftswachstum wieder in Gang zu bringen. Aber: Es bestehen auch berechtigte Bedenken, die sich aus Chinas besonderem Politik und Wirtschaftssystem ergeben.

“Wenn diese Bedenken nicht ausgeräumt werden, können Gefahren für die europäischen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen entstehen. Gleichzeitig droht die gesellschaftliche Akzeptanz der europäischen Investitionsfreiheit (weiter) unterminiert zu werden”, warnen die Studienautoren jedoch. Wegen der besonderen Umstände, unter denen China zu einem globalen Investor aufsteige, seien Risikoszenarien vorzubereiten, um im Bedarfsfall gerüstet zu sein.

Karoline Kopp