Daimler muss Hunderttausende Fahrzeuge zurückrufen. Auch vielverkaufte Mercedes-Modelle sind darunter.

Daimler muss Hunderttausende Fahrzeuge zurückrufen. Auch vielverkaufte Mercedes-Modelle sind darunter. - Bild: Daimler

Der Diesel-Skandal in der deutschen Autobranche weitet sich drastisch aus. Daimler muss wegen des Vorwurfs einer unzulässigen Abgastechnik europaweit 774.000 Fahrzeuge zurückrufen, darunter 238.000 in Deutschland. Dies werde das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) unverzüglich anordnen, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Montag nach einem Gespräch mit Konzernchef Dieter Zetsche in Berlin.

Daimler will den Rückruf umsetzen, kündigte aber einen Widerspruch an. Im VW-Konzern rückt nun auch Audi-Chef Rupert Stadler in den Fokus der Ermittler.

Bei Daimler dehnt sich der Verdacht jetzt auf häufig verkaufte Volumen-Modelle von Mercedes aus. Betroffen sind laut Ministerium der sportliche Geländewagen GLC 220d und ein Modell der C-Klasse (C 220d). Bis auf wenige Ausnahmen sind die Autos nach Konzernangaben in drei Millionen Diesel enthalten, für die Daimler ohnehin schon ein freiwilliges Update der Motor-Software angekündigt hatte.

Bisher hatte das KBA für den Mercedes-Kleintransporter Vito 1,6 Liter mit der neuen Norm Euro 6 eine unzulässige Abschalteinrichtung der Abgasreinigung festgestellt und einen Rückruf angeordnet - betroffen sind weltweit 4900 Fahrzeuge, darunter gut 1370 in Deutschland. Daimler hatte auch diesem Vorwurf widersprochen.

Zetsche sagte beim Verlassen des Ministeriums, man werde sich «unverzüglich» um die Software der betroffenen Fahrzeuge kümmern. Zugleich kündigte er Widerspruch an, um die rechtlichen Fragen zu klären. Nach Scheuers Worten hat Daimler erklärt, "dass mit maximalem Abarbeitungstempo und in kooperativer Transparenz mit den Behörden die vom Bund beanstandeten Applikationen in der Motorsteuerung beseitigt werden." Scheuer hatte Zetsche bereits vor zwei Wochen zu einem ersten Gespräch geladen, um mehr Informationen zu bekommen.

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Unter den Daimler-Beschäftigten sorgen die Diesel-Vorwürfe laut Betriebsrat zunehmend für Unruhe. "Ihre größte Sorge ist, dass rund um das Thema Abgas noch viel mehr auf den Tisch kommen könnte als bisher bekannt", sagte der Betriebsratsvorsitzende des Motorenwerks in Untertürkheim, Wolfgang Nieke, den "Stuttgarter Nachrichten" und der "Stuttgarter Zeitung" (Dienstag). Zetsche habe anfangs gesagt, dass bei Daimler nicht betrogen werde - darauf hätten sich die Beschäftigten verlassen. Bei Betriebsversammlungen um den 20. Juni herum würden die Beschäftigten Antworten hören wollen.

Razzia bei Audi-Chef

Im Fall Audi leitete die Münchner Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Unternehmenschef Stadler sowie ein weiteres Vorstandsmitglied ein. Zur Sicherung von Beweismaterial seien beider Privatwohnungen durchsucht worden, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Sie legt ihnen "Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung zur Last". Die beiden hätten Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung in Europa in den Verkehr gebracht. Die Zahl der Beschuldigten sei damit auf 20 gestiegen. Stadler ist seit elf Jahren Audi-Chef.

Beim Mutterkonzern Volkswagen hieß es, es gelte weiterhin die Unschuldsvermutung. Ein Audi-Sprecher sagte in Ingolstadt: "Wir kooperieren vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft."

Ende der "Salamitaktik"

Stadler soll nach der Aufdeckung der Manipulationen in den USA von falschen Abgaswerten auch in Europa gewusst haben, aber anders als in den USA keinen Vertriebsstopp angeordnet haben. Die Ermittler stützten sich auf die Auswertung von Korrespondenz, verlautete aus Ermittlerkreisen. Im März 2017 und im Februar 2018 hatte es in der Audi-Zentrale in Ingolstadt und im Werk Neckarsulm Razzien gegeben. Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220 000 Dieselautos mit Schummelsoftware verkauft haben.

Die Verbraucherzentralen forderten ein Ende der "Salamitaktik" im Abgas-Skandal. «Es kann nicht sein, dass ein Autokonzern nach dem anderen mit jahrelanger Verzögerung und erst nach Detektivarbeit entlarvt wird», sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller. Scheuer müsse "die Daumenschrauben anziehen". Daimler müsse Garantien abgeben, dass die Umrüstungen sinnvoll seien und keinen Schaden nach sich zögen.

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