Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW.

Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW.

Können mit der neuen Initiative ungeeignete gesetzliche Vorschriften verhindert werden? Dazu sprachen wir Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW.

Herr Dr. Schäfer, warum hat der VDW das Label Blue Competence initiiert?

Angesichts rapider Klimaveränderung stehen Nachhaltigkeit und Energieeinsparung international ganz oben auf der politischen und öffentlichen Agenda, zumindest auf dem Papier. Rund ein Viertel der Primärenergie wird in der Industrieproduktion verbraucht. Da konnte es nicht lange dauern, bis sich die politische Aufmerksamkeit auf die Produktionstechnik richtet. Seit 2008 beschäftigt sich die europäische Umweltpolitik im Rahmen der EuP-Richtlinie, – das ist die Richtlinie zur umweltgerechten Gestaltung energiebetriebener Produkte, – intensiv mit der Werkzeugmaschine. Die Begründung lautet: Werkzeugmaschinen verbrauchen viel Energie und müssen geregelt werden, weil der Markt nicht funktioniert. Beabsichtigt ist es, konkrete Anforderungen für die energieeffiziente Werkzeugmaschine zu definieren. Verbesserungsmaßnahmen sollen kontinuierlich erfolgen und natürlich vor allem quantifizierbar sein. In Kooperation mit dem europäischen Werkzeugmaschinenverband CECIMO verfolgt der VDW das Ziel, die Europäische Kommission über die Lösungskompetenz der Branche zu informieren und für unseren Ansatz zur Umsetzung der EuP-Richtlinie in der Kommission zu werben. Wir bündeln die deutschen Interessen unter der Marke Blue Competence, um ein höheres Maß an Aufmerksamkeit in der Kommission erzielen.

Spielte das Thema Nachhaltigkeit zuvor nie eine Rolle?

Tatsächlich hatte die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie auch früher schon viel zur Umweltschonung in der Produktion zu bieten. Nur ein Beispiel ist die Trockenbearbeitung, die der VDW und die Industrie im Rahmen des Netzwerkes Trockenbearbeitung bereits vor gut zehn Jahren vorangetrieben haben. Damals stand allerdings noch keine ausformulierte Markenstrategie dahinter. Auch war die Integration von Umweltaspekten im Zuge von Neuentwicklungen und Effizienzsteigerung der Maschinen so selbstverständlich, dass nicht viel darüber gesprochen wurde. Schon gar nicht wurde Nachhaltigkeit als Verkaufsargument eingesetzt. Mit Blue Competencehat die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie dieses Feld nun mit einer aufmerksamkeitsstarken Marke aktiv besetzt und sich damit an der Spitze im internationalen Wettbewerb positioniert.

Wie reagieren die Hersteller auf die Initiative?

Viele Werkzeugmaschinenanbieter haben zwischenzeitlich die Relevanz des Themas erkannt und arbeiten an Lösungen zur Verbesserung des Wirkungsgrads ihrer Maschinen. Mindestens genauso wichtig wie die technische Umsetzung ist es, diese Verbesserungen für den Kunden transparent zu machen. Blue Competence als gemeinsames Dach hilft den Anbietern, das Thema auch bei ihren Abnehmern zu etablieren und bei ihnen Nachfrage zu schaffen. Allein auf der jüngst zu Ende gegangen Metallbearbeitungsmesse AMB Stuttgart kommunizierten 27 Hersteller unter der Marke Blue Competence ihren Beitrag zum Thema Energieeffizienz. Insgesamt haben sich bisher bereits 48 Unternehmen in und um den Werkzeugmaschinenbau an unseren verschiedenen Blue Competence-Aktivitäten beteiligt.

Wie geht es jetzt weiter?

In diesen Tagen hat der VDW die Voraussetzungen geschaffen, die Kampagne weiter in die Breite zu tragen. Er hat seinen Mitgliedern die kostenfreie Nutzung der Marke für eigene Kommunikationsaktivitäten angeboten. Dies ist an eine Reihe unternehmensspezifischer und inhaltlich technischer Voraussetzungen geknüpft, die dokumentieren, dass es dem Unternehmen ernst ist mit einem verantwortungsvollen Ressourcenumgang. Eine unternehmensspezifische Voraussetzung ist beispielsweise die Existenz eines Managementsystems, das ökologische Ziele mit einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess verfolgt. Eine inhaltlich technische Voraussetzung ist z.B. der Einsatz energieeffizienter Komponenten und Aggregate. Damit erklärt das Unternehmen verbindlich, welche Angebote den Kunden bereits zur Verfügung stehen. Insgesamt wurden acht unternehmensspezifische Voraussetzungen definiert, die mit einem Punktesystem bewertet sind. Das Unternehmen muss mindestens 150 Punkte erreichen, wenn es mit Blue Competencewerben will. Von sechs inhaltlich technischen Voraussetzungen müssen mindestens zwei bereits am Markt sein. Mit der Unterschrift unter die Nutzungsbedingungen für Blue Competenceerklärt das Unternehmen aktiv seine Bereitschaft, mit Zulieferern und Kunden in den Dialog über nachhaltige Fertigungstechnik einzutreten. Das schafft hohe Verbindlichkeit.

Kann mit dieser Eigeninitiative ungeeigneten gesetzlichen Vorschriften vorgebeugt werden?

Das hoffen wir. Wir sind jedenfalls überzeugt davon, dass die Vorgaben der Richtlinie am besten erfüllt werden können, wenn die Industrie den Prozess zur ökologischen Gestaltung von Werkzeugmaschinen in die eigene Hand nimmt. Das bedeutet, die Industrie selbst organisiert ein Netzwerk, in dem die erforderlichen Daten gesammelt und an die Kommission geliefert werden. Nach Präsentation unserer Vorstellungen Ende vergangenen Jahres hat die EU-Kommission diese zunächst positiv bewertet. Die europäische Werkzeugmaschinenindustrie ist aufgefordert, ein Konzept für die Umsetzung der Selbstregulierung nach den Maßgaben der Richtlinie weiter auszuarbeiten und zu detaillieren.

Die Politiker hören also auf Ihre Vorschläge?

Die Industrie kann in Eigeninitiative viel mehr bewegen als die Politik in langen, teuren und aufwändigen Verfahren, wenn sie denn vom Sinn der Maßnahmen überzeugt ist. Hier hat die EU-Kommission jedoch nach unserem Eindruck kein Vertrauen in die Industrie. Zudem unterschätzt sie die Komplexität des Themas. Parallel zu den Industrieaktivitäten hat sie zwei Berliner Fraunhofer Institute beauftragt, den SRI-Ansatz mit unserem Modularkonzept zu evaluieren und andere Bewertungsverfahren zu erarbeiten. Aus unserer Sicht ist dies eine Verschwendung von Steuergeldern, denn die Institute sollen etwas prüfen bzw. für die Umsetzung im Rahmen von EuP empfehlen, von dem noch niemand wirklich weiß, wie es geht, also ohne Absicherung durch die Praxis! Unter dem Diktat der knappen Kassen hat sich diese Untersuchung nun auch noch verselbständigt. Der Untersuchungsgegenstand ist nicht mehr auf die Metallbearbeitung beschränkt wie zunächst von der Kommission vorgegeben, sondern bezieht auch Teile der Holz-, Gummi- und Kunststoffverarbeitung sowie funktional noch weiter entfernte Anwendungen, wie das Bearbeiten von Stein und anderen natürlichen Materialien ein. Damit sind auf einen Schlag weitere Maschinenbranchen im VDMA betroffen, die davon zuvor nichts ahnten.

Hat die Industrie darauf bereits reagiert?

Die Verbände haben harsch gegen diese Vorgehensweise protestiert. Zum einen weckt die Erweiterung des Untersuchungsgegenstands im laufenden Projekt ohne Vorankündigung Zweifel an der Verlässlichkeit der EU-Vorgehensweise. Zum zweiten ist nicht plausibel, warum der Untersuchungsgegenstand auf die genannten Branchen erweitert wurde. Damit stellt sich die Frage nach Qualität und Sinngehalt der Studienergebnisse. Wenn nicht einmal alle Maschinen aus der Werkzeugmaschinenindustrie in einen Topf gehören, wie kann dann die Analyse völlig unterschiedlicher Maschinengattungen zu praktikablen Maßnahmen führen? Bisher blieb die Verbandskritik seitens der EU-Kommission unbeantwortet.

Sehen Sie bei dem Thema Nachhaltigkeit auch über die Grenzen Europas hinaus?

Für den VDW macht Nachhaltigkeit nicht an den europäischen Grenzen Halt. Die Werkzeugmaschinenindustrie muss sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Deshalb kommunizieren wir Blue Competence bei vielen Gelegenheiten auch international, beispielsweise in China, den USA und Japan. Um einen einheitlichen Bewertungsmaßstab dafür zu erhalten, was energieeffiziente Werkzeugmaschinen ausmacht, bringen wir unsere Ziele auch in die internationale Normung ein. Der VDW hat ein Normungsprojekt bei ISO auf den Weg gebracht, um eine für den Werkzeugmaschinenbau anwendbare Bewertungsmethode international zu definieren und abzustimmen. Beim Auftakt Mitte dieses Jahres waren sieben Länder beteiligt, neben Deutschland Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Portugal und die Schweiz. Sie werden bis Ende des Jahres den ersten Arbeitsentwurf für eine ISO-Norm vorlegen. Damit wird ein Abstimmungsprozess notwendig, der zweifellos auch weitere Länder mit ins Boot holen wird.

Wird die Energie-Effiziente Werkzeugmaschine langfristig zum Erfolg?

Wir sind mitten in einem Prozess, dessen Ergebnis noch offen ist. Um eines klarzustellen, die Werkzeugmaschinenindustrie ist sich ihrer Verantwortung für Nachhaltigkeit in der Produktion bewusst. Sie hat daher großes Interesse daran, dass die „energieeffiziente Werkzeugmaschine“ ein Erfolg wird, denn wir haben gute Voraussetzungen dafür. Wir haben kein Interesse daran, dass durch Regulierung ohne eine bewährte, praktikable Bemessungsgrundlage ein funktionierender Markt zerstört wird.