DÜSSELDORF (ks). Durch den wachsenden Einsatz von intelligenten IT-Komponenten in Autos werden bis 2025 in Deutschland 40.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Allein die zukünftige Elektromobilität erfordert eine starke Zunahme elektrischer Bauteile und deren Vernetzung, so dass künftig über die Hälfte der Wertschöpfung der Automobilhersteller auf dieses Segment entfallen werden. Das geht aus einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney hervor, für die über 50 Top-Manager und 80 Automobil-Kunden befragt wurden. Autohersteller müssen dazu jedoch zunächst für ihre Kunden einen einfachen und kostengünstigen Zugang zu diesen Technologien finden. Die Basis dazu sind klare Standards sowie industrieübergreifende Kooperationsmodelle, die auch der deutschen IT-Industrie zu einer zweiten Chance verhelfen könnten.

Demnach wird künftig erwartet, dass durch ein starkes Wachstum ein großer Teil der Wertschöpfung in vielen Industrien durch Embedded Systems erfolgt. “Schon heute machen Embedded Systems in vielen Industrien, wie etwa der Automobilindustrie oder im Bereich Consumer Electronics, rund 50 Prozent der Wertschöpfungskosten aus”, sagt Michael Römer, Principal bei A.T. Kearney und Leiter der Studie.

Künftig werden neue Anwendungen und Dienstleistungen diesen Anteil noch weiter erhöhen, so A.T. Kearney. Insbesondere in der Automobilindustrie sei jetzt schon ein starkes Wachstum zu beobachten, da immer mehr Funktionen in Autos realisiert und damit Differenzierungsmerkmale gegenüber Wettbewerbern geschaffen werden. “Fahrassistenzsysteme sind nur der Anfang für eine ganze Reihe neuer Funktionen, die in den PKW Einzug halten. Zudem erfordern aktuelle Trends, wie die Elektromobilität, einen breiten Einsatz von Embedded Systems, da neue Funktionen, für beispielswiese intelligentes Batteriemanagement oder die Abrechnung der Ladezyklen (Smart Metering) hinzukommen”, sagt Andreas Kramer, Berater in A.T. Kearneys Automotive Practice. “Auch werden zukünftige Anwendungen zum effizienten und sicheren Fahren, wie Car-2-Car & Car-2-Infrastructure-Kommunikation neue Elektronik und Software benötigen.”

40.000 neue Jobs in Deutschland

“Allein die zusätzlichen Anwendungsfelder in der Automobilindustrie schaffen bis 2025 40.000 neue Arbeitsplätze in Deutschland”, so Römer: “Der größte Teil des Wachstums kommt dabei aus Systemen für die nachhaltige Mobilität sowie aus Sicherheits- und Assistenzsystemen.” Die A.T. Kearney-Experten gehen davon aus, dass um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, jährlich rund vier Prozent mehr Stellen als im jeweiligen Vorjahr zu besetzen sind.
Neben einem starken Wachstum in der Automobilindustrie erwarten die A.T. Kearney-Experten auch eine starke Zunahme in anderen Branchen. Auch die Bereiche Anlagenbau, Unterhaltungselektronik sowie Medizintechnik werden durch eine stärkere Vernetzung der Systeme stark wachsen”, sagt Römer: “Wir glauben, dass man insgesamt von einem Wachstum bis 2025 von über 100.000 Arbeitsplätzen in Deutschland ausgehen kann.”

Industrie muss kooperieren

“Ein solches Wachstum setzt jedoch voraus, dass die noch bestehenden Barrieren von Wirtschaft und Politik beseitigt werden”, so Römer. Aus Kundensicht ist heute der direkte Nutzen oft noch nicht klar oder zu komplex; zudem sind in der Regel die Preise zu hoch. Auch für Unternehmen ergeben sich heute noch viele Schwierigkeiten. Der Industrie fehlt es an Standards und IT-Experten, zudem sind Industriestruktur und Geschäftsmodelle noch nicht ausreichend entwickelt. “Die Unternehmen müssen Cross-industriell zusammenarbeiten und gemeinsam Anwendungen und Standards entwickeln”, so Römer: “Embedded Systems sind immer noch weit unten auf der Agenda der Entwicklungschefs – das muss sich ändern”. Kritisch sehen die A.T. Kearney-Experten zudem die deutschen Ausbildungsmöglichkeiten: Heute gibt es noch zu wenige Studiengänge mit Fokus auf dieses spezielle Segment – lediglich eine Hand voll Hochschulen bilden hier Praxis nah aus.

IT muss auf die Agenda der Entscheider

Einen der wichtigsten Gründe für den mangelnden Nutzenbeitrag durch Embedded Systems sehen die A.T. Kearney-Experten vor allem in der “klassischen” Wahrnehmung der IT durch das Top-Management als reinen Kostenfaktor. Die IT ist bisher meist noch weit davon entfernt, von den Unternehmen als Wachstumshebel angesehen zu werden: So involvieren lediglich 19 Prozent der für die Studie befragten Unternehmen die IT bereits in der initiierenden Strategiephase von Wachstumsprojekten. In der Regel werden die IT-Verantwortlichen sogar erst hinzugezogen, wenn die Planungsphase bereits abgeschlossen ist (33%).

Zweite Chance für die IT

“Neben der Autoindustrie könnte vor allem die deutsche IT-Industrie deutlich profitieren. Deutsche IT-Unternehmen haben die Möglichkeit frühzeitig eine weltweit führende Rolle für Embedded Systems einzunehmen und sollten den Vorteil der Nähe zu den weltweitführenden deutschen Autobauern voll ausspielen”, so Römer. Wichtig sind dabei vor allem drei Dinge:

- Fokussierung auf den Kundennutzen, der stark im Vordergrund steht und auch vermittelbar/leicht zu bedienen sein muss.
- Stärkung der Zusammenarbeit von Unternehmen zur Erschließung neuer Anwendungsfelder, für die Endkunden bereit sind zu zahlen, und die gleichzeitige Entwicklung branchenübergreifender Geschäftsmodelle.
- Ausbau eines praxisorientierten und breiten Ausbildungsangebots, das über das klassische Ingenieurs- oder Informatikstudium hinausgeht.

“Sofern diese Aspekte adressiert werden, sind wir sicher, dass die IT, insbesondere vor dem Hintergrund einer starken deutschen Automobilindustrie, eine sehr gut Ausgangslage hat, um das Feld Embedded Systems erfolgreich zu besetzen”, so Römer.

Die Studie basiert auf einer deutschlandweiten Befragung von 50 Managern aus der gehobenen und mittleren Ebene der Bereiche IT, Entwicklung sowie Vertrieb. Befragt wurden überwiegend Unternehmen aus der Automobilindustrie sowie zahlreiche Experten aus der Kommunikations- und Transportbranche. Kundenanforderungen wurden aus über 80 Tiefeninterviews abgeleitet und mit verschiedenen Marktexperten interpretiert.