HGÜ (Hochspannungsgleichstromübertragung) statt Drehstrom – das gesamte Energiesystem ändert

HGÜ (Hochspannungsgleichstromübertragung) statt Drehstrom – das gesamte Energiesystem ändert sich; davon profitieren deutsche Automatisierer (Bild: Siemens).

von Sabine Spinnarke

LANDSBERG (ks). Derzeit beträgt der Ökostromanteil in Deutschland bereits 20 %. Bis 2020 wird er – geht es nach dem Willen der Regierung – bei 35 % liegen, 2050 bei 80 %. Dazu braucht es jede Menge Automatisierungstechnik. „Allein eine Windkraftanlage benötigt, bezogen auf die Menge der erzeugten Energie, ein Vielfaches an Automatisierungstechnik im Vergleich mit einem konventionellen Kraftwerk“, erläutert Roland Bent, Geschäftsführer Entwicklung und Marketing, Phoenix Contact. Mit Windkraft alleine ist es allerdings nicht getan: „Die heutigen Stromversorgungsnetze sind weder für einen steigenden Strombedarf noch für den zunehmenden Anteil regenerativer, stark schwankender Stromerzeugung ausgelegt. Das Netz muss zu einem Smart Grid ausgebaut werden, damit mehr erneuerbare Energiequellen sinnvoll ins Netz integriert werden können“, fordert Dietrich Biester, Division Smart Grid im Siemens-Sektor Infrastructure and Cities.

Neben dem Ausbau des gesamten Netzes mit intelligenter Technik, wie Sensorik, Mess- und Kommunikationstechnik fehlen noch „rund 195 000 Kilometer Verteilernetz“, berichtet Phil Dingle, Segment Manager der Firma Eaton. Insgesamt ist ein radikaler Umbau der gesamten Energielandschaft von der Erzeugung über die Verteilung bis zum Verbrauch vonnöten. Vieles davon fällt in den Zuständigkeitsbereich der Automatisierer, sagt Prof. Dr. Anton Kathrein, Vizepräsident des ZVEI: „Die Chancen der Energiewende liegen für die Unternehmen des ZVEI in der notwendigen Veränderung des Energiesystems. Technologien wie smart grid, smart meter und smart factory gewinnen an Bedeutung und diese Firmen haben die entsprechenden Technologien im Angebot.“ Wer aber die Kosten für den aufwendigen Umbau übernimmt, bleibt bislang unklar. Es gibt wenig verlässliche Angaben zur künftigen Strompreisentwicklung, das treibt das Risiko für Investoren in die Höhe. Heute in Off-Shore-Parks zu investieren, bezeichnet Thomas Richterich, Vorstand Nordex, als „pures Abenteuer”. Zu ungewiss sei der Gewinn, zu unreif die Technologie. Daher sollte der F&E-Aufwand deutlich forciert werden, was wiederum finanziert werden müsse. Weitere Risiken benennt Prof. Kathrein: „Der Aus- und Umbau der Netze stößt auf Umsetzungshindernisse, insbesondere durch Protestbewegungen der Bevölkerung. Es muss eine Akzeptanz für diese technologischen Entwicklungen geschaffen werden.“

Um mehr Akzeptanz in der Industrie für das Thema Energie-Effizienz bemühen sich zeitgleich die Automatisierer: „Eine Schlüsselrolle bei der Realisierung der Energiewende kommt der Steigerung der Energie-Effizienz zu“, bestätigt Prof. Kathrein. Die Elektroindustrie bietet hierzu bereits viele Lösungen, im Überblick präsentiert auf der Messe SPS/IPC/Drives (23.-25.11./Nürnberg). Aussteller und Foren widmen dem Thema explizit ihre Aufmerksamkeit.

aus Produktion Nr. 46, 2011