Siemens hat dem geplanten Milliarden-Börsengang von Osram eine Absage erteilt.  (Bild: Osram).

Siemens hat dem geplanten Milliarden-Börsengang von Osram eine Absage erteilt. (Bild: Osram).

von Tino Böhler und Claus Wilk

DRESDEN/LANDSBERG (ks). Anfang des 20. Jahrhunderts erschien es den drei damals führenden deutschen Glühlampenherstellern AEG, Siemens & Halske und Deutsche Gasglühlicht AG (Auer Gesellschaft) sinnvoll, die gemeinsamen Interessen zu bündeln. Daraus erwuchs die Firma Osram, deren Ziel unter anderem die Rückgewinnung verlorener Marktanteile war. Ein Kalkül, das Jahrzehnte lang aufging. Knapp 100 Jahre später ist der Markt nicht mehr wieder zu erkennen, die Glühlampe ist aus der Produktion verbannt und traditionelle Leuchtmittelhersteller wie Osram oder Philips stehen vor ihrer wohl größten Herausforderung.

Für den Wandel in der Leuchtmittelbranche gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist der technologische Wandel weg von der Glühbirne hin zur Leuchtdiodentechnik LED. Und: Für LED-Produkte werden tendenziell weniger Arbeitskräfte benötigt, Osram wird also 1050 Stellen bundesweit streichen. Gleichzeitig sind erhebliche Investitionen nötig, um mit den neuen Leuchtkörpern international bestehen zu können. Denn die Produktion von LED/OLED ist vergleichbar mit der Halbleiterherstellung, einem Bereich, indem Japaner und Amerikaner weltweit führend sind. Mit dem Start der Pilotproduktionslinie für organische Leuchtdioden (OLED) in Regensburg vergangenen Herbst hat Osram jetzt einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Volumenfertigung geschafft. Das Unternehmen hat in den Aufbau der Produktion seit einem Jahr rund 20 Mio Euro investiert und beschäftigt heute über 220 Mitarbeiter in Regensburg. Neben der bereits heute massenmarkt-tauglichen LED sind OLED für das Unternehmen die Lichtquelle der Zukunft. Osram hat laut eigenen Angaben als einziger Hersteller Produktionsstätten für LED und OLED in Europa; zwei Drittel der Investitionen in F&E fließen in diese Produktbereiche. In den vergangenen fünf Jahren hat Osram rund 50 Mio in die Erforschung und Entwicklung von OLED investiert, der Umsatzanteil mit LED-basierten Produkten am Gesamtumsatz macht 20% aus. Tendenz steigend.

Doch schaffen es alle Leuchtmittel-Hersteller, dem strukturellen Wandel adäquat zu begegnen? Stefan Rouenhoff vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Referat LB1: „Struktureller Wandel bietet große Chancen für neue Marken, Technologien, Unternehmen und Branchen. Durch ihn werden aber auch nicht-wettbewerbsfähige Unternehmen vom Markt verdrängt.“

Strukturwandel erreicht das untere Massensegment

Anders ausgedrückt ließe sich sagen, dass durch technologische Entwicklung Produkte immer wieder obsolet werden. Unternehmer müssen mit solchen Gefahren umgehen und ihre Planung darauf anpassen. Wenn es beispielsweise nicht möglich ist, eine neue Technologie – etwa OLED – zu übernehmen oder in andere Bereiche zu diversifizieren, dann ist die Existenz dieser Unternehmen, ja vielleicht dieser Branche, gefährdet. „Generell sind alle Produkte und Sektoren gefährdet“, erläutert Dr. Josef Trischler, Mitglied der Hauptgeschäftsführung VDMA, „die in Großserien gefertigt werden und fertigen, bei denen die Nähe zu Absatzmärkten mit hohen Bedarfsschwankungen irrelevant ist, deren Transportkosten eher vernachlässigbar sind, die einen relativ hohen Lohnkostenanteil aufweisen, ohne dass es sich um höchstqualifizierte Arbeit handelt.“

Gegenlaufende Faktoren seien geringe Marktgröße, die Eignung für den Einsatz flexibler Automatisierungsprozesse, ein ergiebiger heimischer Absatzmarkt und dauerhafte technologische Überlegenheit – entweder durch hohen F&E-Aufwand oder wirksamen Patentschutz. „In der Regel ergreift der Strukturwandel deswegen auch nicht eine ganze Branche, sondern deren unteres Massensegment, während die Produktion von Highend-Produkten Bestand haben kann“, so die Einschätzung von Trischler. Am Markt erfolgreich agierende Unternehmen werden also vorhandene Kompetenzen weiter stärken, sich technologische Vorsprünge erarbeiten und neue Absatzmärkte systematisch erschließen. „Nicht nachlassende Anstrengungen zu Qualität, zu technologischer Führerschaft und zu steigender Produktivität sind wichtig, aber nicht ausreichend“, ergänzt Josef Trischler. Dazu seien ebenso Markt- und Technologiebeobachtung zur Wahrnehmung von Umbrüchen, Bereitschaft zum Wandel sowie die finanzielle Stabilität zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit nötig.

aus Produktion Nr. 7, 2012