VDMA-Präsident Dr. Thomas Lindner:

VDMA-Präsident Dr. Thomas Lindner: "Finger weg von einer Regulierung der Zeitarbeit." Bild: VDMA

Fast zwei Drittel der Unternehmen, die in den kommenden Jahren einen Bedarf an Ingenieuren haben, erwarten einen Bewerbermangel, ergab eine VDMA-Studie. 5000 offene Ingenieursstellen gibt es derzeit bereits.

Gunnar Knüpffer

FRANKFURT. Der Fachkräftemangel im Maschinen- und Anlagenbau wird derzeit wieder konkret. Darauf wies der neue VDMA-Präsident Dr. Thomas Lindner bei seiner ersten Pressekonferenz in Frankfurt hin. In der Branche gibt es, obwohl die Krise kaum vorbei ist, schon wieder rund 5 000 offene Ingenieursstellen. Anders als in früheren Erholungsphasen geht die Zahl der Arbeitslosen schneller zurück. „Dieses Jobwunder ist der Vorbote einer dramatischen Zuspitzung“, sagte Lindner, „das Angebot an Fachkräften wird zum limitierenden Faktor – und zwar in der Produktion selbst, aber auch für Forschung und Entwicklung.“
Einen Bewerbermangel erwarten fast zwei Drittel der Unternehmen, die in den kommenden Jahren einen Bedarf an Ingenieuren haben, ergab die aktuelle VDMA-Ingenieurerhebung 2010. Drei Viertel der Unternehmen, die Ingenieure für eine Auslandstätigkeit suchen, befürchten, dass sie nicht genügend Bewerber für die Stelle finden.
Im Vergleich zum Jahr 2007 stieg die Zahl der im deutschen Maschinen- und Anlagenbau beschäftigten Ingenieure trotz konjunkturellen Einbruchs um über 7 000 auf 167 500. Damit sind 16,1 % der 909 000 Festangestellten in der Branche Ingenieure. Dieser Anteil wird der Ingenieurbefragung zu Folge in den kommenden Jahren noch steigen: Für die nächsten fünf Jahre rechnen 55 % der Befragten mit einer Zunahme der Zahl der Ingenieure in ihrer Firma.
Das Problem des Fachkräftemangels wird laut VDMA-Präsident alleine durch Zuwanderung nicht in den Griff zu bekommen sein. „Wir müssen uns schon selbst um die eigenen Potenziale  kümmern“, sagte Lindner in Frankfurt. 2008 hätten fast 440 000 Jugendliche die Schule, eine Berufsausbildung oder ein Studium abgebrochen, das sei jeder sechste. Zudem weise jeder fünfte Jugendliche in Deutschland eine so geringe Kompetenz in Lesen und Mathematik auf, dass er auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt kaum eine Chance habe. Das sei ein Skandal gegenüber der jüngeren Generation, sagte Lindner.
Der VDMA-Präsident forderte einen Paradigmenwechsel bei der Bildung: „Wir müssen – statt einer inputorientierten Vorgehensweise unter den Schlagwörtern „mehr Geld, mehr Lehrer“ – eine ergebnisorientierte Ausrichtung finden.  Dies bedeutet, wir brauchen klare, verbindliche Vorstellungen darüber, welche Ziele mit dem Bildungssystem verfolgt werden sollen und müssen, damit endlich auf Effizienz geachtet wird.“
Außerdem will Lindner dazu beitragen, dass nicht mehr so viele junge Leute ihr Studium abbrechen; das sind derzeit immerhin 46 % der Studienanfänger. Das seien junge Leute, die eine „technische Motivation haben“. „Wir dürfen sie nicht verlieren, sondern müssen ihnen eine Chance geben“, forderte der Verbandspräsident. Aus diesem Grund hat die Stiftung Impuls des VDMA eine Ursachenanalyse des Studienabbruchs durchgeführt, jetzt erstellt sie ein Indikatorenset, mit der eine Abbruchgefährdung diagnostiziert werden kann.
Auch will Lindner die Maschinenbaubranche für Frauen attraktiver machen, die derzeit dort noch prozentual unterrepräsentiert seien. Zudem möchte er die „zahllosen, intelligenten Personen mit Migrationshintergrund“ für die Arbeitswelt gewinnen. „Gerade wir, als internationale Industrie, könnten so viele von ihnen gebrauchen in unserem internationalen Netzwerk“, warb Lindner, „sie hätten bei uns – vorausgesetzt sie sind bildungswillig – unendlich viele Chancen, ihren Hintergrund einzubringen.“
Sichtbar wird der Aufschwung des Maschinen- und Anlagenbaus in seinem Auftragseingang: Dieser stieg im September um real 28 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dabei wuchs das Inlandsgeschäft um 33 %, die Auslandsnachfrage erhöhte sich um 26 %.
In dem von kurzfristigen Schwankungen weniger beeinflussten Dreimonatsvergelich Juli bis September 2010 ergab sich ein Plus von 40 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dabei stiegen die Inlandsaufträge um 34 %, die Auslandsaufträge um 43 %.
„Die Orderentwicklung im September bestätigt den bereits im August aufgekommenen Eindruck einer Wachstumsverlangsamung“, sagte der VDMA-Präsident. Nachholeffekte, die wesentlichen Anteil an den extremen Zuwächsen des ersten Halbjahres gehabt haben dürften, verliehen kaum noch zusätzliche Impulse. „Die Investoren schalten offenbar in den Normalmodus“, meinte Lindner.