„In den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach Fachkräften die Verfügbarkeit immer stärker

„In den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach Fachkräften die Verfügbarkeit immer stärker übersteigen“, warnt A.T. Kearney-Berater Dominik Foucar (Bild: Alexander Raths, Fotolia.com).

Bis 2030 werden bis zu 30 000 Stellen in der deutschen Chemieindustrie nicht besetzt werden können. Fehlende Forscher und Entwickler beeinträchtigen die Innovationskraft, so A.T. Kearney.

Gunnar Knüpffer
DÜSSELDORF. Die deutsche Chemieindustrie kann schon bald durch den Fachkräftemangel ausgebremst werden. „In den kommenden Jahren wird in der deutschen Chemieindustrie der Mangel an qualifizierten Fachkräften kontinuierlich steigen“, sagt Dominik Foucar, Berater in der Chemie und Öl Practice von A.T. Kearney. Fourcar hat zusammen mit dem Leiter der Practice Dr. Tobias Lewe eine Studie zum Fachkäftemangel an Chemiestandort Deutschland erstellt. „Die Situation wird sich sukzessive inbesondere nach dem Jahr 2020 verschärfen“, warnt der Berater von A.T. Kearney. Bis zum Jahr 2030 würden bis zu 30 000 Stellen in der deutschen Chemieindustrie unbesetzt bleiben. Diesen Prognosen wurde ein Wachstum der Chemieindustrie von rund 1% und ein Renteneintrittsalter von 65 Jahren zu Grunde gelegt.
Dass die Beschäftigung in der deutschen Chemieindustrie unter anderem auf Grund von Produktivitätssteigerungen seit 1997 kontinuierlich schrumpft, kann den Effekt der Studie zu Folge nicht mehr ausgleichen. Bis zum Jahr 2030 werde die Zahl der Beschäftigten von heute etwa 306 000 um weitere 100 000 sinken.
Als Folge werden wichtige Umsatzpotenziale unerschlossen bleiben, heißt es in der Studie. Insbesondere das Fehlen von Fachkräften im Bereich Forschung & Entwicklung sowie in der technischen Entwicklung werde zudem die Innovationskraft hiesiger Chemiefirmen im gobalen Wettbewerb schwächen.
Nach den Einschnitten in der Wirtschafts- und Finanzkrise ist die deutsche Chemieindustrie zurück auf Wachstumskurs: Die Umsätze stiegen 2010 um 17,5 % und das Produktionsvolumen erhöhte sich um 11 %. A.T. Kearney erwartet zwar für 2011 ein etwas langsameres Erholungstempo, dennoch seien die Prognosen positiv. So werde die Produktion um 2,5 % ausgeweitet, die Umsätze sollen um 4 % steigen und die Preise um 1,5 %. „Ein wesentlicher Grund für das moderate weitere Mengenwachstum liegt darin, dass ein Teil des starken Volumenwachstum 2010 auf Re-Stocking-Effekte zurückzuführen ist, nachdem in der Krise Bestände drastisch heruntergefahren worden waren“, sagt Dr. Lewe.„Der demographische Wandel, der sich durch Geburtenrückgang und Überalterung in der Bevölkerung vollzieht, spiegelt sich zunehmend auch in der Personalstruktur vieler Unternehmen wider“, stellt Foucar fest. In den kommenden Jahren werde die Nachfrage nach Fachkräften die Verfügbarkeit immer stärker übersteigen, auch weil altersbedingt deutlich mehr Fachkäfte aus dem Berufsleben austeigen werden. Seien 2010 noch 5000 Beschäftigte der deutschen Chemieindustrie in Rente gegangen, würden es bis 2025 im Schnitt 7 500 pro Jahr sein.
A. T. Kearney regt ein breit angelegtes Maßnahmenpaket von Politik und Wirtschaft gegen den Fachkräftemangel an:
Um die Verschiebungen in der Bevölkerungspyramide auszugleichen, sollten qualifizierte Mitarbeiter länger im Unternehmen gehalten und die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte weiter gefördert werden.
Außerdem sollten Frauen stärker integriert und gleichzeitig Maßnahmen ergriffen werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.
Wichtig ist, dass sich Unternehmen und Universitäten besser miteinander vernetzen und so wissenschaftliche Lehre und praktische Ausbildung besser miteinander integrieren. Vor allem Naturwissenschaftlern fehlt oftmals der Praxisbezug. Abhilfe können etwa zeitliche Freiräume für Praktika schaffen.
Auch finanzielles Engagement ist nötig, um Bildung und fortwährende Qualifizierung zu ermöglichen. Die Wirtschaft muss in die Hochschullandschaft der Zukunft mit investieren.
Aber auch der Staat ist gefordert. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt lagen die Bildungsausgaben des Staates im internationalen Vergleich 2010 im unteren Drittel, in etwa auf dem Niveau von Griechenland.