Von Beate Preuschoff, Dow Jones Newswires

BERLIN (ks)–Die deutschen Unternehmen planen für das laufende Jahr Investitionen im Ausland wie noch nie. “Damit schreitet die Internationalisierung der deutschen Industrie rasant voran”, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung der Ergebnisse einer Untersuchung zur internationalen Verflechtung der deutschen Wirtschaft.

Der Kapitalstock deutscher Produktionsanlagen im Ausland könnte sich 2011 voraussichtlich netto um 100 Mrd Euro erhöhen, sagte Treier. Das dahinter stehende Bruttoinvestitionsvolumen in Form direkter Investitionen deutscher Industrieunternehmen wie auch von Beteiligungsfinanzierungen liege noch höher. Dadurch dürften 2011 rund 300.000 neue Arbeitsplätze im Ausland entstehen.

Der Anteil der Industrieunternehmen, die höhere Investitionen als im Vorjahr im Ausland planten, liege bei 44%. Nur noch 9% planten geringere Auslandsinvestitionen. Erstmals sei China die Zielregion Nummer eins für das Auslandsengagement deutscher Unternehmen und löse damit Europa ab.

Hauptmotiv für Auslandsinvestitionen sei immer seltener die Verlagerung von Produktionsstätten, um Kosten zu verringern. Vielmehr stehe die Markterschließung und der Aus- und Aufbau von ausländischen Standorten im Vordergrund. Immerhin jedes fünfte Unternehmen gibt Handelshemmnisse wie etwa Wettbewerb verzerrende hohe Zölle und Einfuhrbeschränkungen als Grund für Auslandsinvestitionen an. “Handelshemmnisse sind derzeit sogar ein wichtigerer Investitionsgrund als die Nähe zu Lieferanten oder die Absicherung gegenüber Währungsschwankungen”, sagte Treier.

China löst Europa als Zielregion Nr. 1 ab

Doch nicht nur die Motive für Auslandsinvestitionen ändern sich, sondern auch die Richtung: “Zielregion Nummer eins für das Auslandsengagement deutscher Unternehmen ist erstmals China”, sagte Volker Treier in Berlin. Damit löse die Volksrepublik Europa ab. Und: “Angesichts der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung in Asien und Lateinamerika nehmen unsere Unternehmen diese Märkte immer stärker ins Blickfeld.”

Die jetzt geplanten Investitionen im Ausland gehen der Untersuchung zufolge nicht zu Lasten des Inlands. “Im Gegenteil: dadurch wird der Standort Deutschland gestärkt”, sagte Treier. Die Unternehmen, die sich im Ausland engagierten, wiesen deutlich höhere Beschäftigungspläne auf als die Gesamtindustrie. Allein von den Industrieunternehmen, die 2011 im Ausland investieren wollten, würden in diesem Jahr rund 60.000 Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Damit trage die internationalisierte Industrie zu einem großen Teil zum Beschäftigungsaufbau im Deutschland bei.

Die Ereignisse in Japan und in der arabischen Welt werden Treier zufolge kurzfristig keine gravierenden Veränderungen auf die geplanten Auslandsinvestitionen der Unternehmen haben. Beide Regionen hätten bisher weniger im Fokus des Investitionsengagements deutscher Unternehmen gestanden.

Nicht nur das Engagement deutscher Unternehmen im Ausland steigt, sondern auch umgekehrt wächst das Interesse am Standort Deutschland immer weiter. Gerade nach der Krise sei festzustellen, dass die asiatischen Schwellenländer zum Sprung nach Europa ansetzten, allen voran China, aber auch Indien. China sei dabei auf dem Weg, die USA als wichtigstem Investor in Deutschland abzulösen, sagte Michael Pfeiffer, Geschäftsführer der Standortmarketinggesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI).

Für die Untersuchung, die der DIHK gemeinsam mit der Standortmarketinggesellschaft Germany Trade & Invest durchführte, wurden die Antworten von mehr als 2.000 Unternehmen ausgewertet.