Von Martin Rapp
DOW JONES NEWSWIRES

DÜSSELDORF (Dow Jones/mn)–Wie das “Handelsblatt” (HB – Montagausgabe) unter Berufung auf Verhandlungskreise schreibt, hat Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew den Essener RWE-Konzern eingeladen, sich am Nabucco-Konkurrenzprojekt South Stream zu beteiligen.

Ein Sprecher der Essener RWE AG wollte den Zeitungsbericht weder bestätigen noch dementieren. “Spekulationen und Marktgerüchte kommentiert RWE grundsätzlich nicht”, sagte er. Er betonte aber den Wert von Nabucco “für mehr Vielfalt an Gasquellen und Gastransportrouten”. Kein anderes Projekt im südlichen Korridor biete diese Vorteile und sei ähnlich fortgeschritten, ergänzte er.

Nabucco ist ein Gemeinschaftsprojekt der Unternehmen Botas (Türkei), Bulgarian Energy (Bulgarien), MOL (Ungarn), OMV (Österreich), RWE und Transgas (Rumänien). Jeder Partner hält ein Sechstel der Anteile. Die aktuelle Planung sieht den Baubeginn für nächstes Jahr vor und die Fertigstellung für 2014. Ab dann soll Erdgas vornehmlich aus der kaspischen Region aber auch aus dem Nahen Osten über die Türkei nach Europa fließen und damit Europas Abhängigkeit von russischen Lieferungen eingedämmt werden.

South Stream ist ein Vorhaben, das im Wesentlichen von Gazprom und dem italienischen Energiekonzern Eni vorangetrieben wird. Würde es Gazprom gelingen, RWE aus dem Nabucco-Konsortium herauszubrechen, wäre das Projekt kaum mehr zu halten, schreibt die Zeitung weiter. Gazprom nutze damit gezielt die momentane Schwäche des Nabucco-Konsortiums.

Nabucco soll Gas aus Ländern wie Turkmenistan und Aserbaidschan nach Westeuropa bringen. Die Verhandlungen mit den potenziellen Lieferländern gestalten sich jedoch schwierig. Trotz jahrelanger Bemühungen kann das Nabucco-Konsortium bislang keine belastbaren Lieferzusagen für die Pipeline vorweisen. Solange dies nicht der Fall ist, kann der Bau der 3.300 Kilometer langen Pipeline, die von der türkischen Ostgrenze bis nach Österreich führen soll, nicht beginnen.

Eigentlich sollten Ende Juni feste Liefervereinbarungen geschlossen sein. Nun soll in der zweiten Jahreshälfte Klarheit geschaffen werden, damit das Nabucco-Konsortium den Bau beschließen kann. Der RWE-Sprecher sagte, noch im Juli werde eine Einladung aus Aserbaidschan zu konkreten Verhandlungen erwartet. Er verwies zudem auf die jüngsten Äußerungen des nordirakischen Energieministers, der Nabucco mit Gas aus der teilautonomen Region beliefern will.

Gazprom zielt mit dem South-Stream-Projekt darauf ab, den Einfluss der Pipeline-Transitländer Belarus und Ukraine zu reduzieren. Mit beiden Ländern hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Streitigkeiten gegeben, die zu empfindlichen Störungen der Gaslieferungen führten. Die Leitungsführung von South Stream umgeht die beiden Länder durch Unterquerung des Schwarzen Meeres.