Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser: "Die meisten unserer Geschäfte haben sich im Rahmen

Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser: "Die meisten unserer Geschäfte haben sich im Rahmen unserer Erwartungen entwickelt." - Bild: Siemens

Die Siemens AG hat im ersten Quartal ihres Geschäftsjahres weniger verdient. Auch der Auftragseingang, der eine Indikation auf künftige Umsätze gibt, liegt unter dem Vorjahreswert. Lediglich der Umsatz stieg.

Hier profitierte der Industriekonzern vom schwächeren Euro. Marktbeobachter äußern sich in einer ersten Reaktion eher enttäuscht von den Geschäftszahlen. Die Siemens-Aktie ist vorbörslich mit einem Abschlag von 2,2 Prozent der schwächste Wert im Dax.

“Die meisten unserer Geschäfte haben sich im Rahmen unserer Erwartungen entwickelt. Die Division Power and Gas benötigt ein deutlich weitreichenderes Konzept, um längerfristig zu den früheren Margen zurückzukehren,” sagte Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser laut einer Mitteilung.

Requardt verlässt Siemens-Vorstand

Kaeser mahnte auch zusätzliche Anstrengungen im Healthcare-Bereich an. Deren bisheriger Chef und langjähriger Kaeser-Weggefährte Hermann Requardt nahm am Montagabend seinen Hut und verlässt das Unternehmen zum Monatsende. Nachfolgerin wird Janina Kugel, bisher Corporate Vice President Human Resources und Chief Diversity Officer im Vorstandsressort Human Resources.

Der Auftragseingang im ersten Quartal, das die Monate September bis Dezember umfasst, ging um elf Prozent auf 18,01 Milliarden Euro zurück. Der Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum hinkt indes, da Siemens seinerzeit einen 1,6 Milliarden Euro schweren Großauftrag aus Saudi-Arabien verbuchte. Ein ähnlich großer Auftrag ging dem Dax-Konzern im Berichtszeitraum nicht ins Netz. Die im ersten Quartal, das Verhältnis von neuen Aufträgen zum Umsatz, lag per Ende Dezember bei 1,03 – Siemens will diesen Wert im laufenden Geschäftsjahr über eins halten.

Der Umsatz, dessen Vergleichbarkeit durch Verkäufe und Akquisitionen ebenfalls eingeschränkt ist, legte um fünf Prozent auf 17,42 Milliarden Euro zu. Auch hier hat Siemens vom schwächeren Euro profitiert. Denn die Profitabilität von Deutschlands größten Industriekonzern, der international vor allem mit General Electric im Wettbewerb steht, ist gesunken.

Der durch die EZB-Entscheidung, in großem Stil Staatsanleihen aufzukaufen, stark unter Druck geratene Euro werde Deutschland “kurzfristig weiter helfen”, sagte Kaeser in einem TV-Interview mit dem Sender CNBC.

Neue Konzernstruktur: nur noch neun Divisionen

Das Ergebnis des industriellen Geschäftes ging um vier Prozent auf 1,82 Milliarden Euro zurück. Unterm Strich blieben im ersten Quartal des Geschäftsjahres 1,08 Milliarden Euro nach 1,43 Milliarden Euro im Vorjahr hängen. Neben der schwächeren operativen Entwicklung spielten hier auch positive Steuereffekte im Vorjahr eine Rolle.

Siemens berichtete am Dienstag erstmals in der neuen Konzernstruktur, in der die Zahl der Divisionen auf neun von 16 reduziert und die bisherigen vier Sektoren gänzlich eliminiert wurden.

Hier zeigt sich vor allem die Schwäche von Power and Gas und auch des Healthcare-Geschäftes. Bei Power and Gas, das Siemens erst vor kurzem mit milliardenschweren Zukäufen von Rolls-Royce und Dresser Rand verstärkt hat, sank die Marge auf 11,3 Prozent, nachdem sie im Vorjahreszeitraum noch 18,2 Prozent betragen hatte.

Auf einer Pressekonferenz in München gestand Kaeser ein, dass er wegen des niedrigeren Ölpreises weniger Aufträge aus diesem Sektor erwartet, das sei bereits spürbar. Kaeser schloss auch nicht aus, dass Öl-exportierende Länder Infrastruktur-Projekte auf Eis legen. Gleichwohl helfe der gesunkene Ölpreis aber auch den Schwellenländern, die mehr in Infrastruktur investieren könnten. “Strukturell bedingt” ist der gesunkene Ölpreis aber nicht, er spiegele vielmehr ein Angebotsüberhang wieder.

Einen Rückschlag verbuchte Siemens auch in ihrem sonst erfolgsverwöhnten Healthcare-Geschäft, das künftig Siegfried Russwurm verantworten wird. Hier sank die Marge auf 14,5 Prozent nach 17,6 Prozent. Weniger profitabel entwickelten sich auch die Divisionen Building Technologies und Process Industries and Drives. In den übrigen vier Divisionen bleibt für Siemens jetzt unterm Strich aber mehr hängen. Margen-König ist die Software-lastige Division Digital Factory, wo die Kennzahl auf 19,4 Prozent von 17,8 Prozent weiter zulegte.

Die vorgelegten Zahlen verfehlten abgesehen vom Umsatz die Erwartungen des Marktes. Von Dow Jones im Vorfeld befragte Analysten hatten mit einem Auftragseingang von 19,7 Milliarden Euro, einem Umsatz von 17,16 Milliarden Euro und einem Profit im Industriegeschäft von 1,85 Milliarden Euro gerechnet.

Strategische Neubewertung einiger Konzernsparten

Siemens bekräftige gleichwohl den Ausblick auf das im September endende Geschäftsjahr. So soll die Marge des industriellen Geschäfts zwischen zehn und elf Prozent und der Umsatz auf Vorjahresniveau liegen. Der Gewinn je Aktie soll um 15 Prozent steigen. Darin enthalten sind aber auch Veräußerungsgewinne. So flossen Siemens Anfang Januar etwa 1,4 Milliarden Euro aus dem Verkauf ihres 50-Prozent-Anteils an der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH an Joint-Venture-Partner Bosch zu. Aus dem Verkauf des Hörgerätegeschäfts erwartet Siemens einen Vorsteuergewinn von 1,6 Milliarden Euro. Beide Beträge werden in den Zahlen des zweiten Quartals ausgewiesen.

Gleichwohl warnte Siemens, dass die Märkte “wegen geopolitischer Spannungen komplex” blieben. Weniger ambitioniert gibt sich Kaeser gleichwohl nicht: Er bekräftigte, dass Siemens im kommenden Geschäftsjahr kräftig wachsen und 2017 zum Wettbewerb aufschließen zu wollen. Das wird auf Kosten der Mitarbeiter gehen. Geschäfte, die kein Geld verdienen, sollen im kommenden Monat strategisch bewertet werden. Lösungen sollen dann im Mai vorliegen, kündigte Kaeser am Dienstag an.

Ab der kommenden Woche will der Konzern auch mit den Arbeitnehmervertretern sprechen. Siemens hatte vergangenes Jahr angekündigt, durch Effizienzsteigerungen die Kosten um eine Milliarde zu senken, was ohne Arbeitsplatzabbau sicher nicht zu leisten ist.

Dow Jones News/Karoline Kopp