RÜSSELSHEIM (Dow Jones/rm). Mit Ausnahme von Deutschland laufe es auf allen europäischen Märkten besser als erwartet, sagte Opel-Vorstandschef Nick Reilly am Freitag in einem Interview mit Dow Jones Newswires. Der ursprünglich auf 3,3 Mrd EUR bezifferte Finanzbedarf im Zuge der Restrukturierung werde daher womöglich geringer ausfallen.

Der 60-Jährige Waliser, der seit nunmehr gut einem Jahr das Zepter bei Opel in der Hand hält, zeigte sich im Gespräch zudem “sehr offen” für Kooperationen mit anderen Autoherstellern, um Kosten zu sparen. Möglichen Allianzen stehe er aufgeschlossener gegenüber als in der Vergangenheit, erklärte Reilly mit Blick auf das vor allem in Europa schwierige Marktumfeld. Mögliche Felder zur Zusammenarbeit unter Konkurrenten könnten nach Aussage Reillys Komponenten und komplexe, kapitalintensive Technologien wie beispielsweise Elektroautos sein.

Experten sagen der Branche in Europa eine schwierige Zukunft voraus, da der Markt weitgehend gesättigt ist und auch in der Krise kaum Überkapazitäten abgebaut wurden. Auch Opel-Chef Reilly rechnet für 2011 nur mit einer Stagnation der Neuzulassungen auf dem schwachen Niveau von 2009 bei rund 14,5 Mio Einheiten. Ob der Markt jemals wieder die Höchststände von mehr als 17 Mio Autos von vor der Krise erreichen wird, ist mehr als ungewiss.

Operativ läuft es nach Aussage des Opel-Chefs gut: Das Unternehmen entwickele sich 2010 und wohl auch 2011 besser als ursprünglich erwartet. “Der Marktanteil in Europa wird 2010 etwas höher liegen als im vergangenen Jahr”, sagte Reilly. 2009 hatten Opel und die britische Schwester Vauxhall europaweit gut 1,2 Mio Autos verkauft, was einem Marktanteil von 6,4% entsprach.

Wermutstropfen bleibt nach dem Ablaufen der Abwrackprämie der deutsche Heimatmarkt: In Deutschland liege man hinter den Planungen zurück, so Reilly. Die monatelange Hängepartie um die Zukunft von Opel habe die Marke hierzulande mehr als auf jedem anderen Markt beeinflusst, erklärte der 60-Jährige. “Wir haben noch einiges zu tun, um die Marke wieder aufzubauen”. Aber auch in Deutschland rechnet der Manager im Schlussquartal mit einem Aufwärtstrend und einem wieder steigenden Marktanteil. Einer der Gründe ist die Neuauflage des Astra Sports Tourer. Die Kombi-Version des Kompaktwagens ist vor allem für Deutschland wichtig, da sie hierzulande rund 60% der gesamten Astra-Neuzulassungen ausmacht.

Reilly formulierte im Interview das Ziel, den europaweiten Marktanteil in den kommenden zwei Jahren auf rund 7% zu steigern. Seit der Jahrtausendwende war der Marktanteil von Opel kontinuierlich von fast 9% auf nur noch 6,4% im Jahr 2009 zusammengeschrumpft. Die Marke von 7% hatte Opel zuletzt in den Jahren 2007 und 2008 erreicht.

Bei der geplanten Rückkehr in die Gewinnzone ist das Rüsselsheimer Traditionsunternehmen nach Aussage von Reilly auf einem guten Weg. Ursprünglich sei Opel davon ausgegangen, 2011 vor Restrukturierungskosten einen kleinen Verlust zu schreiben, sagte Reilly. “Vielleicht wird es aber ein bißchen besser”. Internes Ziel sei es inzwischen, im kommenden Jahr vor Sonderposten einen Gewinn zu erzielen.

Für dieses Jahr rechnet Opel mit einem operativen Verlust von rund 1,9 Mrd USD, das wären laut Reilly etwa 1 Mrd EUR weniger Verlust als ursprünglich befürchtet, wobei alleine die Restrukturierung mit rund 1 Mrd EUR zu Buche schlagen wird. In den Jahren ab 2011 werden dann noch einmal Belastungen aus der Sanierung von 500 Mio EUR auf das Unternehmen zukommen. Reilly rechnet nach eigenen Angaben damit, dass die Restrukturierung im kommenden Jahr zu 80% bis 85% abgeschlossen sein wird.

Mit Rückenwind durch die heute noch schmerzhafte Sanierung sowie die neuen Modelle und die Erschließung neuer Märkte sollen sich die Geschäfte des angeschlagenen Automobilherstellers dann in den folgenden Jahren noch deutlicher erholen. Für 2013 peilt der Traditionskonzern nach Aussage Reillys eine operative Marge von 4% bis 5% an. Hierzu beitragen soll dann die durch die Restrukturierung gestiegene Kapazitätsauslastung, die laut Reilly im Zwei-Schicht-Betrieb bei 110% und im Drei-Schicht-Betrieb bei rund 85% liegen dürfte.

Absatzpotenziale will Opel künftig auch außerhalb Europas erschließen. Der Manager kündigte an, noch in diesem Jahr in sieben neuen Märkten aktiv zu werden, darunter China, Australien und der Nahe Osten. Weitere drei bis vier sollen dann 2011 dazu kommen. Absatzimpulse verspricht sich Reilly, der das mögliche Verkaufsvolumen auf insgesamt 100.000 Autos jährlich beziffert, von den neuen Märkten ab dem zweiten Halbjahr 2011.

Schwierigkeiten mit der Schwestermarke Chevrolet erwartet Reilly bei der Auslandsexpansion nicht. Die Marken seien sehr unterschiedlich positioniert und Befragungen hätten ergeben, dass keine Kannibalisierungsgefahr bestehe. Allerdings müsse man sehr genau darauf achten, dass die Differenzierung bestehen bleibe.

Auch an der Modellpalette will Opel in der Zukunft weiter arbeiten. Nachdem die Einführung des Kleinwagens unter dem Projektnamen “Junior” sicher ist, gebe es trotzdem noch einige Lücken im Portfolio, erklärte Reilly. Vorstellbar sei beispielsweise ein Cabriolet, wobei noch keine Entscheidung gefallen sei. Mindestens in ein weiteres Segment wolle man vorstoßen, so der Manager. Opel schaut sich nach seiner Aussage aktuell die Möglichkeit eines sportlichen Geländewagens (SUV) an.

Nachdem GM Ende 2009 überraschend entschieden hatte, Opel doch nicht an ein Konsortium um den kanadisch-österreichischen Autozulieferer Magna zu verkaufen sondern in Eigenregie zu sanieren, verordneten die Amerikaner der Europa-Tochter eine Sparkur, die das Unternehmen wieder in die Gewinnzone zurückzuführen soll. Um die Kapazitäten von Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall um ein Fünftel zu reduzieren, sollen europaweit rund 8.000 von insgesamt etwa 48.000 Arbeitsplätzen wegfallen; das Werk im belgischen Antwerpen wird geschlossen.

In den ersten neun Monaten war Europa die einzige Region, in der GM Verluste einfuhr. Das Minus von Opel und Vauxhall lag zwischen Januar and September bei rund 1,2 Mrd USD. Die Amerikaner, die im vergangenen Jahr in Rekordzeit aus der Insolvenz gekommen waren, wagten in der vergangenen Woche das erfolgreiche Comeback an der Börse.