Für Unternehmen aus Polen und Tschechien wird der Standort Deutschland immer interessanter

Für Unternehmen aus Polen und Tschechien wird der Standort Deutschland immer interessanter. - Bild: PIxabay

Betriebsleiter Robert Bednarek führt durch ein neues Logistikzentrum auf einem Industriegelände in der brandenburgischen Kleinstadt Guben. Von hier ist es nur ein Katzensprung bis nach Polen. Die Chemiefirma Groupa Azoty ATT Polymers GmbH stellt Kunststoff-Granulate her und ist seit einigen Jahren eine deutsche Tochter eines polnischen Chemie- und Düngemittel-Konzerns. Die Bundesrepublik ist für die östlichen Nachbarn zunehmend attraktiv - aus unterschiedlichen Gründen.

"Der Konzern hat etwas Passendes gesucht", sagt Bednarek über das polnische Interesse an dem Standort, wo schon zu DDR-Zeiten Chemieprodukte hergestellt wurden. Mit den hier produzierten Granulaten (PA 6), die zum Beispiel für Bohrmaschinen-Gehäuse verwendet werden, habe man die Kapazität erhöhen wollen. Die Zahl der Hersteller sei überschaubar. Die deutsche Tochterfirma biete nun mehr Planungssicherheit. Den Aufbau einer größeren Fertigung habe er sich sparen können, zudem profitiere man von den Erfahrungen der Gubener. Die polnische Mutter Grupa Azoty S.A. bestätigte, dass sie sich für den Kauf entschieden habe, um die eigene Produktkette zu erweitern.

Die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK) in Warschau schätzt, dass es derzeit zwischen 1000 und 1500 Firmen mit Hauptsitz in Polen gibt, die Zweigstellen oder Tochterbetriebe in Deutschland haben und die in Industrie und Handel tätig sind. Die vom Bund geförderte Germany Trade and Invest (GTAI) geht mit etwa 1800 polnischen Unternehmen von einer noch größeren Zahl aus.

Heimische Märkte werden zu klein

Besonders viele Standorte gibt es laut AHK in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von der Hauptstadtregion. Warum dort? Geschäftsführer Michael Kern zählt einige Faktoren auf: Mit Nordrhein-Westfalen bestünden enge Handelsbeziehungen. Allein ein Viertel des deutsch-polnischen Handels entfalle auf das Bundesland. Häufig gebe es auch familiäre Verbindungen, denn vor rund 100 Jahren seien aus dem schlesischen Industriegebiet sehr viele Polen zur Arbeit an Rhein und Ruhr gezogen. "Und Berlin ist als Standort gerade für Neugründungen sehr interessant", sagt Kern. Zu den beliebten Branchen zählen unter anderem Transport und Logistik, Bau, Lebensmittel und Metall.

"Das Interesse von polnischen Firmen am Standort Deutschland steigt seit Jahren", ergänzt Kern. "Polen ist sehr stark vom Mittelstand geprägt, durch die gute wirtschaftliche Situation sind viele der Firmen inzwischen in die Lage gekommen zu expandieren." Der heimische Markt sei ihnen zu klein geworden. Deutschland ist laut der Kammer aus vielen Gründen attraktiv. Die Infrastruktur sei gut, die Nähe zu Polen verkehrstechnisch günstig, das Label "Made in Germany" weltweit angesehen. Durch Expansion wolle man neue Märkte und Kunden gewinnen sowie die Kompetenzen der eigenen Firma erweitern.

  • Japan

    Gerade einmal sieben Prozent der Befragten hielten Japan für den besten Investitionsstandort. Das Land der aufgehenden Sonne rangiert damit auf einem der sechsten Plätze. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

  • Frankreich

    Frankreich hat gegenüber 2015 einen Prozentpunkt hinzugewonnen und landet somit in der Liste der besten Investitionsstandorte auf einem der sechsten Plätze. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

  • Großbritannien

    Großbritannien hat in der Liste der besten Investitionsstandorte gegenüber der Befragung vor zwei Jahren zwei Punkte verloren. Das UK landet damit auf einem der vier sechsten Plätze. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

  • Brasilien

    Mit einer Zustimmung von sieben Prozent landet Brasilien auf einem der sechsten Plätze. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

  • Russland

    Geringfügig besser als vor zwei Jahren wird Russland bewertet (12 Prozent). Damit belegt Putins Riesenreich in der Liste der besten Investitionsstandorte laut den befragten Managern Platz 5. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

  • Polen

    Auf einem der zwei vierten Plätze findet sich Polen. Das Land hat sich in der Wahrnehmung als Investitionsstandort gegenüber dem vorvergangenen Jahr deutlich verbessert: von elf auf 15 Prozent. - Quelle: FY/Bild: Pixabay

  • Indien

    Weniger gut als 2015 wird Indien beurteilt, das einen der zwei vierten Platz belegt. Die Zustimmungsquote ist von 18 auf 15 Prozent gesunken. - Quelle: FY/Bild: Pixabay

  • Deutschland

    Deutschland belegt mit gut 20 Prozent Zustimmung unter den Befragten den dritten Platz der attraktivsten Investitionsstandorte der Welt. Im Vergleich zur Befragung 2015 hat die Bundesrepublik gut einen Prozentpunkt verloren. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

  • USA

    Für knapp 33 Prozent der befragten Manager sind - ob trotz oder wegen Trump - die USA der weltbeste Investitionsstandort. Das ist Platz 2 der Top 10, obwohl Gods own country zwei Prozentpunkte gegenüber 2016 eingebüßt hat. - Quelle: FY/Bild: PIxabay

  • China

    Unangefochten und angesichts seiner Größe und Bedeutung als Absatzmarkt für international agierende Unternehmen landet natürlich China mit 37 Prozent klar auf Platz 1 der Liste der attraktivsten Investitionsstandorte. - Quelle: EY/Bild: Pixabay

GTAI zufolge waren im vergangenen Jahr noch 100 Unternehmen weniger in Deutschland aktiv. Häufig würden Vertriebsbüros eröffnet, um den Kundenkreis zu erweitern. Und es seien vor allem größere Mittelständler und große Unternehmen, die in Deutschland investieren.

Trotzdem spiele Polen in Deutschland aber noch eine eher kleine Rolle. Länder wie die USA, China, Japan oder die Region Westeuropa investierten hier deutlich mehr. Und auch beim Blick ins Nachbarland wird deutlich, dass es immer noch weitaus mehr deutsche Firmen nach Polen zieht als umgekehrt - gut dreimal so viele, wie GTAI schätzt.

Wie Polen spielt auch Tschechien bisher vor allem die Rolle der «verlängerten Werkbank» für viele deutsche Industrieunternehmen, die hier ihre Zulieferer haben oder aufgrund der niedrigeren Lohnkosten selbst günstiger produzieren. Doch auch dort finden sich Betriebe, die mit pfiffigen Geschäftsideen den Sprung nach Deutschland wagen.

Ein Beispiel ist das Schnellrestaurant Bageteria Boulevard, das mit seinen belegten Baguettes, Suppen und Salaten junge Leute in den tschechischen Großstädten anspricht. Vor knapp anderthalb Jahren eröffnete die Kette ihre erste Filiale in einem Einkaufszentrum in Dresden. Sachsens Hauptstadt bot sich wegen kurzer Lieferwege an.

Auch Branchenriesen auf dem Weg gen Westen

Auch der tschechische Elektronik- und Versandhändler Alza drängt auf den deutschsprachigen Markt. In einem ersten Schritt eröffnete das Unternehmen vor knapp einem Jahr eine Zweigstelle in der Wiener Favoritenstraße, das vom bestehenden Lager im 50 Kilometer entfernten slowakischen Bratislava versorgt wird. Schon heute gehen Lieferungen an Kunden in Deutschland über eine deutschsprachige Internetseite.

Selbst Riesen wie den teilstaatlichen tschechischen Energiekonzern CEZ lockt das Boomland Deutschland. Paradoxerweise investiert der Betreiber des bei Umweltschützern umstrittenen Atomkraftwerks Temelin dort in die Windenergie, die in Tschechien selbst kaum eine Rolle spielt. Die private Konkurrenz - ein Konsortium aus EPH und dem Finanzinvestor PPF - machte 2016 mit der Übernahme des Vattenfall-Braunkohlegeschäfts in Ostdeutschland Schlagzeilen.

In den Bundesländern an der Grenze zu Polen hat man das verstärkte Interesse der Nachbarn längst registriert. Die Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH spricht gar von einem Schub in den vergangenen Jahren. Derzeit seien 26 polnische Firmen in Brandenburg bekannt.

Die Beauftragte der Wirtschaftsförderung Sachsen in Polen verzeichnet ebenfalls einen - wenn auch leichten - Anstieg von Anfragen zu Investitionen. Begünstigt werde das durch enge und gute Beziehungen zwischen Polen und Sachsen. Dies senke die Hürden zum Aufbau eines Standorts in Deutschland, heißt es von der Wirtschaftsförderung.

In Mecklenburg-Vorpommern bemerkt die Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg seit zwei Jahren ein vermehrtes Interesse polnischer Kleingewerbetreibender an einer Niederlassung. Die führende Branche sei der Handel, gefolgt von Dienstleistungen und dem Baugewerbe.