„Selbst in China spricht man über Industrie 4.0 mit ‚ie‘“, sagt Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der Festo AG &Co. KG.

„Selbst in China spricht man über Industrie 4.0 mit ‚ie‘“, sagt Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der Festo AG &Co. KG. - Bild: Hoffmann

Immer klarer wird auch: Industrie 4.0 ist ein globales Projekt, das global ineinandergreifende Standards erfordert – kein Wettrennen der Länder.

Immerhin sieben Prozent der Unternehmen auf dem Maschinenbau-Gipfel gehen davon aus, dass Industrie 4.0 in den nächsten fünf Jahren ihr bisheriges Geschäftsmodell vollständig wird, ganze 28 Prozent, dass es sich in großen Teilen verändern wird. Mit 60 Prozent denkt deutlich mehr als die Hälfte, dass sich ihr Geschäft dadurch zumindest teilweise ändert. Und dabei haben die deutschen Unternehmen keine schlechte Position.

„Selbst in China spricht man über Industrie 4.0 mit ‚ie‘“, sagt Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der Festo AG &Co. KG. „Die Chinesen haben schon verstanden, dass da ordentlich Veränderungspotential für ihre Industrie enthalten ist“, so Veit.

Man reflektiere dort sehr stark die deutsche Diskussion und liebäugle mit dem Thema Industrie 4.0. Das bestätigt auch Dr. Ömer Sahin Ganiyusufoglu, Consultant to Chairman bei der chinesischen Shenyang Machine Tool Group. „Für die Chinesen ist wirklich das, was aus Deutschland kommt, das Beste: Der Spiegel des Fortschritts, der Innovation und der Qualität, insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau“. In dieser Orientierung sieht der Experte langfristig Chancen für beide Länder.

Natürlich gebe es solche Initiativen auch in anderen Ländern – doch das sei kein Problem, meint Veit. „Wir können nicht allein in Europa das Thema aufbereiten. Industrie 4.0 ist eine Einladung auf einen weltweiten Marktplatz: Die Netze sind nicht auf Europa beschränkt“, so Veit. So könnten deutsche Unternehmen künftig eine Fabrik zum Beispiel in China aufmachen und online updaten – aber umgekehrt genauso.

Doch Veit warnt vor einem Phänomen, das sich gerade im Mittelstand häufig beobachten lässt: Die Angst um die eigenen Daten und individuellen Errungenschaften. Shareconomy und eine andere Sicht auf den Wettbewerb, mehr im Sinne von Coopetition, das ist hier noch in weiter Ferne.

Das Thema Industrie 4.0 könnte scheitern, wenn es zu viel Abschottung gibt. Kulturveränderungen in Richtung Offenheit im Unternehmen selbst und zwischen Unternehmen seien dabei wichtig. „Wir werden es nicht allein schaffen, wir brauchen die globale Karte“, bekräftigte Eberhard Veit. Auch in Europa sei das Thema bereits angekommen. Zur nächsten Hannover Messe werde die Plattform Industrie 4.0 Ergebnisse in Richtung Standardisierung liefern.

Sind amerikanische Unternehmen weiter bei Industrie 4.0? Das fragt Moderator Henning Krumrey von der Wirtschaftswoche in die Diskussionsrunde des Gipfel-Treffens. „Ich würde sagen, zwischen den industriell fortgeschrittenen Ländern gibt es keine großen Unterschiede“, meint Dr. Richard Soley, Executive Director des internationalen Industrial Internet Consortium (IIC). „Technologie hält sich nicht an Grenzen“, so Soley. Wie auch Veit sieht er das Thema Industrie 4.0 nicht als Wettstreit zwischen Nationen.

Viele Standards werden durch Organisationen wie DIN und ISO gesetzt, es wird aber viele verschiedene Standards geben, ebenso wie es heute der Fall ist, stellt Soley klar. Und einige Standards würden in der Tat auch durch Vorreiter-Unternehmen kommen. Diese könnten auch aus Afrika oder Indien stammen. Doch die Standards werden sehr nah bei einander sein, denn Interoperabilität sei wesentlich – denn niemand könne eine nur regionale Lösung wollen, so Richard Soley.

„All diejenigen, die von Risiken sprechen, sind auf der falschen Seite“, meint der Festo-Vorstand. Schon an der jungen Generation sei zu sehen, dass sich Technologien wie iPad und Smartphone durchsetzen, diese Möglichkeiten seien dafür geschaffen, um Industrie 4.0 und die Vernetzung der Produktion voranzubringen.

Festo wolle für das Thema Industrie 4.0 werben, aber nicht nur durch Produkte, sondern auch durch Weiterbildung und Trainings. „Vergessen Sie nicht, die Menschen abzuholen, um nicht aus diesem Thema eine Jobkiller-Phrase zu machen“, fordert Veit die Industrie auf. Ausbildung stelle die eigentliche Herausforderung dar.

„Der Kern von Industrie 4.0 ist die Verschmelzung zwischen operativer und Informations-Technologie. Diese Bereiche waren immer getrennt und kommen jetzt endlich zusammen“, erklärt der IIC-Direktor. Die meisten Startups orientierten sich heute noch am Consumer-Markt, nicht im operativen Umfeld. In nicht allzu langer Zeit werde man hier jedoch auch entsprechende neue Ideen sehen, prognostiziert Richard Soley.

Eine Saalumfrage ergab, dass immerhin 79 Prozent der Gipfel-Teilnehmer eine Zusammenarbeit mit Start-ups in Betracht ziehen würden.

Einigkeit bestand vor allem darin, dass Industrie 4.0 nicht nur eine theoretische Plattform erfordert, sondern dass das „typisch“ amerikanische Trial-and-Error-Prinzip für die Entwicklung des Themas wichtig ist. Möglichst viele Showcases und Beispiel-Projekte sind deshalb essentiell.