BERLIN (Dow Jones/ks)–Angesichts der Sondersituation, die sich aus dem schnellen Ausstieg ergebe, seien Reaktionen der Politik gefragt, sagte Annette Loske, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), dem “Handelsblatt” (HB – Mittwochausgabe). Im VIK sind die großen Energieverbraucher aus der Industrie zusammengeschlossen. Der Verband steht für 80% des industriellen Energieeinsatzes in Deutschland.

Der VIK schlägt ein Fondsmodell vor: Die zur Deckung des Grundbedarfs der energieintensiven Industrie erforderlichen Strommengen werden von den Kraftwerksbetreibern zu einem festgelegten Preis an einen Strommengenfonds geliefert. Aus diesem Fonds können stromintensive Industrieunternehmen Strom zu einem Preis beziehen, der im europäischen Vergleich wettbewerbsfähig ist. Das Modell könnte im Wege einer freiwilligen Selbstverpflichtung durch die betroffenen Kraftwerksbetreiber eingerichtet werden. Nach den Vorstellungen des VIK könnte die Bundesregierung dieses Modell zum Gegenstand ihrer Verhandlungen mit den Energiekonzernen über die Abschaltung der Meiler machen. Um keinen Schadensersatzforderungen der Kernkraftwerksbetreiber zu riskieren, wird die Regierung ohnehin mit der Branche ins Gespräch kommen müssen.

Dass der von der Bundesregierung geplante schnelle Ausstieg aus der Kernkraft zu steigenden Strompreisen führen wird, gilt als sicher, schreibt das “Handelsblatt”. Schon das Moratorium für die sieben ältesten Meiler hat sich preistreibend ausgewirkt. Ein Blick in Länder wie Frankreich, Norwegen oder Spanien belegt, dass deutsche Unternehmen schon heute besonders hohe Strompreise zahlen. In Frankreich gibt es überdies neben dem regulären Industriestrompreis einen regulierten Preis, der für besonders stromintensive Branchen gilt. Dieser Preis macht deutlich weniger als die Hälfte des deutschen Industriestrompreises aus. “In Frankreich sind die speziellen Industriestromtarife seit Jahren üblich. Das ist ein starker Pluspunkt im Wettbewerb. Mit dem zu erwartenden Strompreisanstieg in Deutschland wird daraus ein Riesenvorsprung für französische Unternehmen”, sagte VIK-Geschäftsführerin Loske.

In einzelnen Branchen ist der Strompreis der entscheidende Kostenfaktor. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Aluminiumindustrie: In einer deutschen Aluminiumhütte können die Stromkosten bis zu 50% der gesamten Produktionskosten ausmachen. Aluminiumhütten in Norwegen, Frankreich oder Spanien haben daher auf den Weltmärkten enorme Kostenvorteile

“Die Bundesregierung bekennt sich erfreulicherweise zum Industriestandort und zu den energieintensiven Industrien. Wir wünschen uns angesichts des beschleunigten Ausstiegs und seiner Folgen politische Unterstützung beim Thema Industriestrompreise”, sagte Loske.