Die Zulieferer stellen sich auf die sprunghaft gestiegene Nachfrage bei Kunden und Herstellern ein,

Die Zulieferer stellen sich auf die sprunghaft gestiegene Nachfrage bei Kunden und Herstellern ein, die Lieferprobleme könnten deshalb bald abflauen, so Experten (Bild: Volkswagen AG).

Von Nico Schmidt und Katharina Becker, Dow Jones Newswires

FRANKFURT (ks)–Die seit Monaten auf Hochtouren arbeitenden Autofabriken bescheren einigen Zulieferern ein Luxusproblem: Sie können gar nicht so schnell produzieren wie sie verkaufen könnten, nachdem die Branche vom rasanten Tempo der Erholung überrascht wurde. Die aktuellen Schwierigkeiten liegen vor allem auf Seiten der kleineren Zulieferer, die aber darauf hoffen können, dass sich die Lage bald wieder entspannt.

So rechnet der weltgrößte Zulieferer Bosch schon bald mit einer Normalisierung: “Im nächsten viertel bis halben Jahr erwarten wir eine Entspannung”, sagte ein Sprecher des Stuttgarter Stiftungskonzerns am Freitag. Diese Einschätzung teilt auch Jan Maser, Branchenexperte von PricewaterhouseCoopers (PwC): Bis Mitte des Jahres wird sich die Lage seiner Meinung nach verbessert haben. Nach überstandener Krise hätten gerade kleine Zulieferer zuletzt schwierige Entscheidungen zu treffen gehabt, beispielsweise wo Kapazitäten aufgebaut werden müssen. Dies dauere seine Zeit.

Nach Einschätzung des Automobilexperten Lars Stolz von der Managementberatung Oliver Wyman wird sich die Situation binnen der nächsten sechs bis zwölf Monate normalisieren, da die Marktentwicklungen dann wieder vorhersehbarer werden dürften. Nachdem die Zulieferer ab Ende 2008 massiv Kapazitäten aus dem Markt genommen haben – kurzfristig bis zu einem Fünftel -, steht die Branche laut Stolz vor dem Problem, diese nun wieder hochfahren zu müssen.

Das unterschiedliche Tempo des Aufschwungs in einzelnen Regionen führe derzeit aber dazu, dass die tatsächlichen Marktbedarfe schwieriger vorherzusagen seien. So habe sich beispielsweise der chinesische Markt deutlich stärker entwickelt als erwartet, die Erholung des US-Markts sei dagegen etwas langsamer von statten gegangen. Da die Kunden im Reich der Mitte andere Wünsche haben als Käufer in anderen Ländern, kann dies laut dem Branchenkenner zu Engpässen in der Versorgung führen.

Die aktuellen Schwierigkeiten liegen allerdings offenkundig nicht bei den größeren, namhaften deutschen Zulieferern, die die Krise meist mit Kurzarbeit überstanden haben und nun sofort wieder umschalten können. Schwierigkeiten haben besonders kleine Unternehmen, denen der strikte Sparkurs aus Krisenzeiten angesichts des starken Comebacks nun zum Verhängnis wird.

Vor allem mittelständische Lieferanten der Zulieferer (sogenannte Tier-2- oder Tier-3-Zulieferer) mit einem Umsatz von bis zu 500 Mio Euro pro Jahr hätten Schwierigkeiten, erklärte Jan Maser von PwC: “Sie tun sich teilweise schwer bei Nachfragespitzen”. Denn um die höhere Nachfrage ihrer Kunden bedienen zu können, müssten sie erst einmal Geld in die Hand nehmen und investieren. “Manche kleinen Unternehmen können das nicht”. Auch Oliver-Wyman-Experte Stolz ist der Meinung, die schwierigere Prognostizierbarkeit von Marktentwicklungen treffe im Prinzip zwar alle Zulieferer, besonders aber kleinere. “Natürlich haben größere Zulieferer mehr Möglichkeiten, sich auf solche schwierigen Situationen vorzubereiten”.

Schon seit Monaten brummt die Automobilindustrie wieder, die in der Wirtschaftskrise schwer gelitten hatte. Im Jahr 2010 wurden weltweit knapp 60 Mio Autos verkauft – fast ein Zehntel mehr als 2009. Branchenverbände und Experten hatten nach dem Auslaufen der Abwrackprämien in einigen Ländern eigentlich mit einer deutlich schwächeren Entwicklung gerechnet. Sie hatten ihre Aussichten im Laufe des Jahres dann angesichts der boomenden Nachfrage in China und der überraschend starken Erholung des US-Marktes gleich mehrfach nach oben korrigiert. Fast alle deutschen Autobauer profitierten mit zweistelligen Zuwachsraten überproportional von dem Aufwärtstrend.

Auch zwischen den Jahren – normalerweise Ferienzeit in der Industrie – wurde sowohl bei Zulieferern als auch bei Herstellern auf Hochtouren weiterproduziert, weil eine Trendwende in China und anderen Schwellenländern nicht abzusehen ist. Für 2011 erwarten Experten für die globale Autoindustrie einen weiteren Absatzanstieg im mittleren bis höheren einstelligen Prozentbereich. Einige Zulieferer ächzen unter der Last der hohen Nachfrage und kommen mit der Produktion kaum hinterher.

Die direkten Lieferanten der Autobauer (Tier-1-Zulieferer) wie Bosch, Continental oder ZF Friedrichshafen haben dagegen nach Meinung von Maser keine großen Probleme: “Diese Unternehmen können flexibel reagieren”. Das wird auch bei besagten Unternehmen so gesehen: “Es ist eine Herausforderung für uns”, räumte ein Bosch-Sprecher zwar ein. Bisher sei es aber gelungen, alle Teile rechtzeitig zu liefern.

“Die Liefersituation ist punktuell angespannt, wir merken das aber kaum”, sagte eine Sprecherin des Dieselmotoren-Herstellers Deutz in Köln. Auch beim Motorenbauer Tognum laufen alle Teile rechtzeitig ein. Bei kurzfristigem Bedarf hätten einige Zulieferer jedoch Schwierigkeiten. Ein Sprecher des schwäbischen Herstellers von Dichtungen und Abschirmteilen, ElringKlinger, sagte, die Lage sei zwar schwierig. Da aber auch in der Weihnachtszeit durchproduziert worden sei, könnten nun Spitzen ausgeglichen werden.

Die Schwierigkeiten der (kleinen) Zulieferer bekommen nun auch die Autohersteller zu spüren. “Die Automobilindustrie ist inzwischen sehr eng getaktet. Fällt ein Element der Lieferkette aus, kann es zu einem Stillstand kommen”, sagte Lars Stolz von der Managementberatung Oliver Wyman.

Europas größter Autohersteller Volkswagen gab Mitte der Woche bekannt, dass Lieferengpässe die Produktion im Stammwerk in Wolfsburg behindern. Am Montag sollen deshalb die Bänder stillstehen. Den Zulieferern von vornehmlich komplexeren Komponenten für beispielsweise Motoren soll so Luft zum Atmen verschafft und die Materialversorgung sichergestellt werden. In Wolfsburg rollen normalerweise täglich 3.000 Autos vom Band. Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche sprach von einer “sehr angespannten” Situation in der Zulieferindustrie.

Zunehmend wichtiger wird für die Branche in Zeiten immer kürzer werdender Lieferzeiten und immer rapiderer Richtungswechsel die genaue Überwachung der Situation. Das Risikomanagement habe durch die Krise auch für die Zukunft an Bedeutung gewonnen, meint Oliver-Wyman-Branchenkenner Stolz. Auch Jan Maser von PwC sieht zumindest bei den größeren Zulieferern eine zunehmende Professionalisierung des Risikomanagements, um weitere Engpässe zu vermeiden.

So beobachtet Conti nach Aussage einer Sprecherin die Situation bei den Zulieferern ständig und sehr genau. Ein weiteres Beispiel ist ZF Friedrichshafen: Der Anbieter von Antriebs- und Fahrwerktechnik setzt laut einem Sprecher verstärkt auf ein frühzeitiges Risikomanagement – und das mit Erfolg.

Der Stiftungskonzern vom Bodensee beschritt wegen der teilweise schwierigen Situation der Industrie zuletzt neue Wege: Im November übernahm ZF die Druckguss-Tochter des insolventen Zulieferers Honsel, um die Lieferkette für die eigenen Automatik-Getriebe zu sichern.