Die deutschen Luxusautobauer haben die Krise dank der kauffreudigen Chinesen schneller als erwartet hinter sich gelassen.Von Nico Schmidt, Dow Jones

FRANKFURT (ks)–Trotz der jüngsten Abkühlung der dortigen Wirtschaft befürchten Experten kein Ende des Booms, sondern sagen auch für die kommenden Jahre deutliche Nachfragezuwächse voraus. Das freut nicht nur die Vertriebsmanager, sondern auch die Finanzchefs: Dank hoher Margen in diesem Markt dürften die Premiumhersteller bald so profitabel sein wie niemals zuvor.

Erste Beobachter haben den Trend der Zeit bereits erkannt: Bernstein-Analyst Max Warburton schrieb jüngst in einer Studie, die starken Zweitquartalszahlen der deutschen Premiumhersteller deuteten darauf hin, dass sich die Branche auf dem Weg in ein Zeitalter neuer Rekorde bei der Profitabilität befinde. Dazu trägt einerseits das immer noch vorhandene deutliche Erholungspotenzial auf den traditionellen Premiummärkten USA und Westeuropa, aber auch die rasante Entwicklung in China bei.

Denn in China boomt die Nachfrage nach Oberklassewagen nicht nur wegen steigender Löhne und der dadurch rasant wachsenden Oberschicht. Zudem wird dem “Statussymbol Auto” im Reich der Mitte ein noch viel höherer Stellenwert als hierzulande beigemessen. Im bisherigen Jahresverlauf verbuchten BMW, Mercedes-Benz und Audi auf dem inzwischen größten Automobilmarkt der Welt Absatzzuwächse im hohen zweistelligen und sogar dreistelligen Prozentbereich. Analyst Warburton beziffert ihren Marktanteil am chinesischen Premiummarkt auf mittlerweile satte knapp 80%. Etwa die Hälfte der gesamten Erholung in diesem Jahr haben die Premiumhersteller laut Felix Kuhnert, Automobilexperte von PricewaterhouseCoopers (PwC), der Volksrepublik zu verdanken.

Der höhere Absatz in China wirkt sich direkt auf die Gewinnmargen der Unternehmen aus. Denn zum einen ist in keinem anderen Markt der Anteil der verkauften wahren Luxusmodelle – also ab dem Audi A6, dem 5er-BMW und der Mercedes E-Klasse aufwärts – höher als in der Volksrepublik. Zum anderen legen die Chinesen Wert auf Extras, was die Modelle teurer macht und die Gewinne der Hersteller steigert. Das Ergebnis: Nirgendwo sonst können die Premiumhersteller ihre Autos so teuer verkaufen wie in China. “Steuern und Importzölle abgezogen, verkauft BMW den 7er und Mercedes-Benz die S-Klasse dort mit einem Aufschlag von 50.000 Euro im Vergleich zu Deutschland”, rechnet Credit-Suisse-Analyst Arndt Ellinghorst vor.

Dieser Zusatzgewinn fließe vollständig in die Taschen der Hersteller. Und das Potenzial solcher absoluter Oberklassewagen ist immens: Laut Ellinghorst können die Hersteller in Zukunft tausende solcher Autos zusätzlich verkaufen – alleine dadurch ergibt sich also ein zusätzliches Gewinnpotenzial im Milliarden-Bereich.

Dieser Effekt zeigt sich auch schon in den aktuellen Zahlen. Im zweiten Quartal kletterten die operativen Renditen der Konzerne dank hoher Absatzzuwächse in China und der strikten Sparmaßnahmen in der Krise über die Marke von 9%, nachdem im Vorjahr teilweise noch tiefrote Zahlen zu Buche gestanden hatten. Zwar gehen Branchenexperten davon aus, dass die Premiumhersteller die Margen aus dem Zeitraum zwischen April und Juni auf Gesamtjahressicht nicht werden halten können. Trotz der jüngsten Abschwächung der Dynamik in China gelten die Ziele der Unternehmen für 2010 angesichts des im ersten Halbjahr bereits Erreichten aber als nicht gerade ambitioniert.

Branchenprimus BMW – bekannt für zurückhaltende Prognosen – will in diesem Jahr im Automobilgeschäft eine Marge von mehr als 5% erreichen. Die Münchener traten bei Bekanntgabe der Halbjahreszahlen sogar auf die Euphoriebremse und warnten vor Unwägbarkeiten, etwa beim Konjunkturverlauf. Audi will 2010 das im ersten Halbjahr erreichte Profitabilitätsniveau von 7,6% konstant halten. Daimler erwartet für die Sparte Mercedes-Benz Cars eine Marge von mindestens 8%, sollten sich die Rahmenbedingungen nicht grundlegend ändern, erklärte Vorstandschef Dieter Zetsche bei Bekanntgabe der Halbjahreszahlen.

Analysten trauen den Unternehmen dagegen für 2010 Margen von bis zu 8,5% zu. “Vielleicht wird es sogar noch ein Tick mehr”, sagt etwa Jürgen Pieper, vom Bankhaus Metzler. Ellinghorst hält es für möglich, dass bereits nächstes Jahr die 10%-Marke geknackt wird. Auch Bernstein-Analyst Warburton hält zweistellige Renditen für realistisch, sollte der Boom in China anhalten und die traditionellen Märkte ihren Erholungskurs fortsetzen. Solch hohe Margen haben die Hersteller bisher so gut wie noch nie erreicht, lediglich Mercedes-Benz schaffte im letzten vollen Vorkrisenjahr 2007 einmal die 9%-Marke.

Erste Unkenrufe, wonach mit einer Abschwächung der Konjunktur in China auch die Aussichten der Premiumhersteller leiden könnten, halten Experten für überzogen. “Die chinesische Wirtschaft wird weiter beständig mit rund 10% pro Jahr wachsen”, urteilt etwa Felix Kuhnert von PwC. Und mit ihr wird auch die Luxusauto-Nachfrage weiter zulegen: Nach Kalkulationen des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) dürfte sich der chinesische Premiummarkt mit einer ähnlichen Rate bis zum Jahr 2020 auf rund 1,5 Mio Autos verdreifachen. Von diesem Kuchen werden sich die deutschen Premiumhersteller ein gutes Stück abschneiden können. Credit Suisse-Analyst Ellinghorst traut ihnen mittelfristig einen Absatz in China von jeweils 350.000 bis 400.000 Autos jährlich zu. Das wären etwa 20% der gesamten Verkaufszahlen, mit denen die Konzerne nach seinen Kalkulationen dann etwa ein Drittel ihrer Gewinne einfahren könnten.

China ist zwar ein wichtiger Faktor für den künftigen Erfolg der Premiumhersteller, aber bei Weitem nicht der einzige: “Wir sehen aktuell ein globales Marktumfeld, das es so noch nie gegeben hat”, sagt Autoanalyst Arndt Ellinghorst mit Blick auf das Premiumsegment: In Europa, den USA und China würden auf drei Märkten signifikante Volumen abgesetzt. “Das sorgt für eine regionale Diversifizierung, die das Geschäft weniger konjunkturanfällig macht”. Da es in den USA und Europa zudem noch viel Erholungspotenzial gebe, sei der Ausblick für die Branche sehr gut, resümiert Ellinghorst – anders als der für Massenhersteller.

Felix Kuhnert von PwC traut den drei deutschen Premiumherstellern bis 2016 ein globales Absatzvolumen von 5 Mio Autos zu. Zum Vergleich: 2010 dürften es etwa 3,5 Mio sein. Die jährliche Wachstumsrate läge damit bei etwa 6%, etwa doppelt so hoch wie von Experten für das Volumensegment geschätzt. Die deutschen Premiumhersteller sind dank ihrer Innovationskraft und der Modellvielfalt nach Einschätzung von Branchenexperten sehr gut für die Zukunft gerüstet. Götz Klink, Berater bei A.T.Kearney, erwartet, dass BMW, Mercedes-Benz und Audi ihren Marktanteil von aktuell gut 60% halten können: “Denn der Vorsprung, den die deutschen Marken haben, ist nicht leicht aufzuholen”.