Axel Henning Saleck

Dr. Axel Henning Saleck erklärte auf dem Fachkongress Industrie 4.0 die Unterschiede zwischen Japan und Deutschland beim Industrial Internet. - Bild: Anna McMaster

„Während Industrie 4.0 in Deutschland seit 2011 in aller Munde ist, gab es keine entsprechende Bewegung in Japan vor 2015“, berichtete Dr. Axel Henning Saleck, Academic Member der Industrial Value Chain Initiative (IVI) aus Japan.

Vision statt Standort-Marketing

Zunächst habe man sich gefragt, was die Deutschen machen, was man nicht auch schon könne – schließlich hatten die Japaner schon frühzeitige Anwendungen von RFID, Sensoren und automatisierten Fließbändern. Nur ein geniales Standort-Marketing?

Man habe jedoch gemerkt, dass eine Vision dahinter liegt, die so in Japan noch nicht artikuliert worden war: von einer Fertigung, die sich selbst justiert, um zum Beispiel in kleiner Losgröße zu produzieren. „In Japan gibt es viele KMUs, die in der Fertigung sehr manuell arbeiten, noch stärker als es in Deutschland der Fall ist. Sie haben eine spezielle Ingenieurskultur, eine Kaizen-Tradition der ständigen Optimierung und sind stolz auf Teams, die mit dem Herzen dabei sind“, erzählt der Landeskenner.

Rami
Das Rami-Modell. - Grafik: ZVEI

Zwar habe die Frage im Raum gestanden, ob man ein Referenzmodell braucht, wie es Deutschland mit RAMI geschaffen hat oder das Industrial Internet Consortium (IIC) mit seiner Industrial Internet Reference Architecture. Aus Sicht von Saleck gibt es in Japan jedoch wenig Neigung zu einem „Big Shot“-Ansatz mit dominantem Referenzmodell, mechanistische Ansätze würden wenig geschätzt, obwohl es mittlerweile einzelne Modelle gebe. Schrittweise Weiterentwicklung hingegen kommt gut an.

„Die Japaner schätzen ihr Personal in der Fabrik derart, dass sie glauben, die Eliminierung dieses Personals sei gar nicht möglich“, erklärt der Experte. Japan verzeichne zudem eine schrumpfende Bevölkerung, da könnten die gleichzeitig abnehmenden Arbeitsplätze und Fachkräfte korrespondieren. Dennoch verstehe man, dass man den Shopfloor nicht weiter so berteiben kann wie bisher, vor allem die KMUs bräuchten Automatisierung.

Nach unten verbessern

Auch die Kulturen der Schöpfungspfade seien sehr unterschiedlich: Während in Japan wenig Zeit vorab in die Theorie gesteckt wird, dafür umso mehr in Prototypen und vor allem in die akribische Vorbereitung der Produktion, sieht es in Deutschland genau umgekehrt aus. „Deutsche diskutieren gern viel vorher, die Japaner lernen durch das Machen und verbessern nach unten mit unglaublichem Eifer“, fasste Saleck zusammen. Es gebe kein Besser oder Schlechter – aber es sei gut, sich diesen Unterschied bewusst zu machen.

Video: Japan und Industrie 4.0

Die in 2015 gegründete IVI umfasst mittlerweile 53 japanische Fertigungsunternehmen sowie rund 226 Mitgliedsorganisationen und spiegelt den spezifischen kulturellen Ansatz in Japan. Mit dem Ziel, Geschäftsszenarien und Anwendungsfälle der vernetzten Fertigung über Unternehmensgrenzen hinweg zu fördern, setzt die Initiative nicht auf „ideale“ Standards wie bei uns üblich. Stattdessen wird an der Erstellung und Verwaltung eines Vorrats an lose definierten Standardmodellen gearbeitet, die sich wechselnden Anforderungen anpassen lassen.

Verbesserung per Experiment

Neben der Manufacturing-orientierten IVI gibt es weitere Initiativen zur intelligenten Fertigung, wie das IOT Acceleration Consortium und die Robot Revolution Initiative. Synergie entsteht, indem gleiche Personen und Unternehmen an mehreren Initiativen teilnehmen. Man macht Experimente, um einen Prozess über mehrere Unternehmen hinweg zu definieren, und lernt dabei, was man typischerweise braucht. Daraus leitet sich ein zyklisches Modell ab.

„Lose definierte Standards beschreiben einen gelockerten Standardisierungsprozess, der die industrielle Vielfalt der realen Welt berücksichtigt. Statt der Schnittstelle im Unternehmen wird eher die Spezifikation angepasst“, erläuterte Axel Henning Saleck.

Man sei auch überzeugt, dass man nicht schneller Dinge ändern kann, als Menschen bereit sind, den Weg mitzugehen. „Es gibt nicht die Vision wo man in 10, 15 Jahren ist. Die Japaner denken, dass man das nicht weiß“, so Saleck. Solche firmenübergreifenden Projekte wie die der IVI stellten bereits einen Kulturwandel in Japan dar.

Als Nachteil nennt der Experte, dass es, anders als in Deutschland, vielfach noch schwer falle, sich auf eine übergreifende Sprache wie Englisch einzulassen. Doch die Unterschiede bergen auch Chancen. „Was wir von den Japanern lernen können, wird sein, wie man migriert, auch wenn man noch nicht weiß, wohin“, schloss Saleck.

  • Rolf Najork

    Rolf Najork, CEO der Bosch Rexroth AG, erklärte unter dem Motto "Change as a chance" den Weg von Bosch Rexroth zur Future Factory. - Bild: Anna McMaster

  • Axel Henning Saleck

    Dr.-Ing. Axel Henning Saleck, Academic Member der Industrial Value Chain Initiative, stellte die Ziele, Arbeitsweise und Aktivitäten der Industrial Value Chain Initiative (IVI) aus Japan vor. - Bild: Anna McMaster

  • Franz Böhnlein

    Franz Böhnlein, Leiter Fertigungsplanung Standorte Neckarsulm, China / CKD der Audi AG zeigte die Vision und Realität der Smart Factory am Beispiel der Produktion des neuen Audi A8. - Bild: Anna McMaster

  • Jarno Suomela

    Jarno Suomela, Head of Software Platform Portfolio bei Landis+Gyr Oy, stellte die Plattform-Strategie für Devices und Applikations-Software seines Unternehmens vor. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung

    Auch im Ausstellungsbereich des 5. Fachkongresses Industrie 4.0 in Karlsruhe konnten sich die Besucher über die neusten Entwicklungen aus der Praxis informieren. - Bild: Anna McMaster

  • Wilk

    Claus Wilk, der Chefredakteur der Fachzeitung Produktion, führte durch die Veranstaltung. - Bild: Anna McMaster

  • Bick

    Prof.Dr. Werneer Bick, Generalbevollmächtigter der ROI Management Consulting AG, gilt als einer der größten Experten in Sachen Industrie 4.0. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung

    Auch an den Ständen in der Ausstellung wurde viel über Technologien gefachsimpelt. - Bild: Anna McMaster

  • Blume

    SVV-Projektleiterin Franziska Blume hatte wie immer die Veranstaltung charmant im Griff. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung 2

    An den Ständen der Aussteller standen die Kollegen stets für Fragen zur Verfügung. - Bild: Anna McMaster

  • Programm

    Angesichts des vollen Programms lohnte sich der wiederholte Blick in den Flyer um nichts zu verpassen. - Bild: Anna McMaster

  • Publikum

    Sichtlich gute Laune beim Publikum des Fachkongresses Industrie 4.0 in Karlsruhe. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung 3

    Viele Fragen - und viele Antworten gab es in der Ausstellung zum Fachkongress Industrie 4.0 - Bild: Anna McMaster

  • Publikum 4

    Interessiert lauschte das Publikum den spannenden Fachvorträgen der I4.0-Experten. - Bild: Anna McMaster

  • Saal

    Der 5. Fachkongress Industrie 4.0 fand in der Messe Karlsruhe statt. - Bild: Anna McMaster

  • Publikum 5

    Angesichts der geballten Industrie-4.0-Praxis auf der Bühne schien es so manchem Gast die Sprache zu verschlagen. - Bild: Anna McMaster

  • VR

    Praxis, Praxis, Praxis lautet das Motto des Fachkongresses Industrie 4.0 - das will natürlich auch ausprobiert werden. - Bild: Anna McMaster