Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer: "Bei den vom russischen Industrie- und

Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer: "Bei den vom russischen Industrie- und Handelsministerium veröffentlichten Listen handelt sich bislang lediglich um eine Bestandsaufnahme und Einschätzung des Ministeriums. Das Ganze hat den Charakter einer Wunschliste." - Bild: VDMA

Deutschlands Maschinenbauer müssen zittern – zumindest wenn sie der Schlagzeile der ‘Produktion’ aus der vergangenen Woche Glauben schenken. “Russland: Deutscher Maschinenbau raus!” hieß es da plakativ.

Aber was steckt wirklich hinter den vom russischen Industrie- und Handelsministerium veröffentlichten Listen mit Empfehlungen für Importsubstitutionen? Diese Listen überraschen zumindest durch die Akribie, mit der sie erstellt wurden.

Doch es handelt sich bislang lediglich um eine Bestandsaufnahme und Einschätzung des Ministeriums. Das Ganze hat den Charakter einer Wunschliste. Eine Produktion im Industriegüterbereich aufzubauen ist ein Projekt von vielen, vielen Jahren. Wirkliche Aussagekraft kann daher nur das für den Herbst zur Verabschiedung geplante Gesetz zur Importsubstitution haben. Was darin letztlich verfügt wird, ist völlig offen.

Das Thema Importsubstitution kann nicht auf eine Reaktion Russlands auf die Sanktionen reduziert werden. Tatsächlich steht das Thema schon seit Jahren auf der Agenda der russischen Regierung. Die Verbesserung des Investitionsklimas und der Aufbau einer industriellen Infrastruktur wurden in den vergangenen Jahren erfolgreich forciert. Viele russische Regionen haben große Investitionsvorhaben realisiert, auch aus dem deutschen Maschinenbau.

Zahl protektionistischer Maßnahmen wächst

Dies spiegelt sich in einer Zunahme der Direktinvestitionen von 2012 auf 2013. Zugleich wuchs auch die Zahl protektionistischer Maßnahmen. So wurde schon vor der Krise ein gewisser Druck zur Lokalisierung auf ausländische Unternehmen in bestimmten Branchen ausgeübt. Eine Rolle dabei spielt auch der russische Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2012. Denn nur noch bis 2017/2018 gelten die Übergangsfristen für die Liberalisierung des Zugangs zum russischen Markt, die mit der WTO ausgehandelt wurden. Russland muss seine Wirtschaft also dringend fit machen für den globalen Wettbewerb.

Protektionismus kann nicht die Lösung sein

Die Frage ist allerdings, ob Russland mit dem eingeschlagenen Weg nicht einen strategischen Fehler macht. Protektionismus und die Fokussierung auf eine eingegrenzte Lieferantengruppe haben in der Geschichte wenig zur Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften beigetragen – das wissen auch russische Wirtschaftsexperten. Dennoch muss man die Pläne der russischen Regierung ernst nehmen. Der Wille, die eigene Produktion wieder auf Vordermann zu bringen und gegebenenfalls Lieferströme umzuleiten, ist groß.

Aber zur Panik besteht kein Grund. Zwar bedeutet die Umorientierung auf Lieferanten insbesondere aus China durchaus eine große Herausforderung für die deutschen Maschinenbauer, die sie nicht unterschätzen dürfen. Je länger die Sanktionen dauern, desto größer wird die Gefahr, russische Kunden dauerhaft an diese Wettbewerber zu verlieren. In der von der russischen Regierung angestrebten Importsubstitution liegt aber auch eine große Chance: Erstklassige Maschinen und Anlagen und spezielle Lösungen sind auch dafür nötig und Deutschland ist hier der ideale Partner für die russische Industrie.

Hohe Wertschätzung für deutsche Maschinenbauunternehmen

Das ist auch die klare Botschaft, die VDMA-Präsident Dr. Reinhold Festge und eine Delegation von VDMA-Vertretern jüngst von ihrer Reise nach Moskau mitgenommen haben. “Deutschland ist ein wichtiger Partner in Europa und der wichtigste Lieferant von Technologie für Russland”, sagte der russische Industrieminister Denis Manturov auf diesem Treffen. Deutsche Maschinenbauunternehmen sind also keineswegs “raus”, sondern sind in Russland äußerst willkommen, und deutsche Maschinen und Anlagen sind dort nach wie vor hoch geschätzt.

Thilo Brodtmann/VDMA