Martin Winterkorn

Die entbrannte Diskussion um Winterkorns Zukunft zeigt: Das nötige Vertrauen in den VW-Chef ist längst geschwunden. - Bild: VW

Die Volkswagen-Kommunikatoren haben das Handbuch Krisenkommunikation abgestaubt. Der Autokonzern folgt dieser Tage den Erste-Hilfe-Regeln der PR: Zugeben. Bedauern. Besserung versprechen. Ihrem Vorstandschef Martin Winterkorn haben die Öffentlichkeitsarbeiter das Pflichtprogramm in die Entschuldigungsrede geschrieben. Allein, es braucht Glaubwürdigkeit, um die Worte mit Wirkung zu sprechen.

Die entbrannte Diskussion um Winterkorns Zukunft zeigt: Das nötige Vertrauen in den VW-Chef ist längst geschwunden. Hätte Winterkorn wissen müssen, mit welchen illegalen Mitteln sein Konzern in den USA um die Akzeptanz des Dieselmotors kämpft? Es gibt Anhaltspunkte, die nicht für Winterkorn sprechen.

Anhaltspunkte wie die Darstellung der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA: Die amerikanischen Offiziellen schreiben in ihrer Zusammenfassung der ersten Untersuchungsergebnisse, sie seien nach der Veröffentlichung einer Studie durch die Universität West Virginia im Mai 2014 ein Jahr lang mit Volkswagen über den Schadstoffausstoß bestimmter Fahrzeuge in Kontakt gewesen. Die Studie habe "signifikant höhere Emissionen" im Normalbetrieb zweier Volkswagen-Modelle gezeigt. Demnach wusste Volkswagen lange vor der Veröffentlichung am Freitag, dass die eigenen Dieselmotoren in das Visier der US-Behörden geraten waren.

Hätte der Konzernvorstand, ihm voran Winterkorn, die Zeit seit dem Jahr 2014 nicht nutzen müssen, um innerhalb des eigenen Unternehmens die Gründe für die Emissionsunterschiede zwischen Test- und Alltagsbetrieb zu erforschen? Hätten Winterkorn und andere dabei nicht auf jene Software stoßen müssen, die nun Volkswagens wohl größte Krise ausgelöst hat? Und hätte der Vorstand den Fehler dann nicht schnell gegenüber Behörden und Kunden einräumen müssen?

Angesprochen auf die Fragen sagt ein Volkswagen-Sprecher, der Konzern könne dazu "erst nach Sachverhaltsermittlung" verbindlich Auskunft geben.

Videobotschaft von VW-Chef Martin Winterkorn. - Quelle: Youtube/Volkswagen Group

VW braucht einen neuen Chef

Zum öffentlichen Eingeständnis der Diesel-Manipulationen jedenfalls kam es erst am Sonntag - nachdem die US-Behörden selbst ihre Untersuchungsergebnisse publik gemacht hatten. Seither legt Winterkorn ebenjene Reue an den Tag, die die Wissenschaft von der Krisenkommunikation Unternehmenschefs in solchen Situationen empfiehlt. "Die Unregelmäßigkeiten bei Diesel-Motoren unseres Konzerns widersprechen allem, für was Volkswagen steht", sagt Winterkorn. Und: "Wir sind dabei, die Hintergründe schonungslos aufzuklären." Wenn aber Winterkorn für Aufklärung steht, warum dann erst jetzt?

"Volkswagen braucht einen Neustart und einen neuen Chef", sagt der Automobilexperte Arndt Ellinghorst vom Analyseunternehmen Evercore ISI. Allen Verdiensten des 68 Jahre alten Winterkorn zum Trotz schien ein Wechsel an Volkswagens Spitze noch nie so folgerichtig wie heute.

Es lässt sich dazu weiter über die Glaubwürdigkeit Winterkorns debattieren: Es lässt sich zum Beispiel fragen, warum Volkswagen nicht etwa die schon seit einiger Zeit laufenden Überlegungen der EU-Kommission, den Schadstoffausstoß künftig unter realitätsnäheren Bedingungen zu testen, zum Anlass für kritische Untersuchungen der eigenen Fahrzeuge genommen hat.

Ernsthaftigkeit durch Konsequenz

Doch es lässt sich auch verweisen auf die Querelen der vergangenen Monate im Volkswagen-Konzern. Der langjährige Aufsichtsratschef des Unternehmens, Ferdinand Piech, hatte im Frühjahr einen Machtkampf mit Winterkorn geführt. Er unterlag und räumte alle Posten. Doch die Kritik an Winterkorn entbehrte auch damals nicht jeder Grundlage: Die Kernmarke Volkswagen hatte schon vor dem Diesel-Skandal enorme Schwierigkeiten in den USA. Sie verfehlte den Geschmack der Amerikaner. Und sie verfehlt seit Kurzem offenkundig auch den Geschmack vieler Kunden in ihrem wichtigsten Markt China: Dort sind günstige SUVs in Mode. Ein solches Fahrzeug aber lässt sich bei Volkswagen nicht bestellen.

Es lässt sich außerdem hinweisen auf auf die anstehenden Umbrüche in der Automobilindustrie: die Digitalisierung etwa, die in dem Geschäft in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach wenig unverändert lassen wird. BMW hat mit Hinweis auf die Herausforderungen im Mai vorzeitig den Vorstandschef ausgetauscht.

Muss Winterkorn weg? Über die Frage lässt sich spätestens seit dem Wochenende ernsthaft diskutieren - nicht zuletzt weil das Pflichtprogramm der Krisen-PR einen weiteren Punkt enthält: Wer Besserung gelobt, muss schnell Ernsthaftigkeit beweisen. Durch Konsequenzen.