Auch unter den harten Bedingungen nach der Krise hat Deutschlands Industrie gute Chancen (Bild:

Auch unter den harten Bedingungen nach der Krise hat Deutschlands Industrie gute Chancen (Bild: Ramona Heim - Fotolia.com, Montage: Andrea de Paly)

von Andreas Karius

LANDSBERG. Auch wenn die Konjunktur bereits wieder anspringt und viele Unternehmen ihre Prognosen nach oben schrauben – ein Zurück zu den Zuständen vor der Krise wird es nicht geben. „Die ‚neue Normalität‘ wird durch die horrende Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten erzwungen“, erklärt Dr. Günter Jordan, Partner der Unternehmensberatung A.T. Kearney. „Wir müssen mehr sparen, das heißt weniger Konsum und damit auch weniger Wachstum.“ Dies zeige auch die aktuelle Euro-Krise und der Fall Griechenland: „Die Sparprogramme der Länder markieren den Beginn der neuen Normalität“, so Jordan.

Diese werde geprägt sein durch ein geringeres Wirtschaftswachstum, Überkapazitäten und einen bislang nicht gekannten Wettbewerb, in den auch neue Spieler aus den Emerging Markets mit echten Innovationen eintreten werden. Beispiel ‚Nano-Effekt‘: Das extrem billige Auto des indischen Herstellers Tata steht für einen völlig neuen Preis- und Kostendruck. „Dieses Auto ist einfach, aber keineswegs primitiv“, sagt Jordan. „Wer ein Auto für unter 2000 Euro bauen will, braucht eine enorme Innovationskraft, nicht nur bei der Produktgestaltung, sondern auch in der Produktionstechnik.“ Auch der chinesische Hersteller Geely will 2012 einen Kleinstwagen unter dem Namen „Geely IG“ auf den Markt bringen, der den Tata Nano preislich noch deutlich unterbieten soll.

Außerdem müssen sich die Unternehmen in Zukunft auf eine extreme Volatilität einstellen – sowohl bei den Umsätzen als auch bei Rohmaterialpreisen und Währungskursen. So hat das Chaos beim Ausbruch des Vulkans auf Island und die folgenden Produktionsschwierigkeiten gezeigt, wie verletzlich die industriellen Lieferketten sind. „In der ‚neuen Normalität‘ müssen Supply Chains krisenfester oder zumindest robuster im Hinblick auf Volatilitäten werden“, sagt Jordan.

Demgegenüber stehen die Chancen dieser Entwicklung: „Der deutsche Maschinenbau wird zu den Gewinnern gehören“, prognostiziert Jordan. Durch seine Innovationskraft und seine technologisch führende Stellung werde sich der Maschinenbau in dem zu erwartenden extremen Wettbewerb durchsetzen können. Nachhaltiges Wirtschaften eröffne viele neue Marktchancen wie zum Beispiel im Bereich regenerative Energie-Erzeugung oder Energie-Effizienz.

Hinzu kommt: Während beispielsweise in chinesischen Produkten Sozial- und Umweltkosten noch kaum berücksichtigt werden, sind diese bei deutschen Produkten bereits viel stärker eingepreist. Früher oder später muss aber auch China diese Folgekosten einkalkulieren – das wird chinesische Produkte weltweit sehr viel teurer machen.

Um sich an die ‚neue Normalität‘ anzupassen, müssen sich die Unternehmen aber gewaltig umstellen: Kurzfristig müssen laut Jordan Krisenremanenzen wie die in der Krise stark gestiegenen Lohnstückkosten so schnell wie möglich beseitigt werden (siehe Grafik). Den geringen Zuwachs bei den Arbeitslosenzahlen musste die Industrie mit einem Anstieg der Lohnstückkosten um 5,6 % im Jahr 2009 bezahlen.

Langfristig gesehen haben selbst gute Fabriken noch viel Potenzial zur Leistungssteigerung. Beispiel produktive Zeit: In den besten Fabriken, die am Wettbewerb Fabrik des Jahres/GEO teilnahmen, waren 84 % der Anwesenheitszeit der Werker auch wirklich produktiv; in den schlechtesten Werken waren es nur 63 %.

Vor allem die deutschen Maschinenbauer, die ihre Kunden oft direkt vor der Haustüre haben, sollten dem extremen Wettbewerb Jordan zufolge durch eine echte Kundenzentrierung begegnen: Nicht nur Komponenten, sondern vormontierte Produkte direkt ans Band zu liefern (Ship to line), Behältersysteme, die zur Produktion passen, Bestandsmanagement oder die Möglichkeit der kurzfristigen Belieferung seien Beispiele für solche Dienstleistungen. „Das ist eine gewaltige ungenutzte Chance“, so Jordan. „Denn ein Teilelieferant aus Indien oder China tut sich ungleich schwerer mit Services wie Ship-to-line kundenauftragsspezifischer Module.“ Der Umstieg von einem Kostenwettbewerb zu einem echten Kundenmehrwert-Wettbewerb könne Preisprämien von 30 % bis 50 % verschaffen.

Gefordert ist auch eine drastisch erhöhte Flexibilität: „Wenn wir plötzlich nach einem Absatzeinbruch weltweit Millionen unverkaufte Autos haben, dann stimmt etwas am System nicht. Markt-Signale brauchen Wochen und Monate, bis sie beim Hersteller ankommen – warum geht das nicht in Real time?“, fragt der Experte von A. T. Kearney.