Den Abschied von Opels Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Klaus Franz begleiten sorgenvollen Blicke in

Den Abschied von Opels Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Klaus Franz begleiten sorgenvollen Blicke in Opels Zukunft (Bild: Opel).

von Nico Schmidt, Dow Jones Newswires

RÜSSELSHEIM/FRANKFURT (ks)–Klaus Franz ist nie ein Mann der leisen Töne gewesen – auch seine offizielle Abschiedsfeier war entsprechend eher unter der Kategorie “großer Bahnhof” zu verbuchen. Hunderte Gäste – darunter Prominente aus Politik und Wirtschaft – gaben “Mr. Opel” am Mittwoch in der Unternehmenszentrale in Rüsselsheim ihre besten Wünsche mit auf den Weg in den Ruhestand. Kaum waren die Feierlichkeiten vorbei und die Anwesenden versammelten sich zum gemütlichen Plausch, machten in den Medien neuerliche Spekulationen über den wirtschaftlichen Zustand des Traditionkonzerns die Runde. Die Nachfolger des Opel-Veteranen haben also einiges zu tun.

Nach Informationen des Wirtschaftsmagazins “Capital” (Donnerstagausgabe) hinkt Opel deutlich hinter den eigenen Erwartungen hinterher. Da sich die Verkäufe 2012 wohl schwächer entwickeln würden als ursprünglich erhofft, bleibe das operative Ergebnis voraussichtlich rund 1 Mrd Euro hinter den Zielen zurück, schreibt das Magazin unter Berufung auf interne Prognosen.

Laut “Capital” verlangt die Opel-Mutter General Motors (GM) Ende Januar nun einen Geschäftsplan für die kommenden Jahre, der das Unternehmen wieder in die Gewinnzone bringen soll. Unter anderem sollen nach Informationen des Magazins zwecks Kosteneinsparungen Modell-Derivate wie das geplante Astra Coupé gestrichen werden. Mittelfristig seien außerdem die beiden Werke in Bochum und im britischen Ellesmere Port gefährdet.

Ein Opel-Sprecher bezeichnete den Bericht als spekulativ, und Spekulationen kommentiere man grundsätzlich nicht. Unternehmenslenker Karl-Friedrich Stracke hatte in seiner Laudatio für Klaus Franz allerdings erneut hervorgehoben, dass Opel in den nächsten Monaten noch einiges zu erledigen habe. Er lobte zwar die aktuelle Modellpalette als die wohl beste aller Zeiten. Allerdings sei noch viel Arbeit nötig, um das Unternehmen auch finanziell auf solide Beine zu stellen, sagte Stracke.

Die traditionsreiche Marke mit dem Blitz hat – mal wieder – schwierige Zeiten vor sich. Opel ist nach wie vor höchst abhängig vom europäischen Automarkt. Deshalb spürt das Unternehmen die konjunkturelle Abkühlung im Zuge der Schuldenkrise besonders. Das Ziel, in diesem Jahr schwarze Zahlen zu schreiben, wurde deshalb kürzlich schon aufgegeben. Stracke warnte unlängst vor einer empfindlichen Marktabkühlung in Europa und einem Rückgang der Gesamtzulassungen um 400.000 Autos auf etwa 19,4 Millionen. Opel will trotzdem wachsen.

Die US-Muttergesellschaft ist zunehmend unzufrieden mit der Lage in Europa und will nach eigenem Bekunden bei der Sanierung des Geschäfts alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Auch Werksschließungen sind offenbar nicht ausgeschlossen. Seit 1999 hat GM in Europa trotz zahlreicher Restrukturierungsversuche zweistellige Milliardenverluste angehäuft. Die Amerikaner entsandten vor einigen Wochen eigens Vizechef Stephen Girsky sowie die beiden Konzernvorstände Daniel Amann und Tim Lee in den Opel-Aufsichtsrat, um das Vorankommen in Europa genauer im Blick zu haben.

Noch-Betriebsratschef Franz erinnerte am Mittwoch erneut daran, dass die 2009 eingeleitete Restrukturierung abgeschlossen sei, weshalb ein weiterer Stellenabbau oder gar Werksschließungen bis Ende 2014 ausgeschlossen seien. Im Zuge des tiefgreifenden Konzernumbaus wurde an den Standorten von Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall in den vergangenen Jahren rund ein Sechstel der 48.000 Arbeitsplätze abgebaut, das Werk im belgischen Antwerpen wurde dichtgemacht.

Seinem designierten Nachfolger an der Betriebsratsspitze und im Amt des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, Wolfgang Schäfer-Klug, gab Franz wichtige Hausaufgaben mit auf den Weg. Erstens müsse die Produktion fair und solidarisch auf die Werke verteilt werden. Und zweitens müsse man dafür kämpfen, Opel uneingeschränkten Zugang zu den Wachstumsmärkten dieser Welt zu verschaffen. Der 59-Jährige fordert seit Jahren, die konzerninternen Exportbeschränkungen gegen Opel aufzuheben und die Marke von der Leine zu lassen, um am automobilen Wachstum teilzuhaben, das mittlerweile faktisch ausschließlich außerhalb Europas stattfindet.

Franz hatte Ende November erklärt, in den Ruhestand zu wechseln. Mit seinem Rückzug geht eine Ära zu Ende: Der studierte Sozialarbeiter, der als Lackierer zu Opel kam und seit Mitte der 1990er im Aufsichtsrat sitzt, war fast vier Jahrzehnte lang für die Marke mit dem Blitz aktiv. Mit ihm geht einer der profiliertesten Köpfe bei dem traditionsreichen Autobauer von Bord. Als Betriebsratschef hatte sich Franz durch seine mediale Präsenz eine größere Bekanntheit erarbeitet als das Management selbst und überlebte 13 Vorstandsvorsitzende.

Und das, obwohl Franz laut Opel-Personalchef Holger Kimmes stets “unberechenbar” und “auf Krawall gebürstet” vorging. Obwohl “Volldampf-Betriebsrat” Franz als Verhandlungspartner “ein harter Hund” gewesen sei, habe er stets Integrität gewahrt, sagte Kimmes. Auch Opel-Chef Stracke würdigte die Verdienste des Urgesteins, vor allem in der Zeit der Insolvenz von GM: “Klaus Franz war da, um Opel am Leben zu halten”. Zwar habe es unterschiedliche Meinungen und Einschätzungen gegeben, aber das Verhältnis sei immer fair gewesen. “Letztlich ging es doch immer nur um das Eine – um das Wohl des Unternehmens”.

“Ich habe nie gegen GM gekämpft, sondern immer nur für Opel”, sagte der Gefeierte selbst. Er traut der Marke einiges zu: Perspektivisch habe Opel das Zeug, in Deutschland wieder einen Marktanteil von 10% zu erreichen. Und in Europa könne man wieder die Nummer Zwei werden. Bleibt also viel Arbeit für seinen Nachfolger.