Schuler-Übernahme lässt Fragen offen 1

von Michael Sudahl

GÖPPINGEN (sm/ks). Am 29. Mai platzte die Bombe: Der österreichische Maschinenbaukonzern Andritz übernimmt den schwäbischen Pressenhersteller Schuler. Die Schuler-Beteiligungen GmbH habe ihre gesamte Beteiligung an der Schuler AG in Höhe von 38,5 % (knapp 230 Millionen Euro) des Grundkapitals an eine deutsche Beteiligungsgesellschaft von Andritz verkauft, hieß es in einer Meldung. Andritz habe zudem ein Übernahmeangebot für die verbleibenden Aktionäre angekündigt. Das Angebot kam an: Innerhalb einer Woche hatten die Österreicher mehr als 10 % der Anteilsscheine von Schuler erworben.

Der Konzern bot den verbleibenden Aktionären 20 Euro je Aktie an, was um 26,34% über dem XETRA-Schlusskurs der Schuler-Aktie vom 28. Mai liegt. Die Börse reagierte sofort: Nach Bekanntgabe des Angebots verteuerte sich das Wertpapier des deutschen Maschinenbauers um bis zu 27 % auf 20,35 Euro. Die Andritz-Aktien legten an der Wiener Börse um 1,46 % auf 41,09 Euro zu. Andritz hat nunmehr Zugriff auf mehr als 63,5% der Schuler-Aktien und verfügt über eine respektable Mehrheit beim Konzern. Dem Geschäft mit dem bisherigen Großaktionär und der Gründerfamilie Schuler-Voith, müssen die Kartellbehörden noch zustimmen.

Soweit die Fakten des derzeit wohl spektakulärsten Euroopäischen Übernahmedeals im Maschinenbau. In Göppingen selbst gärt die Stimmung unter den Beschäftigten. Bereits vergangene Woche reagierte die Gewerkschaftssekretärin der IG Metall Göppingen-Geislingen Renate Gmoser auf die Übernahme. Sie erfuhr vom Millionen-Deal eine halbe Stunde bevor er öffentlich wurde. Gmoser, die beim Göppinger Pressenbauer im Aufsichtsrat sitzt, zeigt sich erschüttert: In der Krise hätten die Mitarbeiter zum Unternehmen gehalten und Verzicht geleistet. Kaum sei die Krise ausgestanden, würden die Aktien versilbert, sagt Gmoser in der lokalen Presse und kritisiert damit die Familie Schuler-Voith. Aus ihrer Sicht habe sie einen günstigen Zeitpunkt abgewartet, um Kasse zu machen. In der Tat steht die Aktie so gut wie lange nicht mehr. In der Hochzeit der Finanzkrise stürzte sie auf 2,50 Euro ab.

Ein ehemaliger Gewerkschafter und Mitarbeiter Schulers, der nicht genannt werden will, wundert sich über die Motive des Käufers. Die Andritz AG sei zwar ein Maschinenbaukonzern, doch in komplett anderen Märkten zuhause. „Was der mit einem Pressenhersteller will, ist den Göppingern ein Rätsel“, so der ehemalige Funktionär. Andritz ist Anlagenbauer und liefert an Wasserkraftwerke, die Zellstoff- und Papierindustrie, die Stahlindustrie sowie für die Produktion von Tierfutter- und Biomassepellets.

Will der Konzern möglicherweise Know-how in Göppingen abgreifen, dann stünden an der Fils zumindest Teile der rund 5300 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Laut Eckhard Flämig von der Kanzlei Bezler, Flämig, Schwarz & Kollegen hätten die Mitarbeiter jedoch erst mal nichts zu befürchten. „Ein Gesellschafterwechsel ist kein Kündigungsgrund“, stellt der Fachanwalt aus Aalen fest. Trotzdem empfiehlt der Jurist den Schuler-Beschäftigten, ihre Arbeitsverträge unter die Lupe zu nehmen, um nachzulesen, welche Leistungen der jeweilige Arbeiter oder Angestellte erbringen muss. Hintergrund: Ein Wechsel des Anteileigners, auf der Gesellschafterebene, hat grundsätzlich keine Auswirkung auf den Arbeitsvertrag. Dennoch kämen oft neue Strukturen ins Unternehmen. So, dass wenn entsprechende Vertragsvorbehalte in den Verträgen fehlen, Änderungskündigungen oder gar Entlassungen zu befürchten seien.

Auch über den Erhalt und Fortbestand der Betriebsrente macht sich mancher Göppinger Arbeitnehmer Gedanken. Markus Sobau von der Stuttgarter Betriebsrentenberatung Confina kann jedoch die Zweifel zerstreuen: „Wenn nach Beginn der Beitragszahlung für die Betriebsrente fünf Jahre vergangen sind, besteht eine gesetzliche Unverfallbarkeit“, klärt der Finanzexperte auf. Die Ansprüche gehen demnach nicht verloren, auch wenn das Unternehmen den Besitzer beziehungsweise den oder die Gesellschafter wechselt. Selbst im Falle einer finanziellen Schieflage blieben alle Ansprüche erhalten. Von Andritz selbst gibt es hierzu keine Auskünfte. Grund: Die Transaktion sei noch im Anfangsstadium und daher noch nicht in Kraft. Und schließlich stehe der gesamte Übernahmeprozess noch unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Freigabe.

Warum Andritz genau jetzt nach dem Göppinger Pressenbauer greift, erklärt ein Blick auf die Zahlen. Schuler erwirtschaftet im laufenden Geschäftsjahr voraussichtlich 1,2 Mrd. Euro Umsatz. Es wäre damit das mit Abstand erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte. Die Andritz AG, die 1852 in Graz gegründet wurde, betrachtet den Einstieg nach eigenen Angaben als langfristige Investition. Laut Unternehmenssprecher Oliver Pokorny würde der „Track record“ der Andritz-Akquisitionen der vergangene 20 Jahre zeigen, dass der Konzern versuche, erworbene Unternehmen bestmöglich in die Gruppe zu integrieren und weiter zu entwickeln. Sicher habe Schuler zuletzt vom Boom in der Autoindustrie profitiert, „Wir gehen aber aufgrund der Zyklizität der Automobilindustrie nicht davon aus, dass die starken Zuwachsraten auf Dauer so anhalten werden“, sagt Pokorny. Der Konzern beschäftigte zuletzt 17 000 Mitarbeiter und erzielte einen Jahresumsatz von 4,6 Mrd. Euro. Die Schuler-Übernahme wollen die Österreicher aus eigenen Mitteln finanzieren.

Derweil wundert sich die Belegschaft in Göppingen über den Rückzug von Gesellschafter Robert Schuler-Voith. Der Ur-Ur-Enkel von Louis Schuler, Gründer des Unternehmens, ist Aufsichtsratsvorsitzender der Schuler AG und Geschäftsführer der Schuler-Beteiligungen GmbH, hinter der die Familie Schuler-Voith steht. Letztere handelte mit dem Andritz-Konzern den millionenschweren Deal aus.