HAMBURG (Dow Jones/rm). Der Erfolg des jüngsten Anlaufs zur Trendwende soll über die Zukunft des Sorgenkindes der Volkswagen AG (VW) entscheiden, sagte Markenvorstand James Muir am späten Mittwoch. “Ich denke, das ist der letzte Versuch für die Marke. Es wäre sinnlos, etwas anderes zu glauben”, sagte Muir zu Journalisten.

Dies ist ein ungewöhnlich ungeschminkter Einblick in die Pläne von VW für die Tochter, die als einer wenigen strategischen Schwachstellen im Konzern gilt. Europas größter Automobilhersteller nach Absatz ist in den vergangenen Jahren dank seiner großen Präsenz in China und Brasilien floriert. Vor schmerzhaften Kürzungen in Europa scheute VW bislang jedoch zurück, teilweise aufgrund des starken Einflusses der Gewerkschaften.

Laut Muir will Seat nun den Absatz steigern, den Nettoverlust verringern und die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um 40.000 Fahrzeuge ausweiten, ohne gleichzeitig den Lagerbestand zu erhöhen. Der spanische Autobauer will insbesondere die Auslastung seines großen Werkes in Martorell bei Barcelona verbessern, das jährlich bis zu 500.000 Fahrzeuge herstellen kann. Auch der Marktanteil in Westeuropa soll ungeachtet der scharfen Konkurrenz in dem insgesamt flauen Markt verbessert werden.

“Die Marke ist wirklich zu klein für dieses Werk”, sagte Muir. Die Auslastung des Martorell-Fabrik habe im vergangenen Jahr bei rund 60% gelegen. Damit eine Autofabrik profitabel ist, sollte die Kapazitätsauslastung aber bei rund 90% liegen.

Beobachter gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Autos in Westeuropas in der zweiten Jahreshälfte bestenfalls stagniert, nachdem zahlreiche Anreizprogramme zum Kauf von Neuwagen ausgelaufen sind. Zudem wird die von Schulden gedrückte spanische Wirtschaft infolge der Griechenlandkrise derzeit sehr genau beobachtet.

Im ersten Quartal konnte Seat im Windschatten einer leichten Erholung auf dem Heimatmarkt den operativen Verlust auf 110 Mio EUR von 145 Mio EUR im Vorjahr verringern. Im vergangenen Jahr waren die Absätze des Autobauers um 8,5% auf 336.683 Fahrzeuge eingebrochen und der Verlust hatte sich auf 339 Mio EUR ausgeweitet, von Minus 78 Mio EUR im Jahr 2008.

Im März hatte VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch erklärt, der Konzern habe “einen umfassenden Plan”, um Seat profitabel zu machen. Er nannte jedoch keine konkreten Maßnahmen oder gar einen Zeitrahmen, wann die Marke die Gewinnschwelle erreicht. VW-Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz erklärte seinerzeit, dass Seat in diesem Jahr erneut einen Verlust einfahren werde. Dies hatte die Frage aufgeworfen, welche Rolle Seat im Rahmen von Volkswagens ambitionierter weltweiter Expansionsstrategie spielen wird.

Die Wachstumsziele bis zum Jahr 2018 seien aber durchaus noch gültig, sagte Muir nun. So wolle Seat beispielsweise den Jahresabsatz seines Modells Leon Hatchback auf 200.000 Stück steigern von derzeit rund 75.000. Dieses Ziel umfasse ein dreitüriges, fünftüriges und ein Kombimodell. Zudem solle die Gesamtzahl der Vertragshändler relativ stabil bleiben. Der Handel soll sich jedoch mehr in Richtung europäischer Großstädte wie Berlin, Madrid und Barcelona verlagern. Auch solle das Flottengeschäft ausgebaut werden.

Der Wolfsburger Autoauer Volkswagen will den japanischen Autogiganten Toyota bis 2018 als weltgrößter Automobilhersteller überholen und die Profitabilität in den kommenden Jahren steigern.

Muir, früher Manager bei Ford und Mazda, übernahm im September das Steuer bei Seat. Aber nur kurze Zeit nach der Amtsübernahme stieß er mit den mächtigen Gewerkschaftsvertretern bei VW in Spanien und Deutschland zusammen, als er 300 Mitarbeiter entlassen wollte und diese als “leistungsschwach” bezeichnete.