SEMI-Europe Präsident Heinz Kundert (rechts) mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich

SEMI-Europe Präsident Heinz Kundert (rechts) mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (links) auf der Eröffnungskonferenz der SEMICON Europa in Dresden.

Tino Böhler

DRESDEN (sp). Über 400 Aussteller aus mehr als 20 Ländern zeigten im Oktober auf der Semicon Europa 2011 in Dresden Flagge. Die Messe mit über 8.000 Besuchern in diesem Jahr ist die größte Veranstaltung ihrer Art in Europa und Leitmesse der Halbleiterbranche. Themenschwerpunkte in den Dresdner Messehallen waren u.a. 3D-Schaltkreise, Elektronik für E-Mobilität, Solarkraftwerke und Windenergie, Kunststoffelektronik, Mikrosystemtechnik, neue Materialien für Chips sowie der Umstieg von bisherigen 300- auf größere 450-mm-Siliziumwafer. Parallel zur SEMICON Europa 2011 diskutierte ein internationales Wissenschaftspublikum auf der Konferenz „Global Plastic Electronics“ aktuelle Trends und Entwicklungen in der Organischen Elektronik. 

Thomas Leitermann, Geschäftsführer von Infineon Technologies Dresden kommentiert die Fachmesse: “Die SEMICON ist für uns eine ideale Drehscheibe, um Partner und Lieferanten zu treffen. Darüber hinaus nutzten wir die Messe auch als Plattform, um neue Mitarbeiter zu werben. Wie kürzlich bekannt gegeben, werden wir in Dresden eine Fabrik für Leistungshalbleiter auf Basis von 300-mm-Wafer errichten und suchen dafür noch qualifiziertes Personal.“

Europa als Nischenmarkt für intelligente IC-Lösungen

Europa braucht weiterhin eine marktfähige und innovative Mikroelektronikindustrie. Das ist die einhellige Meinung von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und dem Präsidenten des Halbleiterindustrieverbandes SEMI Europe, Heinz Kundert. Anlässlich der SEMICON Europa 2011 sagte Tillich weiter: “Unser Anliegen ist es, die Produktion von Halbleitern in Europa zu halten und auszubauen. Europa würde andernfalls bei dieser strategischen Ressource abhängig von anderen Regionen dieser Welt. In eine solche Abhängigkeit dürfen wir nicht geraten.“ Die Sächsische Staatsregierung werde daher bei der Umsetzung der KET-Initiative (Key-Enabling-Technology) in enger Abstimmung mit der EU-Kommission und der Bundesregierung alles unternehmen, damit die Mikroelektronikindustrie in Sachsen und Deutschland auch zukünftig international wettbewerbsfähig sei. Diplom-Ingenieur Kay Viehweger vom Dresdner Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) schätzt dies etwas differenzierter ein: „Europa kann sich bestimmt als Nischenmarkt mit intelligenten IC-Lösungen etwa für die Sektoren Automotive und Energie langfristig behaupten.“ Der Markt für Massenware liege dagegen fest in asiatischer Hand.

Vertreter der europäischen Halbleiterbranche auf der Eröffnungskonferenz der SEMICON Europa in Dresden (v.l.n.r.): Prof. Karl Leo (Vorstandsvorsitzender organische Elektronik oes e.V.), Heinz Martin Esser (Vorstand Silicon Saxony e.V.), Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, SEMI-Europe-Präsident Heinz Kundert, Alain Astier (Group Vice President, Front-End Technology and Manufacturing, Strategic Planning & Programs, STMicroelectronics), Stéphane Juliot (Co-President of “Development and Innovation” Commission at GRENOBLE Urban District, and Administrator of MINATEC Enterprises) und Dresdens amtierender Oberbürgermeister Dirk Hilbert.

Die Halbleiterbranche als Impulstreiber neuer Entwicklungen

“Unsere Branche ist mehr als Design und Produktion von Halbleiterelementen: Wir sind der Treiber für die neue gesellschaftliche Vernetzung und die Kommunikation des neuen Jahrtausends”, sagt Heinz Kundert, Präsident des Branchenverbandes SEMI Europe. Als Treiber für andere Märkte ist die Mikroelektronikindustrie heute nicht mehr wegzudenken“, erläutert auch Udo Kirchner, Sales Manager Evatec Thinfilm Technology GmbH, Kirchheim. Ingesamt habe sich auch die Semicon zu einer Plattform – weg von Massenspeicherthemen – und zu einem Nischenmarkt für integrierte Sensorik entwickelt. „Die Nachfrage ist deutlich gestiegen“, bilanziert Kirchner die Semicon 2011.

2012: Langsameres Wachstum

Auf der Konferenz „Global Plastic Electronics“ beschäftigten sich Teilnehmer aus aller Welt unter anderem mit innovativen Themen wie "druckbare Chips und Elektronik" sowie organischen Leuchtdioden.

Nach guten Wachstumszahlen in den vergangenen beiden Jahren stellt sich die Halbleiterbranche für 2012 auf ein stabiles, aber geringeres Wachstum ein. Heinz Kundert: „Ich gehe nicht davon aus, dass die Industrie in eine Krise gerät – es sei denn, es kommt zu einer weltweiten Rezession.“ Insgesamt stünden die Zeichen jedoch auf Wachstum – wenn auch nicht so rasant wie in den vergangenen zwei Jahren. Besonders die anhaltende Nachfrage nach Produkten, der weitere Boom bei mobilen Endgeräten (Tablet-PCs und Smartphones) und neue Perspektiven in den Bereichen Energie (Smart Grids/intelligente Stromnetze) sowie Umweltschutz sorgen für eine positive Entwicklung. Als ‚Bremser’ kämen aktuelle Entwicklungen am Finanzmarkt, Verschuldung und ein abgeschwächtes Wirtschaftswachstum infrage. Sales Manager Markus Spanbalch von Vakuum-Spezialist COMVAT, Haag, kann dagegen vorerst keine Bremsen ausmachen: „Die Investitionsbereitschaft der IC-Branche im Nischenmarkt Europa in unsere kundenspezifischen Produkte und Dienstleistungen ist ungebrochen hoch.“

Rekordinvestitionen in der Halbleiterindustrie

Die Unternehmen der Halbleiterindustrie werden in diesem Jahr weltweit voraussichtlich die Rekordsumme von rund 44 Milliarden US-Dollar in Fertigungsanlagen investieren, 3,2 Milliarden davon in Europa. Das ergab eine Datenerhebung des Verbandes der weltweiten Halbleiterindustrie SEMI. Die Ausgaben für Materialien zur Halbleiterproduktion werden für das laufende Jahr in Europa auf 3,3 Milliarden US-Dollar geschätzt. In Europa wurden im ersten Quartal 2011 bereits 1,27 Milliarden US-Dollar investiert. Das sei im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres eine deutliche Steigerung, so die SEMI-Angaben.