Peter Löscher geht davon aus, dass alle Sektoren ihre Vorjahresergebnisse übertreffen (Bild:

Peter Löscher geht davon aus, dass alle Sektoren ihre Vorjahresergebnisse übertreffen (Bild: Siemens).

Die Erneuerbaren Energien verbuchten den höchsten Auftragseingang aller Divisionen. 
MÜNCHEN (DJ/gk). Der Siemens-Konzern hat im dritten Quartal 2009/10 das erste Mal seit sieben Quartalen sowohl Umsatz als auch Auftragseingang im Vergleich zur Vorjahresperiode gesteigert und ist nur noch 800 Mio Euro von einem Rekordgewinn entfernt. Von April bis Juni wuchsen die Erlöse um 4% auf 19,17 Mrd von 18,35 Mrd Euro im Vorjahresquartal, wie der Münchner Technologiekonzern am Donnerstag mitteilte. Die Neuaufträge legten dabei um 22% auf 20,87 (Vorjahr: 17,16) Mrd Euro zu. Zum Ende des Quartals summierte sich damit der Auftragsbestand des DAX-Konzerns auf 89 Mrd Euro nach 84 Mrd Euro zur Geschäftsjahresmitte.

Im dritten Quartal wurden auch wieder mehr Aufträge in die Bücher genommen als abgerechnet, und das in allen drei Sektoren. Die Book-to-Bill-Ratio stieg entsprechend konzernweit auf 1,09 nach 0,98 im zweiten Quartal. “Solche Zuwachsraten beim Auftragseingang gab es zuletzt 2008″, sagte Vorstandsvorsitzender Peter Löscher. Die starke Nachfrage habe zu einem Rekordauftragsbestand geführt.

Netto verbuchte der DAX-Konzern im Berichtszeitraum einen Gewinn von 1,41 (1,26) Mrd Euro. Die drei Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik kamen zusammen auf ein Ergebnis von 2,33 (1,67) Mrd Euro. Das fortgeführte Geschäft brachte 1,44 (1,22) Mrd Euro Gewinn ein.

Analysten zeigten sich von den Drittquartalszahlen durchweg positiv überrascht, Morgan Stanley sprach Siemens gar ein “erstklassiges Quartal” zu. Der Aktie half dies dennoch nicht, gegen 13 Uhr notierten die Siemens-Anteilsscheine bei einem rund 0,5% stärkeren DAX um 0,26% im Minus bei 75,95 Euro. Dabei war Siemens einer von sieben DAX-Verlierern. Morgan Stanley ging nach der Zahlenvorlage bereits davon aus, dass der Markt wegen der hohen Erwartungen an das Quartal zunächst enttäuscht sein dürfte und die Aktie dadurch verlieren könnte. Sobald den Analysten aber die Bedeutung des hohen Auftragseingangs bewusst werde, dürften sie am nächsten Morgen ihre Schätzungen nach oben anpassen.

Besonders positiv entwickelte sich mit dem Industriesektor die größte der drei Sparten. Hier stieg der Umsatz um 7% auf 8,72 (8,13) Mrd Euro, die Neuaufträge wuchsen um ein Drittel auf 8,8 (6,6) Mrd Euro und der Gewinn stieg deutlich auf 900 (534) Mio Euro.

Vor allem das kurzzyklische Geschäft mit Lichttechnik von OSRAM entwickelte sich dank wachsendem Interesse an der LED-Technologie zuletzt wieder stärker, nachdem OSRAM lange ein Sorgenkind des Konzerns war. Im dritten Quartal konnte die Division bei Umsatz (+27%) und Auftragseingang (+27%) deutlich zulegen. Auch die Industrieautomation entwickelte sich im abgelaufenen Quartal überdurchschnittlich und konnte beim Auftragseingang um 41% und beim Umsatz um 24% zulegen.

Langzykliker wie das Geschäft mit Industrielösungen und Mobilitätstechnik bereiten Siemens beim Umsatz aber noch immer Probleme, weshalb die Erlöse im Industriesektor insgesamt deutlich langsamer wachsen als der Auftragseingang. Auch die Gebäudetechnologie entwickelt sich noch nicht nach den Vorstellungen der Münchner, mit einer Marge von 5,4% lag sie im dritten Quartal unter den von Siemens angestrebten 7%. Allerdings sieht Siemens nun für seine langzyklischen Geschäfte die Talsohle erreicht.

Im Energiesektor kam Siemens sowohl in der konventionellen fossilen Kraftwerkstechnik als auch im Bereich der Erneuerbaren Energien voran, liegt aber in der Division Fossil Power noch immer unter Vorjahr. Nachdem Fossil Power im Vorquartal schwer gebeutelt wurde und bei den Neuaufträgen ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum erreichte, sank der Auftragseingang nun im Quartalsvergleich noch um 14%, der Umsatz blieb dabei nahezu konstant (-2%).

Die Division der Erneuerbaren Energien konnte sich im dritten Quartal von einem noch härteren Rückschlag erholen. Denn nach einem Minus der Neuaufträge von 60% im zweiten Quartal ging es nun um 26% aufwärts. Der Umsatz der Division stieg dabei um 25%, das Ergebnis um 29%. Die Erneuerbaren Energien verbuchten dabei den höchsten Auftragseingang (2,27 Mrd Euro) aller Divisionen.

In der IT-Sparte SIS, die der DAX-Konzern zum Ende des Geschäftsjahres in die Eigenständigkeit schicken will, schreibt Siemens weiterhin Verluste. Im dritten Quartal fiel ein Minus von 81 Mio Euro an, im Vorjahresquartal war noch ein kleines Plus von 19 Mio Euro gelungen. Für die Ausgliederung und Restrukturierung von SIS rechnet Siemens weiterhin mit Kosten von 500 Mio Euro.

Wegen der anziehenden Geschäfte rechnet Siemens aber innerhalb seiner drei Sektoren nun mit deutlich geringeren Restrukturierungskosten im laufenden Geschäftsjahr. Rund 250 Mio Euro werden jetzt erwartet, erklärte Finanzvorstand Joe Kaeser am Donnerstag in einer Telefonkonferenz. Bislang hatte der Konzern hier mit 500 Mio Euro gerechnet.

“Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Kosten für SIS noch im vierten Quartal gebucht werden können”, sagte Kaeser. Dazu muss sich Siemens aber noch mit der Arbeitnehmerseite über die Konditionen für den Abbau von 2000 Stellen in Deutschland einigen. Die Gespräche dazu seien “schwierig, aber konstruktiv”, sagte Kaeser. Ob Siemens die SIS-Restrukturierung ohne betriebsbedingte Kündigungen schaffen wird, wollte er nicht sagen.

An der Prognose für das gesamte Geschäftsjahr hält Siemens weiter fest, nachdem diese erst zur Jahresmitte angehoben wurde. Beim Ergebnis der Sektoren will Siemens besser als im Vorjahr abschneiden und somit mehr als 7,5 Mrd Euro Gewinn einfahren, womit ein Rekordergebnis erzielt werden würde. Dies soll bei einem Umsatz erreicht werden, der organisch um einen mittleren einstelligen Prozentsatz schrumpft.

Nachdem Siemens in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres bereits ein Sektorenergebnis von 6,7 Mrd EUR eingefahren hat, fehlen den Münchnern zur Erfüllung ihrer Gewinnprognose nur noch 800 Mio EUR, die im vierten Quartal erreicht werden müssten. Entsprechend kündigte Löscher an, die Sektoren würden den Vorjahresgewinn “deutlich übertreffen”.

Siemens profitiert neben einem starken Geschäft mit Erneuerbaren Energien und positiven Währungsumrechnungseffekten derzeit auch von den Stellenstreichungen der Vergangenheit. Die Münchner hatten Ende 2007 ein Sparprogramm präsentiert, dem insgesamt rund 17000 Stellen zum Opfer fielen, davon 12600 in der Verwaltung.

Problematisch sehen mehrere Analysten die wachsende Unterdeckung der Pensionen von Siemens. Zum Ende des dritten Quartals betrug die Unterdeckung nun bereits rund 6,1 Mrd Euro und damit 1,5 Mrd Euro mehr als zum Ende des zweiten Quartals. Zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres war die Deckungslücke erst 4 Mrd Euro groß. Die Analysten von JP Morgan Cazenove führen diese Entwicklung als einzigen Wermutstropfen der Drittquartalszahlen an.