Verkehrsleitsystem in Moskau: Das neue Siemens-Hauptgeschäftsfeld

Verkehrsleitsystem in Moskau: Das neue Siemens-Hauptgeschäftsfeld "Infrastructure & Cities" soll sich aus ausgewählten Geschäften der Sektoren Industry und Energy zusammensetzen (Bild: Siemens AG).

Von Nico Schmidt und Philipp Grontzki, Dow Jones Newswires

FRANKFURT (ks)–Die Krise ist endgültig verdaut, nun nimmt das Industriekonglomerat Siemens wieder den Konzernumbau in Angriff. Dieses Mal nimmt sich Unternehmenschef Peter Löscher vor allem das Industrie-Segment zur Brust: Der DAX-Konzern will nicht nur die Licht-Tochter Osram an die Börse bringen, sondern auch ein neues Kerngeschäftsfeld gründen.

Im Anschluss an eine Aufsichtsratssitzung kündigte Siemens am späten Montagabend an, dass es zum Start des neuen Geschäftsjahres im Oktober ein neues Kernsegment unter dem Namen “Infrastructure & Cities” geben wird. Mit diesem vierten Hauptgeschäftsfeld will der Technologiekonzern stärker an der Wachstumsdynamik und den Technologietrends im Zusammenhang mit dem Aufbau und der Erneuerung von städtischen Infrastrukturen in Industrie- und Schwellenländern teilhaben.

Der Geschäftsbereich soll sich aus ausgewählten Geschäften der Sektoren Industry und Energy zusammensetzen, hieß es vom Unternehmen. Konkret sollen die Divisionen Mobility und Building Technologies sowie Power Distribution dem neuen Sektor zugeordnet werden.

“Wir richten Siemens auf Technologieführerschaft auf einem breiten Spektrum von Energieeffizienz-Lösungen in Städten und für Industrie-Branchen aus. So wollen wir in den nächsten Jahren die Schwelle von 100 Mrd Euro Geschäftsvolumen überschreiten”, sagte Vorstandschef Peter Löscher. Der Industry-Sektor solle sich künftig voll auf Industriekunden konzentrieren und das Branchen- und Servicegeschäft stärken.

Vorsitzender des Segments “Infrastructure & Cities” wird der bisherige Strategiechef Roland Busch, der auch in den Konzernvorstand aufrückt. Neben Busch werden auch Klaus Helmrich als Technologievorstand und Michael Süß als Leiter des Energie-Segments zum 1. April Mitglieder der dann zehnköpfigen Siemens-Führungsriege.

Wolfgang Dehen wird dagegen aus dem Leitungsgremium ausscheiden und ab April Vorsitzender der Geschäftsführung der Osram GmbH. Die Lichttochter soll im Herbst dieses Jahres an die Börse gebracht werden. Siemens will nach eigenem Bekunden langfristig als Ankeraktionär an Osram beteiligt bleiben und strebt eine Minderheitsbeteiligung an. Ob die Mehrheit mit dem Börsengang oder später abgegeben werden soll, war zunächst nicht klar. Klarheit könnte eine Telefonkonferenz mit Vorstandschef Löscher und Finanzvorstand Joe Kaeser am Dienstagmorgen um 9.30 Uhr bringen.

Der nun eingeleitete Umbau ist nicht der erste in der Regentschaft Löschers. Der Österreicher hatte bei dem Technologiekonzern bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Sommer 2007 eine neue Ordnung eingeleitet. Seinerzeit wurde die zuvor eher heterogene Unternehmensstruktur in die drei operativen Kerngeschäftsfelder Industrie, Energie und Medizintechnik gebündelt. Die Angebotspalette von Siemens reicht von Glühbirnen über Ultraschallgeräte bis hin zu Windturbinen und ganzen Kraftwerken.

Eine wirklich klare Ausrichtung wurde aufgrund der Größe von Siemens allerdings auch durch die Schaffung der drei Kerngeschäftsfelder nicht erreicht. So hatten Analysten auch nach dem Umbau moniert, dass etwa die Division Industry Solutions, die im Industriebereich angesiedelt ist, immer noch sehr unterschiedliche Aufgabengebiete unter einem Dach vereint. Siemens ist in dem Segment beispielsweise in der Wasseraufbereitung, dem Anlagenbau für die Metallindustrie oder auch der Planung und Durchführung von Infrastrukturprojekten unterwegs. Insgesamt erwirtschaftet Siemens etwa die Hälfte der Einnahmen im Industrie-Segment, das nun vor dem Umbau steht.

Gerade im Infrastrukturgeschäft mit Großstädten sieht Siemens bereits seit längerem Nachholbedarf. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt inzwischen in den Metropolen dieser Welt. Ein besonders wichtiger Faktor in den dichtbesiedelten Städten ist dabei die Energieeffizienz – beispielsweise beim Transport aber auch bei der Energieversorgung.

Das brachliegende Potenzial soll mit dem nun neu geschaffenen Geschäftsfeld “Infrastructure & Cities” besser genutzt werden. Der bisherige Strategiechef Roland Busch, der das Segment leiten wird, hatte erst Ende des vergangenen Jahres in einem Interview mit Dow Jones Newswires erklärt, Städte seien einer “der großen Wachstumsmotoren für das Geschäft von Siemens in der Zukunft”. Er machte seinerzeit klar, mit dem Marktanteil nicht zufrieden zu sein.

Siemens verfolgt das ehrgeizige Ziel, bis 2014 rund 40 Mrd Euro jährlich mit “grünen Technologien” umzusetzen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr waren es rund 28 Mrd Euro.

Der ebenfalls beschlossene Börsengang der Beleuchtungssparte Osram ist keine Überraschung, schließlich hatte Finanzvorstand Joe Kaeser dieses Szenario bereits vor einigen Jahren ins Spiel gebracht. Immer wieder waren anschließend entsprechende Spekulationen aufgekommen; zuletzt hatten Medien verstärkt darüber berichtet. Eine offizielle Bestätigung stand bisher aber noch aus.

Im Zuge der Wirtschaftskrise, unter der die stark konjunktursensible Siemens-Licht-Tochter schwer litt und mit Stellenstreichungen reagieren musste, war das Thema in den vergangenen beiden Jahren völlig in den Hintergrund gerückt. Zuletzt konnte Osram – gestützt durch eine hohe Nachfrage nach Produkten, die auf Leuchtdioden-Technologie (LED) basieren – aber wieder deutlich bessere Geschäfte vermelden: Im Geschäftsjahr 2009/10 (per Ende September) erzielte Osram mit rund 40.000 Mitarbeitern ein Umsatzplus von rund einem Siebtel auf knapp 4,7 Mrd Euro sowie eine Gewinnmarge von gut 12% und schnitt damit besser ab als der Industrie-Sektor bzw. der Gesamtkonzern.

LED-Hersteller hoffen, dass sich die Technik in immer mehr Anwendungen durchsetzt, da sie sehr energieffizient ist. Erst vor wenigen Wochen übernahm Siemens die bayerische Siteco Lighting für einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag, um das Geschäft mit Leuchten und Lichtsystemen zu stärken. Der Weltmarkt dürfte nach Unternehmensprojektionen in den kommenden fünf Jahren von rund 45 Mrd Euro auf 65 Mrd Euro wachsen.

Laut einem Analysten, der den Wert von Osram bei grob 5 Mrd Euro sieht, kommen auf Siemens in diesem Geschäft künftig verstärkte Investitionen zu. Mit einem Börsengang ergebe sich für die Münchener die Möglichkeit, diese nicht allein schultern zu müssen. Der geplante Osram-Börsengang könnte einer der größten in Deutschland in den vergangenen Jahren werden.

Die Arbeitnehmerseite reagierte prompt auf die Ankündigungen des Unternehmens: Die IG Metall forderte, dass die Umsetzung der Maßnahmen verantwortungsbewusst erfolgen und die Arbeitnehmerseite beteiligt werden müsse. “Wenn Siemens sein Industriegeschäft besser auf zukünftige Anforderungen ausrichtet, liegt das auch im Interesse der Beschäftigten. Wir werden allerdings sehr sorgfältig darauf achten, dass sie in diesem Prozess weder unmittelbar noch mittelbar Nachteile erleiden”, sagte Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der IG Metall Bayern.