Von Matthias Karpstein, Dow Jones

MÜNCHEN (ks)–Rund 850 Mio Euro erhalte Siemens von der französischen Atos Origin, wie der DAX-Konzern am späten Dienstagabend mitteilte. Mit dem Verkauf der SIS an Atos Origin solle ein neuer “europäischer IT-Champion” entstehen, der es mit US-Konkurrenten wie Capgemini und IBM aufnehmen kann.

“Wir schaffen einen europäischen Champion. Die beiden Unternehmen ergänzen sich hervorragend in ihrer Kundenbasis, ihrer regionalen Aufstellung und den angebotenen Services”, sagte Siemens-Vorstandsvorsitzender Peter Löscher zur SIS-Lösung. Sein französischer Atos-Origin-Kollege Thierry Breton sprach von einer “sehr soliden und vielversprechende Industrieallianz”, von deren Wert alle Anteilseigner profitieren würden, “einschließlich Siemens”, betonte Breton.

Mit der Verschmelzung von SIS in Atos Origin ist auch ein erneuter Stellenabbau in der Siemens-Sparte verbunden, für den Siemens mit Kosten von bis zu 250 Mio Euro rechnet. Rund 1.750 Arbeitsplätze sollen bei SIS weltweit wegfallen, davon 650 Stellen in Deutschland. SIS wurde von Siemens bereits einer harten Restrukturierung unterzogen, zu der ein weltweiter Abbau von 4.200 Stellen gehörte. Vom erneuten Stellenabbau seien vor allem Stellen in Verwaltungs- und Zentralfunktionen betroffen. Den Mitarbeitern sollen Weiterbildungsmaßnahmen angeboten werden.

Mit der Transaktion, die Anfang Juli kommenden Jahres abgeschlossen werden soll, übernimmt Siemens an Atos Origin einen Anteil von 15%, der mindestens über fünf Jahre gehalten wird. Bezahlt wird Siemens von Atos Origin mit 186 Mio Euro in bar, zusätzlich erhalten die Münchner 12,5 Mio neue Aktien von Atos Origin, die derzeit einen Wert von 414 Mio Euro haben. Zudem erhält der DAX-Konzern eine fünf Jahre laufende Wandelanleihe über 250 Mio Euro. Letztlich wird Siemens die IT-Sparte aber ohne Gewinn los, denn der Technologiekonzern rechnet mit einer “deutlich negativen Ergebniswirkung” der Transaktion im Geschäftsjahr 2010/11.

Die Münchner und die Franzosen binden sich zudem mit einem langfristigen Vertrag aneinander. Atos Origin soll sieben Jahre lang für Siemens IT-Aufgaben übernehmen und erhält dafür rund 5,5 Mrd Euro. Durch die Transaktion entstehe ein IT-Dienstleister mit einem pro forma Gesamtumsatz von rund 8,7 Mrd Euro und 78.500 Mitarbeitern weltweit. Das neue Unternehmen soll im Geschäftsjahr 2011 ein marktübliches Umsatzwachstum und eine operative Marge von 6% erreichen. Bis zum Jahr 2013 soll der Umsatz auf 9 bis 10 Mrd Euro wachsen und die Ergebnismarge auf 7 bis 8% steigen.

Siemens hatte bereits zur Vorlage der Jahreszahlen im November klar gemacht, dass man für SIS noch kein Licht am Ende des Tunnels sieht. Die IT-Sparte sei “weiterhin mit operativen Herausforderungen in einem sehr wettbewerbsintensiven Markt konfrontiert”. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte Siemens mit der IT-Sparte noch einen Verlust von 537 Mio Euro eingefahren, im seit Oktober laufenden Geschäftsjahr sollte sich das Ergebnis nun deutlich verbessern. Dabei gingen die Münchner aber nicht davon aus, dass das Geschäft bis zum kommenden Finanzjahr 2011/12 branchenübliche Ergebnisse erzielen kann.

Nun finden die Münchner für ihre Problemsparte eine französische Lösung – in einer Zeit, in der man am Wittelsbacherplatz französische Unternehmen vor allem als Streitpartner vor Gericht kennt. So wird mit dem französischen Atomkonzern Areva um den Ausstieg aus dem gemeinsamen Joint Venture gestritten. Zudem versucht der französische Zughersteller Alstom nach Kräften, die Lieferung neuer Siemens-Züge im Wert von rund 600 Mio Euro an Eurostar zu verhindern.