Siemens hat das Geschäftsjahr 2011 mit einem operativen Rekordergebnis abgeschlossen, erwartet aber

Siemens hat das Geschäftsjahr 2011 mit einem operativen Rekordergebnis abgeschlossen, erwartet aber in der Folge der Schuldenkrise turbulente und unsichere Zeiten (Bild: Siemens AG).

Von Nico Schmidt, Dow Jones Newswires

MÜNCHEN (ks)–Die konjunkturellen Unsicherheiten sorgen aber für Zurückhaltung: “Die Entwicklung des makroökonomischen Umfelds ist weiterhin hoch volatil und bleibt schwer einzuschätzen”, sagte Vorstandschef Peter Löscher am Donnerstag auf der Jahrespressekonferenz in München. “Wir sind aber gut gerüstet für ein moderates Umsatzwachstum im Geschäftsjahr 2012 und das mittelfristige Überschreiten der 100-Milliarden-Euro-Schwelle”.

Konkret stellte Löscher für das im Oktober angelaufene Geschäftsjahr ein Einnahmenplus von 3% bis 5% in Aussicht. Die Auftragseingänge sollen deutlich stärker steigen als die Erlöse, was für eine anhaltend hohe Dynamik spricht. Beim Gewinn aus dem fortgeführten Geschäft rechnet Siemens mit einem Wert von 6 Mrd Euro, was unter Herausrechnung von Sondereffekten in etwa dem Niveau des gerade abgelaufenen Geschäftsjahres 2010/11 entspricht. Auf der Ertragsentwicklung werde auch im neuen Jahr der anhaltende Preisdruck lasten, sagte Finanzchef Joe Kaeser.

Das Gros der Analysten traut Siemens bisher einen Gewinn von rund 6,5 Mrd Euro zu. Marktteilnehmer nahmen dies zunächst zurückhaltend auf. Nach anfänglichen Verlusten handelte die Siemens-Aktie gegen Mittag in einem festen Markt bei 73,09 Euro 1% im Plus. In den Unternehmens-Prognosen sind bereits potenzielle Belastungen aus der angekündigten Neuaufstellung des Healthcare-Sektors und des Joint Ventures NSN enthalten, die Analysten möglicherweise noch nicht berücksichtigt hatten. Die Belastungen könnten sich 2011/12 laut Finanzchef Kaeser insgesamt auf einen mittleren bis höheren dreistelligen Millionen-Euro-Betrag aufsummieren.

Löscher sprach mit Blick auf die Schuldenkrise in der Euro-Zone und die schwache US-Wirtschaft von unruhigen und turbulenten Zeiten. Im kommenden Jahr sei insgesamt mit einem schwächeren Wachstum zu rechnen, allerdings nicht mit einer Rezession. Globaler Konjunkturmotor werden nach Einschätzung des Österreichers die Schwellenländer bleiben.

“Eindeutig ist, dass sich die Weltwirtschaft in zwei Geschwindigkeiten bewegt”, sagte Löscher mit Blick auf Prognosen, wonach die aufstrebenden Volkswirtschaften im kommenden Jahr viermal so schnell wachsen werden wie die etablierten. Von diesem Trend will auch Siemens profitieren: “Wir wachsen dort mit überdurchschnittlichen Raten”, sagte Löscher. “Vor diesem Hintergrund wollen wir weiter schneller wachsen als die Weltwirtschaft insgesamt”.

Im Schlussquartal 2010/11 lief das Geschäft von Siemens dank der guten Entwicklung in den Sektoren Industrie und Energie alles in allem rund: Die Einnahmen legten insgesamt um 5% auf knapp 20,4 Mrd Euro zu. Die Neubestellungen sanken zwischen Juli und September zwar leicht auf knapp 21,2 Mrd Euro, Siemens begründete das allerdings mit Wechselkurseffekten sowie einem im Vorjahr erhaltenen Großauftrag, der die Vergleichsgröße aufgebläht hatte. In den Kernsektoren verdiente Siemens fast 2,9 (Vorjahr: 2,5) Mrd Euro, netto aus dem fortgeführten Geschäft waren es auf Konzernebene gut 1,2 Mrd Euro. Im Vorjahr hatte eine Abschreibung auf die Medizintechnik Siemens unterm Strich in die roten Zahlen gedrückt.

Mit dem Ergebnis lag Siemens ein gutes Stück unter den Analysten-Prognosen. Einer der Gründe hierfür dürfte eine Abschreibung in Höhe von 231 Mio Euro auf das Solargeschäft mit der Tochter Solel sein. Seit die Bayern den israelischen Solarthermie-Spezialisten 2009 für mehr als 400 Mio USD übernommen haben, konnte das Unternehmen die Erwartungen nie wirklich erfüllen. Der Markt habe jedoch grundsätzlich Zukunft, sagte Löscher.

Während das Geschäft in den Sektoren Energy und Industry brummte, sprach der Manager von einem “gemischten Bild” im Healthcare-Bereich. Um sich für den zu erwartenden zusätzlichen Kostendruck in den weltweiten Gesundheitssystemen zu wappnen, kündigte Siemens ebenfalls am Donnerstag ein umfangreiches Maßnahmenpaket für die Medizintechnik an. Unter anderem soll in den kommenden beiden Jahren das Geschäft mit der Strahlentherapie neu ausgerichtet werden, was auch “Personalanpassungen” mit sich bringen wird. Laut Löscher könnte eine mittlere dreistellige Zahl von Stellen betroffen sein; den Arbeitern sollen aber Ersatzarbeitsplätze bei Siemens angeboten werden.

Insgesamt zeigte sich der Siemens-Chef mit dem Schlussquartal zufrieden: “Mit einem starken vierten Quartal haben wir in einem unruhigen wirtschaftlichen Umfeld das Geschäftsjahr 2011 mit einem operativen Rekordergebnis beendet”. Über den deutlichen Gewinnzuwachs dürfen sich auch die Anteilseigner freuen: Löscher kündigte an, der Hauptversammlung eine Dividende von 3 Euro je Aktie vorzuschlagen. Das wären 11% mehr als im Vorjahr. Die von einigen Anlegern erhoffte und geforderte Sonderausschüttung gibt es dagegen nicht.

Auch wenn Siemens mit liquiden Mitteln von knapp 12,5 Mrd Euro per Ende September prinzipiell genügend Geld auf der hohen Kante hätte, waren Analysten bereits davon ausgegangen, dass die Münchener das Geld angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten wohl eher zurückhalten werden. “Cash is King in diesem volatilen Umfeld”, sagte Löscher.

Das mittelfristige Ziel eines Umsatzes von 100 Mrd Euro hat der Manager “fest im Visier” und wurde am Donnerstag zumindest etwas konkreter als bislang. Zwar nannte er keinen Zeitpunkt, bis zu dem die Marke erreicht werden soll. Er erklärte aber, dass fast die Hälfte des dazu notwendigen Zuwachses im Energiebereich generiert werden soll. 2010/11 erwirtschaftete Siemens insgesamt Erlöse von rund 73,5 Mrd Euro – bis zum dreistelligen Terrain ist es also noch ein weiter Weg.

Auch wenn der Fokus auf organischem Wachstum liegen werde, seien auch Akquisitionen ein Thema, um voran zu kommen, bekräftigte Löscher: “Da wird sich sicher die ein oder andere Chance für uns ergeben”. Das schwierige Umfeld spiele seinem Unternehmen in die Karten, sagte der Manager mit Blick auf die attraktiver gewordenen Bewertungen. Die letzte Großakquisition von Siemens war die Übernahme des US-Diagnostikunternehmens Dade Behring im Jahr 2007 für rund 7 Mrd USD. Löscher hatte sich in seiner ersten Amtszeit eher auf die Fokussierung des Geschäfts auf die Kernsektoren Industrie, Energie und Medizintechnik konzentriert. Nun allerdings, da fast alle verlustbringenden Randgeschäfte abgestoßen sind und der vierte Kernsektor, Infrastruktur und Städte, eingeführt ist, scheint der Weg für Zukäufe geebnet.