Skion sichert sich 29 % an SGL (Bild: SGL).

Skion sichert sich 29 % an SGL (Bild: SGL).

FRANKFURT (DJ/gk). Der Kampf der Automobilhersteller um mehr Einfluss beim Wiesbadener Graphitspezialisten SGL Carbon geht in die nächste Runde. Am Mittwoch gab die Quandt-Erbin und BMW-Aktionärin Susanne Klatten bekannt, dass sie ihren Anteil auf 27,27% aufgestockt und sich damit eine Sperrminorität an dem Zuliererer der Automobilindustrie gesichert hat. Damit zementiert Klatten ihren bestimmenden Einfluss auf SGL Carbon und hält im Interesse von BMW zugleich die Wolfsburger Volkswagen AG auf Abstand, die im Februar überraschend bei SGL Carbon eingestiegen war und mittlerweile einen Anteil von knapp 10% an dem Zulieferer für Verbundwerkstoffe aus Carbonfasern hält.

Klattens Finanzholding Skion war schon zuvor mit 22,25% größter Einzelaktionär bei SGL Carbon gewesen. Mit der Wandlung von Anteilen aus einer 2007 gezeichneten Wandelanleihe beabsichtige die Holding in den nächsten 12 Monaten, ihren Anteil auf rund 29% auszuweiten, wie ein Skion-Sprecher am Mittwoch erklärte. Damit bliebe Skion knapp unter der an der Börse wichtigen 30%-Marke, die ein Pflichtangebot an die außenstehenden Aktionäre auslösen würde. Der Skion-Sprecher bestätigte auf Anfrage, dass eine komplette Übernahme von SGL Carbon derzeit nicht geplant sei.

Hintergrund dürfte die Sicherung der strategischen Ziele von Klatten und BMW sein. Die Quandt-Erbin will offenbar ihre Rolle als maßgebliche Ankeraktionärin bei SGL dauerhaft machen und Volkswagen in dem Unternehmen auf Distanz halten. Nahezu alle Automobilbauer arbeiten derzeit mit den wenigen Carbonherstellern der Welt zusammen, um mit dem leichten Verbundwerkstoff ihre CO2-Bilanz zu verbessern oder bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen die Gewichtszunahme durch die schweren Akkus auszugleichen. So hat die VW-Tochter Audi erst Mitte Februar eine Entwicklungspartnerschaft mit Voith — pikanterweise nach letzten Angaben mit 5,12% drittgrößter Einzelaktionär bei SGL Carbon — zum Einsatz von kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) für Autos besiegelt. In Neckarsulm betreiben die Ingolstädter ein eigenes Leichtbauzentrum. Konkurrent Daimler gründete kürzlich ein Karbonfaser-Joint-Venture mit dem japanischen Entwicklungspartner Toray Industries.

Bei Skion betonte man denn auch am Mittwoch bewusst die industrielle Logik hinter der Aufstockung bei SGL: “Wir haben das Unternehmen seit über zwei Jahren kennen und seine Technologie und auch sein Management schätzen gelernt”, so der Skion-Sprecher. Mit dem Verhalten anderer Aktionäre habe der Schritt nichts zu tun, ergänzte er. Dennoch dürfte das Vorgehen von Volkswagen der eigentliche Auslöser für das Überschreiten einer Sperrminorität gewesen sein. Die Wolfsburger hatten bei ihrem Einstieg im Februar widersprüchliche Aussagen dazu geliefert, ob ihr knapp 10%-iger Einstieg finanzieller oder strategischer Natur sei. Am Mittwoch betonte ein Sprecher der Volkswagen AG, derzeit gebe es keine Pläne zur Aufstockung des eigenen Anteils auf über 10%.

Dass Skion zum jetzigen Zeitpunkt aufgestockt hat, dürfte vor allem zwei Gründe haben. Zum einen nutzte Klatten nach Aussage des Skion-Sprechers eine sich bietende Chance und kaufte ein Aktienpaket, das ihr außerbörslich über eine Bank angeboten wurde. Zum anderen bot aber auch die Entwicklung des Aktienkurses jetzt eine günstige Gelegenheit zum Einstieg. Vor der VW-Ankündigung notierte das im MDAX gelistete Papier noch bei rund 25 EUR, stieg bis Anfang April um fast 60% auf knapp 40 EUR, fiel seitdem aber wieder unter die Marke von 35 EUR. Am Mittwoch sorgte das neuerliche Interesse der Mehrheitsaktionärin dafür, dass das SGL-Papier mit einem Tagesgewinn von 2,5% zu den Kursgewinnern im MDAX avancierte.

Einen Bieterwettstreit um die Mehrheit bei SGL Carbon erwarten Experten aber nicht. “Da die Großaktionärin Klatten ebenso wie VW mit ihren aktuellen Anteilen an SGL ihre geschäftlichen Ziele realisieren kann, gehen wir nicht davon aus, dass es zu einem Wettstreit um den Ausbau der Beteiligungen kommt”, urteilt etwa NordLB-Analyst Thorsten Strauß, der das Papier daher auf Halten mit einem Kursziel von 35 EUR belässt. Und auch wenn Klatten mit ihrer Sperrminorität nicht verhindern könne, das Volkswagen eines Tages doch eine stärkere Rolle bei SGL Carbon anstrebe, gebe ihr die Sperrminorität immerhin die Möglichkeit, “unliebsame Entscheidungen im Aufsichtsrat blockieren zu können”, so LBBW-Analyst Ulle Wörner.

SGL Carbon unterhält sowohl mit BMW als auch mit Volkswagen umfangreiche Geschäftsbeziehungen. Mit BMW gibt es seit 2009 ein Joint Venture für die Produktion von Carbonfasern für den Automobilbau. BMW plant ab 2013 die Serienproduktion des Megacity Vehicles. In dem batterie-elektrisch angetriebenen Fahrzeug sollen erstmals im großen Stil und flächendeckend Carbonfaserkomponenten von SGL zum Einsatz kommen. Volkswagen hat sich demgegenüber erst vergleichsweise spät für die Carbontechnologie interessiert. VW ist aber Kunde bei SGL und arbeitet mit den Wiesbadenern seit Jahren zusammen, unter anderem bei Carbonkeramikbremsscheiben.