Narjok

Rolf Najork, Vorsitzender des Vorstands bei Bosch Rexroth: "Die Autonomie bietet den Vorteil, Anlagen so aufzustellen, wie man es für die Produktion des Tages braucht:" - Bild: Anna McMaster

„Industrie 4.0 braucht Bilder und eine konkrete Vision, die wir den Menschen vermitteln können, wie die Zukunft aussieht“, meinte Rolf Najork, Vorsitzender des Vorstands der Bosch Rexroth AG. Eine Beschreibung über KPIs reiche nicht aus, um Kunden zu überzeugen.

„Wir brauchen die lange Perspektive und wir müssen auch mal mutig sein und ein Stück radikaler an das Thema rangehen“, so Najork. Bosch Rexroth sieht sein großes Wachstumsgebiet in der Factory Automation. Dafür wurden die Herausforderungen der Kunden aufgeteilt in die klassische Großserienfertigung wie in der Automobilproduktion und die Kleinserien- und Einzelfertigung.

Hochflexible Fertigung nötig

Das Fazit: Während die Großfertiger verstärkt in globalen Fertigungsnetzwerken operieren und neuen Fertigungskonzepten aufgrund massiver Technologieumbrüche sowie mehr Variabilität ausgesetzt sind, brauchen die Einzelfertiger hochvariable Fabriken mit Rüstzeiten bei null und neue Fertigungstechnologien wie 3D-Druck. Diese Herausforderungen will das Unternehmen mit dem Konzept der Factory of the Future beantworten, die Neuinvestitionen vermeiden hilft und kürzere Produktzyklen unterstützt.

Wichtige Erkenntnis: „Die neue Welt beginnt nicht in der Fabrik, sondern die digitale Kette startet mit Konfiguratoren für das Customizing beim Kunden“, so Narjok.

Die Factory of the Future von Bosch Rexroth ist in der Tat radikal gedacht, sie besteht aus einem „intelligenten Raum“, in dem nur Boden, Seiten und Decke fest sind. „Alles andere ist beweglich und alles ist vollständig über die Luft connected, ohne Kabel“, beschrieb es der Vorstandsvorsitzende. In einigen Jahren werde die Stromversorgung per induktivem Laden aus dem Boden kommen. Eine Idee, die an das Konzept Fluid Logistics des Startups Benjamin GmbH erinnert, das alle Assets in der Produktion auf Basis von elektromagnetischen Feldern hin- und her bewegen will.

Das ist eine der Grundlagen für mobile Geräte. „Die Autonomie bietet den Vorteil, Anlagen so aufzustellen, wie man es für die Produktion des Tages braucht“, so der Geschäftsführer. Autonome Maschinenmodule, Materialtransportmodule und Module für Montage-, Schweiß oder Greifprozesse bewegen sich nach Bedarf im intelligenten Fabrikraum. Als wesentliche Voraussetzung sah Rolf Najork eine neue dezentrale Steuerungsarchitektur, die auf Elementen von Embedded, Edge und Cloud Computing basiert, und eine durchgängige Connectivity. So soll in Zukunft das Produkt selbst seinen Weg durch die Fertigung finden.

Video: Rolf Najorks im Interview

Personifiziertes Werkzeug

Die neuen Komponenten werden in der Montagefabrik von Bosch Rexroth gebaut, ab 2018 soll zum Beispiel ein Active Shuttle mit Transportroboter in den Markt gehen, auf den sich modular Applikationen aufbauen lassen für Montage-, Schraub-, Schweiß- oder Nietprozesse. Man will dabei zu einem ganz anderen Kostenpunkt als heute unterwegs sein und Baukastensätze anbieten, die unterschiedlich montiert werden können. Künftig soll es auch individuell angepasstes und personifiziertes Werkzeug geben, indem über 3D-Druck ergonomische Werkzeuge entstehen, deren User sich per Fingerabdruck autorisieren.

In seiner in „Heute“, „Morgen“ und „Zukunft“ eingeteilten Industrie 4.0-Planung steht für die nahe Zukunft das Thema Produktionssteuerung an. Mit einem als „Digital Nameplate“ bezeichneten Sensor, der Lage, Temperatur und Beschleunigung registriert und mit Low Energy Bluetooth versorgt wird, will der Hersteller in Verbindung mit der nächsten Generation von Industrie 4.0-Gateways eine Bestandsanlage in ein Industrie 4.0-fähiges System verwandeln.

Das sei sonst bei Mittelständlern teilweise sehr schwer, konstatierte Najork und stellte klar: „Für uns ist die Zukunft der Kommunikation im Werk nicht mehr der Feldbus, sondern 5G, mit einer vollkommen kabellosen Kommunikation auf Basis des OPC-UA-Standards. 5G ist das Kernmerkmal der neuen Automationspyramide in der Wireless Factory“. Das Thema Sicherheit sah Najork in eingebetteten (embedded) Steuergeräten, die Intelligenz in die Edge Cloud verlagern.

Video: Zusammenarbeit zwischen Kuka und Bosch Rexroth für Industrie 4.0

Zeit statt Anlagen erwerben

Neue digitale Geschäftsmodelle lagen für den Vorstandsvorsitzenden unter anderem in der weiteren Ausdehnung von Predictive Maintenance, hin zur Vermeidung von Stillständen in kritischen Prozessen. Das sei die Basis für das neue Geschäftsmodell „Uptime als Dienstleistung“, mit Serviceverträgen für Komponenten und Systeme. „Zu Niedrigzinszeiten gibt es viele Anleger, die neue Anlagemöglichkeiten suchen. Das müssen wir durch entsprechende Geschäftsmodelle für die Industrie nutzbar machen“, meinte Najork.

So würden künftig zum Beispiel in Minen nicht mehr die Anlagen gekauft, sondern die verfügbare Zeit. Damit liegt der Antriebs- und Steuerungstechnologie-Anbieter nicht weit vom Konzept der Heidelberger Druckmaschinen AG. Sie stellte kürzlich auf dem Maschinenbau-Gipfel ihren Plan vor, künftig auf Basis von Daten nicht mehr nur Druckmaschinen, sondern den „bedruckten Bogen“ zu verkaufen.

Überzeugungsarbeit nötig

Narjork
Kundenbedarf ist das, was laut Bosch-Rexroth-CEO Narjork zählt. - Bild: Anna McMaster

„Das Thema Industrie 4.0 muss viel stärker vom Kundenbedarf entwickelt werden, wir müssen uns nicht nur überlegen, was technologisch geht, sondern was die echten Bedarfe beim Kunden sind“, sagte Rolf Najork. In Deutschland stelle sich zudem immer noch oft die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer sei. „Wir sehen, wir müssen ganz intensiv im Ausland entwickeln lassen; in Indien und China ergreifen die Mitarbeiter sofort bei neuen Ideen die Initiative, während wir in Deutschland noch Überzeugungsarbeit leisten müssen“, berichtete Najork.

Ein ganz wichtiges Thema seien agile Teams, die in Startup-Strukturen jenseits der traditionellen Organisation neu denken. Schon aus Qualitätsgründen werde man automatisieren müssen. „Trotzdem werden die Fabriken nicht leer sein“, war sich Najork sicher. Allerdings würden sich die Profile ändern, es brauche mehr IT-affine Mitarbeiter, die bereit sind, lebenslang zu lernen.

  • Rolf Najork

    Rolf Najork, CEO der Bosch Rexroth AG, erklärte unter dem Motto "Change as a chance" den Weg von Bosch Rexroth zur Future Factory. - Bild: Anna McMaster

  • Axel Henning Saleck

    Dr.-Ing. Axel Henning Saleck, Academic Member der Industrial Value Chain Initiative, stellte die Ziele, Arbeitsweise und Aktivitäten der Industrial Value Chain Initiative (IVI) aus Japan vor. - Bild: Anna McMaster

  • Franz Böhnlein

    Franz Böhnlein, Leiter Fertigungsplanung Standorte Neckarsulm, China / CKD der Audi AG zeigte die Vision und Realität der Smart Factory am Beispiel der Produktion des neuen Audi A8. - Bild: Anna McMaster

  • Jarno Suomela

    Jarno Suomela, Head of Software Platform Portfolio bei Landis+Gyr Oy, stellte die Plattform-Strategie für Devices und Applikations-Software seines Unternehmens vor. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung

    Auch im Ausstellungsbereich des 5. Fachkongresses Industrie 4.0 in Karlsruhe konnten sich die Besucher über die neusten Entwicklungen aus der Praxis informieren. - Bild: Anna McMaster

  • Wilk

    Claus Wilk, der Chefredakteur der Fachzeitung Produktion, führte durch die Veranstaltung. - Bild: Anna McMaster

  • Bick

    Prof.Dr. Werneer Bick, Generalbevollmächtigter der ROI Management Consulting AG, gilt als einer der größten Experten in Sachen Industrie 4.0. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung

    Auch an den Ständen in der Ausstellung wurde viel über Technologien gefachsimpelt. - Bild: Anna McMaster

  • Blume

    SVV-Projektleiterin Franziska Blume hatte wie immer die Veranstaltung charmant im Griff. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung 2

    An den Ständen der Aussteller standen die Kollegen stets für Fragen zur Verfügung. - Bild: Anna McMaster

  • Programm

    Angesichts des vollen Programms lohnte sich der wiederholte Blick in den Flyer um nichts zu verpassen. - Bild: Anna McMaster

  • Publikum

    Sichtlich gute Laune beim Publikum des Fachkongresses Industrie 4.0 in Karlsruhe. - Bild: Anna McMaster

  • Ausstellung 3

    Viele Fragen - und viele Antworten gab es in der Ausstellung zum Fachkongress Industrie 4.0 - Bild: Anna McMaster

  • Publikum 4

    Interessiert lauschte das Publikum den spannenden Fachvorträgen der I4.0-Experten. - Bild: Anna McMaster

  • Saal

    Der 5. Fachkongress Industrie 4.0 fand in der Messe Karlsruhe statt. - Bild: Anna McMaster

  • Publikum 5

    Angesichts der geballten Industrie-4.0-Praxis auf der Bühne schien es so manchem Gast die Sprache zu verschlagen. - Bild: Anna McMaster

  • VR

    Praxis, Praxis, Praxis lautet das Motto des Fachkongresses Industrie 4.0 - das will natürlich auch ausprobiert werden. - Bild: Anna McMaster