Peter Zierhut ist ein Urgestein bei Haas Automation und seit 1984 dabei.

Peter Zierhut ist ein Urgestein bei Haas Automation und seit 1984 dabei.

Herr Zierhut, Haas Automation ist der einzige wirklich erfolgreiche US-amerikanische Werkzeugmaschinenhersteller. Wie war das möglich?
Unser Firmengründer Gene Haas hat in den frühen 1980ern mit einer kleinen Werkstatt angefangen. Er stand damals immer selbst an den Maschinen und konnte dabei eine Menge an Erfahrungen sammeln. Er erkannte bald, dass es bei den damaligen Maschinen viele Verbesserungspotenziale gab. Deshalb entschloss er sich 1984, selbst Komponenten für Werkzeugmaschinen zu entwickeln und zu produzieren. Zunächst waren das beispielsweise CNC-gesteuerte Werkstücktische. Nach ein weiteren paar Jahren wurde im klar, dass es einen großen Markt für einfache, stabile und bezahlbare Maschinen gibt. Obwohl viele dies damals für verrückt hielten: Er konstruierte und baute sie. Gene achtete dabei streng auf möglichst wenig bewegte Teile, verwendete nur absolut ausgereifte Komponenten und entwarf eine eigene CNC-Steuerung. Von Anfang an wurden diese Maschinen zu vernünftigen, einheitlichen und festen Preisen angeboten. Ich erinnere mich noch daran, wie wir damals von 15 verkauften Maschinen pro Monat träumten. Heute verkaufen wir Monat für Monat mehr als 1 000. Die Strategie unseres Firmengründers Gene Haas ist also voll aufgegangen und auch heute leben wir unsere Firmenphilosophie Tag für Tag.  
Warum entwickelte Gene Haas eine eigene CNC-Steuerung?
Es war eine sehr mutige Entscheidung, da fast alle unsere Wettbewerber Steuerungen der wohlbekannten Hersteller einsetzen. Aber es war richtig. Gene wusste aus eigener Erfahrung, wie man mit Maschinen umgeht und auf was es bei einer Steuerung wirklich ankommt. Dies alles ist in die Entwicklung unserer Steuerung eingeflossen und deshalb ist sie äußerst anwenderfreundlich und komfortabel. Es gibt aber noch einen weiteren großen Vorteil: Niemand kennt unsere Maschinen so gut, wie wir selbst. Wir können deshalb die Steuerungen bestmöglich auf unsere Maschinen abstimmen. Weiterhin können sehr schnell neue Leistungsmerkmale implementiert werden. Früher haben wir dies vielleicht sogar etwas übertrieben und zu häufig Updates gemacht. Heute passiert dies nur noch ein bis zweimal pro Jahr. All dies wäre jedenfalls deutlich umständlicher, wenn wir Steuerungen eines anderen Herstellers verwenden würden.

Maschinen von Haas werden ausschließlich am Firmensitz Oxnard in den USA gefertigt. Wird sich das ändern?
Nein. Vor ein paar Jahren haben wir eine kleine Produktionsstätte in Shanghai aufgebaut. Dort wollten wir einfache Fräsmaschinen für den chinesischen Markt produzieren. Es war schon eine kleine Überraschung: Diese Produktion war trotz deutlich niedrigerer Lohnkosten teurer als die an unserem kalifornischen Stammsitz.  Schlicht, weil die Prozesse hier deutlich effizienter organisiert sind. Also haben wir unseren chinesischen Produktionsstandort letztes Jahr aufgegeben. Viele andere US-amerikanische Unternehmen haben übrigens die gleiche Erfahrung gemacht und kommen jetzt wieder zurück.
Aber haben Sie nicht gerade in den USA Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden?
Das ist tatsächlich nicht einfach, aber wir haben den richtigen Ansatz zur Lösung dieses Problems gefunden. Wir haben eine enge Kooperation mit verschiedenen Universitäten und wir bieten selbst eine zweijährige Ausbildung für junge Menschen an. Gerade in den USA ist es wichtig, dass wir uns selbst um den Nachwuchs kümmern. Wir können uns nicht auf die Politik verlassen und dieses Problem hat die gesamte US-amerikanische Industrie. Leider träumen die meisten jungen Amerikaner von einer Karriere in der Dienstleistungsbranche. Nur wenige wissen, dass wir attraktive, gutbezahlte und sichere Arbeitsplätze bieten. Das Vorurteil ist immer noch weit verbreitet, dass unsere Arbeitsplätze schlecht bezahlt, schmutzig und unsicher sind. Wir versuchen das zu ändern, aber es ist eine Sisyphus-Arbeit.

Wie hat Ihr Unternehmen die Branchenkrise der letzten beiden Jahre überstanden?
Relativ gut. Haas Automation war immer profitabel und hat auch in den letzten beiden Jahren kein Geld verloren. Wir haben immer auf sehr straffe Prozesse und Strukturen geachtet und wir verschwenden nie Geld. Gene Haas hat uns von Anfang an zu einem besonders sorgfältigen Umgang mit Geld erzogen und dies ist Teil unserer Firmenphilosophie. Ein Beispiel: Einige unserer Wettbewerber geben riesige Summen für ihre Auftritte auf den großen Werkzeugmaschinenmessen aus. Das könnten wir natürlich auch, aber wir tun es nicht, weil es sich auf lange Sicht schlicht nicht auszahlt. Vielleicht könnten wir den ein oder anderen zusätzlichen Auftrag damit gewinnen. Aber wenn jemand ein paar Monate später die nächste Maschine braucht, ist alles wieder völlig offen. Wir kennen bessere und effektivere Möglichkeiten, unsere Maschinen zu vermarkten.

Deutsche Werkzeugmaschinenbauer klagen, dass es derzeit Lieferengpässe bei ihren Zulieferern gibt. Gilt das auch für Haas Automation?
Es ist tatsächlich auch für uns schwieriger geworden, genügend Teile in geeigneter Qualität zu bekommen. Das liegt zum Teil daran, dass die Lieferanten ihre Kapazität nach der Krise nicht schnell genug wieder hochfahren konnten und an der jüngsten Katastrophe in Japan. Wirkliche Probleme haben wir damit aber nicht, denn wir hatten immer schon ein großzügiges Lager und eine sehr hohe Eigenfertigungstiefe. Aber auch uns hat der plötzlich einsetzende Aufschwung überrascht. Unser größter Engpass zurzeit ist es, genug geeignetes Personal zu finden. Daran arbeiten wir derzeit, um den rasant gestiegenen Auftragseingang nach der Krise abarbeiten zu können.

Haas hat sich auf Maschinen für den Flächenmarkt spezialisiert. Wird es dabei bleiben?
Ja, wir bleiben bei unserer Modellpolitik und überlassen den Markt für Sondermaschinen anderen. Das würde sich für uns wegen der niedrigen Stückzahlen schlicht nicht rechnen. Wir beobachten aber ohnehin, dass sogar große Anwender die Bearbeitung auch komplexer Teile mit Standardmaschinen versuchen. Das ist oft ausreichend und zudem deutlich günstiger. Wir wollen mit unseren Maschinen nicht die Speerspitze technischer Innovationen sein. Wir übernehmen neue Techniken erst dann, wenn sie absolut ausgereift sind und dem Anwendner wirklichen Nutzen bringen. So werden wir Ende diesen Jahres eine sehr stabile und leistungsfähige 5-Achs-Maschine wie immer zu einem äußerst attraktiven Preis vorstellen.

von Sebastian Moser