Arbeiter im Volkswagenwerk im russischen Kaluga: Die Automobilkonzerne zieht es schon seit längerem

Arbeiter im Volkswagenwerk im russischen Kaluga: Die Automobilkonzerne zieht es schon seit längerem in die GUS-Staaten (Bild: Volkswagen/branchecarica,Fotolia.com).

von Andreas Karius

WIEN. Die Unternehmensberatung Horváth & Partners sieht in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS) das größte Expansionspotenzial. Das geht aus einer Studie zu den „Erfolgsfaktoren des Standortaufbaus in Zentral- und Osteuropa (CEE)“ hervor. Die zunehmende wirtschaftliche Reife der CEE-5-Region (Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn) habe zu steigenden Lohnkosten und einem härteren Wettbewerb geführt. Daher zeige sich ein klarer Trend Richtung Osten: Beinahe zwei Drittel der befragten Unternehmen sehen die GUS-Staaten als zukunftsträchtigen Produktionsstandort. Lediglich je ein Viertel der befragten Unternehmen sehen die CEE-5 und die baltischen Länder bzw. die „EU-Neulinge“ Rumänien und Bulgarien als potenzielle Fertigungsstandorte.

Bis dato befinden sich erst 10 % der Produktionsstätten in Mittel- und Osteuropa im GUS-Raum. Mehr als die Hälfte österreichischer, deutscher und schweizer Firmen ist in den reifen CEE5-Märkten und in den baltischen Staaten ansässig. Über 20 % haben Standorte in den neuen EU-Beitrittsländern Rumänien und Bulgarien. „Russland und die Ukraine sind nun die Top-Kandidaten für den Aufbau von Produktionsstandorten in den nächsten fünf Jahren“, folgert Christoph Kopp, Studienleiter bei Horváth & Partners in Wien. Es folgen mit einigem Abstand Rumänien, die Türkei, Polen, Weißrussland und Kroatien. Als künftiger Produktionsstandort sind demnach die GUS-Staaten aufgrund ihrer niedrigen Lohnkosten und wegen des großen und wachsenden Absatzmarktes hoch attraktiv – trotz teilweise instabiler politischer Lage, ineffizienter öffentlicher Verwaltung und schlechter Infrastruktur.

Anders als bei den meisten Produktionsstandorten, die nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs in der CEE-Region als rein verlängerte Werkbank errichtet wurden, dienen die nun in den GUS-Staaten errichteten Standorte sowohl der kostengünstigen Fertigung als auch der Versorgung der regionalen Märkte mit dort gefertigten Produkten. Auch die Bedeutung relativ selbständiger „CEE-Center“ wird demzufolge zunehmen. Besonders den CEE-5-Ländern werden künftig neue Aufgabengebiete zukommen. Sie werden langfristig als möglicher Standort für Headquarters, technologie- und wissensintensive Fertigung und Shared Service Center eingestuft, so die Studie.

Betrachtet man einzelne Branchen, dann setzen speziell die Automobil-Zulieferer sehr auf kostengünstige Produktionsstandorte in CEE und sind bereits seit längerem in vielen Gebieten der Ukraine und Russlands, in denen noch wenige Fertigungen westlicher Unternehmen sind, überproportional vertreten. Jüngst hatte auch Renault angekündigt, in Russland drei neue Modelle bauen zu wollen. „Die Unternehmen des Maschinenbaus sind hier etwas vorsichtiger, nicht zuletzt wegen der oft höheren Komplexität im Produktionsprozess“, erklärt Kopp.

Die Krise hatte auch die Zahl der Standortverlagerungen nach Osten drastisch einbrechen lassen. Für die nächsten Jahre rechnet die Unternehmensberatung aber wieder mit dem vermehrten Aufbau neuer Fertigungsstätten, vor allem in den GUS-Ländern. „Klar erkennbar ist ein Trend Richtung Osten, neue Fertigungsstandorte werden vermehrt in Russland und der Ukraine errichtet werden“, sagte Kopp zu Produktion. Dagegen werde in den reiferen CEE-Ländern nach der Krise der Trend vor allem in den Ausbau bereits bestehender Standorte investiert. „Auch die neuen EU-Beitrittsländer, vor allem Rumänien, haben auch noch eine hohe Attraktivität“, so Kopp. Das Fraunhofer Institut ISI hatte Ende des vorigen Jahres berechnet, dass auf jede dritte Produktionsverlagerung ein Rückverlagerer komme. „Nach dem CEE-Barometer unseres Hauses ist eine Rückverlagerung nur noch für rund 5 % der in CEE tätigen Unternehmen ein Thema. Hier ist ein klarer Rückgang zu erkennen“, erklärt hingegen Kopp. Unternehmen unterschätzten aber weiterhin Qualitätsprobleme, Lieferschwierigkeiten und Koordinations- und Kommunikationskosten, die mit einem CEE-Standort verbunden sein können. Immerhin schätzten die Firmen jedoch die dortigen Produktionsbedingungen und -kosten viel realistischer als noch vor einigen Jahren ein.

Für die Studie wurden insgesamt 111 Unternehmen aus der DACH-Region und aus unterschiedlichen Branchen befragt. 68 % aller Unternehmen gaben an, schon länger als drei Jahre in Zentral- und Osteuropa aktiv zu sein, der Rest ist zwischen ein und drei Jahren mit Produktionsstandorten vor Ort.

Detailinfos unter CKopp@horvath-partners.com