Im aktuellen Tarifstreit in der Metall- und Elektroindustrie zwischen den Arbeitgebern und der IG Metall hat es im Südwesten einen Pilotabschluss gegeben

Im aktuellen Tarifstreit in der Metall- und Elektroindustrie zwischen den Arbeitgebern und der IG Metall hat es im Südwesten einen Pilotabschluss gegeben. - Bild: Pixabay

Der Abschluss für die Metall- und Elektroindustrie steht - und ist an Komplexität kaum zu überbieten. Zufrieden sind die Beteiligten dennoch. Nun müssen sie die vielen Neuerungen nur noch vermitteln.

Das zähe Ringen bis zur sechsten Verhandlungsrunde hatte seinen Grund. Angesichts der zahlreichen geforderten Neuerungen mussten die Vertreter des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall und der IG Metall Baden-Württemberg an vielen Stellschrauben drehen, um schließlich jeweils mit Kompromissen leben zu können.

Eine Laufzeit von 27 Monaten, 4,3 Prozent mehr Geld, dazu jährliche Einmalzahlungen - das ist nur ein Teil des nun vorliegenden Pilotabschlusses. Die Beschäftigten können darüber hinaus künftig für bis zu zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden absenken. Im Gegenzug dürfen Betriebe dann mit mehr Beschäftigten als bisher 40-Stunden-Verträge abschließen. Darüber hinaus wurde über zahlreiche zusätzliche, weniger kostspielige Änderungen entschieden.

Südwestmetall mit Schmerzen

Die Vier vor dem Komma schmerze, sagte Südwestmetall-Chef Stefan Wolf im Anschluss an die Verhandlungen. Immerhin habe man aber mit der langen Laufzeit von 27 Monaten für Planungssicherheit gesorgt. "Ich glaube, das neue Tarifsystem ist vernünftig ausbalanciert." Allerdings werde nicht nur die Höhe des Abschlusses, sondern auch seine Komplexität für viele Betriebe schwer zu tragen sein.

"Wir haben um jedes Detail hart gerungen", bilanzierte auch IG-Metall-Verhandlungsführer Roman Zitzelsberger. Die Gewerkschaft hat durchgesetzt, dass die Beschäftigten zusätzlich zur Entgelt-Erhöhung von 4,3 Prozent ab April 2018 für die Monate Januar bis März 2018 eine Einmalzahlung von 100 Euro erhalten. Außerdem gibt es von 2019 an jährlich ein neues tarifliches Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens sowie einen Festbetrag von 400 Euro. Letzterer - das haben die Arbeitgeber durchgesetzt - kann in wirtschaftlich schweren Zeiten gesenkt oder gestrichen werden.

Einigung wurde auch im hart umkämpften Bereich der Arbeitszeit erzielt - mit dem Ergebnis, dass beide Parteien diesen Faktor künftig flexibler handhaben können. Auch ein besonders strittiger Punkt wurde schließlich geklärt: die Forderung der IG Metall, dass bestimmte Gruppen wie Schichtarbeiter, pflegende Angehörige oder Eltern junger Kinder im Falle solch einer Arbeitszeitreduzierung einen Zuschuss für entgangenen Lohn erhalten sollen. Sie können nun statt dem für alle vereinbarten tariflichen Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatsgehalts acht freie Tage wählen.

Die Bundesvorstände der Tarifparteien lobten die Lösungen. "Wir haben heute den Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem für das 21. Jahrhundert gelegt", sagte Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Die schmerzhafte Kostenbelastung spiegele die im Schnitt gute wirtschaftliche Lage der Branche. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sah den Tarifabschluss als einen "Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt". Viel zu lange sei Flexibilität bei der Arbeitszeit ein Privileg der Arbeitgeber gewesen.

Prüfung in zwei Jahren

Wie der Tarifabschluss sich in der Praxis bewährt, wollen die Tarifparteien in zwei Jahren prüfen, weil bisher nicht klar ist, wie viele Beschäftigte beispielsweise eine reduzierte Arbeitszeit von 28 Stunden oder Verträge über 40 Wochenstunden in Anspruch nehmen.

Kritische Töne kamen indes vom Arbeitgeberverband in Bayern. Zwar begrüße der Verband den Tarifabschluss, der den Unternehmen besonders lange Planungssicherheit verschaffe. Aber: "Wir hätten uns einen weniger komplexen Tarifvertrag gewünscht", teilte der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie, Bertram Brossard, mit.

Der Verband sprach sich für eine Übernahme des Vertrags in Bayern aus. Dort beginnen die Verhandlungen an diesem Donnerstag. Die Einigung in Baden-Württemberg gilt als Pilotabschluss für die deutschlandweit rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. In der Regel übernehmen die übrigen sechs Tarifbezirke den Abschluss des Pilotbezirks.

Zum Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie erklärt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann:

„Dieser Tarifabschluss tut vor allem den vielen Mittelständlern im Maschinen- und Anlagenbau richtig weh. Die komplexen Vereinbarungen und Prüfpflichten zur Arbeitszeit werden im betrieblichen Alltag zu erheblichen Unsicherheiten führen. Zudem verschärft die äußerst großzügige Regelung zur Verkürzung der Arbeitszeit die per se angespannte Fachkräftesituation nochmals. Die vergleichsweise lange Laufzeit des Tarifvertrags und die Möglichkeit, auch längere Arbeitszeiten zu vereinbaren, sind zwar grundsätzlich positiv, aber nur ein schwacher Trost.

Einmalzahlungen, die an konjunkturelle Entwicklungen gekoppelt werden, sind prinzipiell der richtige Weg, dürfen aber nicht verstetigt werden. In Summe kommt dieser Tarifabschluss die Mittelständler zu teuer. Auch haben die Tagesstreiks der IG Metall das Arbeitsklima in vielen Unternehmen nachhaltig belastet. Die Gewerkschaften dürfen sich deshalb nicht wundern, wenn immer mehr industrielle Mittelständler eigene Wege gehen, um sich mit ihren Beschäftigten zu verständigen.“ 

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