Tesa-CEO Thoma Schlegel: Der Klebstoffspezialist setzt nicht auf einzelne Hoffnungsträger, sondern

Tesa-CEO Thoma Schlegel: Der Klebstoffspezialist setzt nicht auf einzelne Hoffnungsträger, sondern mit vielen Produkten in diesem und in den kommenden Jahren das Ziel erreichen, beim Umsatz stärker als der Gesamtmarkt zu wachsen und die operative Rendite auf deutlich mehr als 11% zu heben (Bild: Tesa).

Von Kirsten Bienk, Dow Jones Newswires

HAMBURG (ks)–Hauchdünne Klebefolien für aufrollbare Bildschirme und faltbare Mobiltelefone, wind- und wetterfeste Verklebungen für riesige Solarmodule und Pflaster, die allmählich die in ihnen gelagerten Medikamente abgeben, sollen Tesa in den kommenden Jahren schneller als die Mitbewerber wachsen lassen. “Die Ideen gehen uns nicht aus”, gibt sich Schlegel optimistisch. So werde die vom Unternehmen entwickelte und patentierte ACX-Technologie, die die umweltschonende Herstellung von Bändern mit hoher Klebkraft ermöglicht, dem Unternehmen im laufenden Jahr erste Umsätze und Marktanteilsgewinne ermöglichen. Tesa schätzt das Weltmarktvolumen über alle Anwendungen auf rund 1 Mrd Euro und will in 5 bis 7 Jahren mindestens 5% davon auf dem eigenen Auftragszettel verbuchen.

Denn die doppelseitigen Klebebänder sind wegen ihrer Wetterfestigkeit besonders für den Einsatz im Außenbereich geeignet. Bei der Installation von Solarparks trotzen diese Bänder bereits Wind und Wetter. Außerdem werden sie beim Einbau von Glasblenden in sehr flachen TV-Bildschirmen und der Montage von Leuchtschildern im Außenbereich eingesetzt. Vorteile der neuen Bänder sind die umweltschonende Herstellung und die Möglichkeit, die Klebmasse farbig, leitfähig und besonders dick zu gestalten. Dies ermöglicht viele weitere Anwendungen in der Automobil- und Elektronikindustrie.

Nächstes Jahr hofft Schlegel auf einen vergleichbaren Schub durch den erstmaligen Verkauf medikamentenhaltiger Pflaster. Von der Herstellung solcher Pflaster und Folien, die eine gleichmäßige Dosierung des Wirkstoffes im Körper ermöglichen sollen, verspricht sich Schlegel neben einem Anstieg des Umsatzes vor allem eine Erhöhung der Gewinnmarge. “Das ist ein hochprofitabler Markt”, sagte Schlegel, denn hier gebe es nur eine Handvoll Mitbewerber und wegen der anspruchsvollen Produktionsvorschriften hohe Markteintrittsbarrieren für weitere Aspiranten.

Der CEO schätzt das Marktvolumen weltweit auf 1 Mrd Euro, und Tesa will sich in den kommenden 6 bis 7 Jahren einen Anteil von 5% bis 10% an diesem Markt sichern. Tesa nimmt die Produktion dieser Arzneiträger im kommenden Jahr in Hamburg auf. Mit der britischen GlaxoSmithKline, einem der führenden forschungsorientierten Pharmaunternehmen, ist auch ein erster Kunde bereits gefunden. Andere Abnehmer wollen noch nicht genannt werden. “Wir haben aber einige durchaus positive Projekte laufen”, sagte der Vorstandsvorsitzende.

Tesa ist Spezialist in der Diversifizierung. Die Beiersdorf-Tochter bietet derzeit rund 7.000 Produkte an. Drei Viertel des Umsatzes werden mit Kunden aus der Industrie, vor allem der Automobilbranche, erzielt. Ein Viertel des Konzernumsatzes entfällt auf Produkte für private Konsumenten. “Ich fühle mich mit unserem Portfolio sehr wohl”, sagte Schlegel. Tesa gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Klebeprodukten. Unangefochtener Platzhirsch mit einer vergleichbaren Produktpalette ist der US-Konzern 3M mit seinen bekannten Verbrauchermarken Post-It und Scotch. In Deutschland konkurriert die Beiersdorf-Tochter auf dem Privatkonsumentenmarkt mit den Henkel-Marken Pritt, Ponal und Pattex.

Als günstig bezeichnete der CEO seine finanziellen Rahmenbedingungen. Tesa gehört zu Beiersdorf und damit vor allem der Industriellenfamilie Herz, die die Mehrheit der Aktien hält. Bei seinen neuen Projekten zeigten sie sich aufgeschlossen, sofern er einen überzeugenden Geschäftsplan vorlege. “Wir haben keine prinzipiellen Beschränkungen”, sagte Schlegel. Künftig will der Vorstandsvorsitzende die Eigentümer aber nicht nur um Kapital für organisches Wachstum bitten, sondern erstmals auch für Akquisitionen. “Irgendwann kommen Zukaufsgedanken auf”, sagte der CEO. Ob dies allerdings im nächsten Jahr oder erst 2015 der Fall sein wird, wollte er nicht prognostizieren. Schlegel denkt dabei an Unternehmen, die in Regionen angesiedelt sind, in denen Tesa noch nicht stark vertreten ist, oder die interessante Technologien besitzen.

Im laufenden Jahr wird Tesa aber noch ausschließlich aus eigener Kraft wachsen. Die geplante Steigerung des Umsatzes soll die EBIT-Rendite über Vorjahr und auf deutlich mehr als 11% heben. 2010 waren 11,4% erreicht worden. Ein Hebel dafür ist die Weitergabe der seit Februar 2011 extrem gestiegenen Rohstoffkosten. “Wir sind auf gutem Wege, diesen Anstieg über Preiserhöhungen zumindest teilweise an unsere Kunden weiter zu geben”, sagte Schlegel. Davon seien alle Produkte betroffen.

Im ersten Halbjahr haben hohe Materialkosten das Ergebnis belastet. “Die rabiate Erhöhung der Rohstoffpreise ab Februar 2011 hat uns sehr zu schaffen gemacht”, sagte Schlegel und verwies auf die große Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen. “Wir haben vor allem bei Naturkautschuk eine große Knappheit”. Hier sei die Nachfrage aus Asien so groß, dass die Produktion nicht nachkomme. Zwar bekomme Tesa noch alle notwendigen Rohstoffe, muss dafür aber sehr hohe Preise zahlen. So haben sich die Kautschukpreise seit 2007 um knapp 80% erhöht. “Wir können im Moment nicht feststellen, dass es kurzfristig eine Entspannung gibt”, sagte Schlegel.

Ob sich im laufenden Jahr die konjunkturelle Abkühlung negativ auf das Geschäft auswirkt, kann Schlegel derzeit nicht abschätzen. “Unsere Kunden werden wegen der finanziellen Schwierigkeiten in Europa und den USA etwas nervöser”, sagte er. “Wir stellen an unserem Auftragseingang aber noch keinerlei Verschlechterung fest”.