Das Stahlwerk von Thyssen-Krupp im US-Bundesstaat Alabama geht  für 1,55 Mrd Dollar an ein

Das Stahlwerk von Thyssen-Krupp im US-Bundesstaat Alabama geht für 1,55 Mrd Dollar an ein Käuferkonsortium aus Arcelor-Mittal und Nippon Steel (Bild: Thyssen-Krupp).

von Hendrik Varnholt, Dow Jones

(ks). Das teilte Thyssen-Krupp in der Nacht zu Samstag mit. In der Rettungsaktion für die Finnen muss der DAX-Konzern mehrere 100 Mio Euro abschreiben. Derweil will sich Thyssen-Krupp außer durch den nun vereinbarten Verkauf seines US-Stahlwerks auch mit Hilfe einer Kapitalerhöhung neuen finanziellen Spielraum verschaffen. Nachdem auch im abgelaufenen Geschäftsjahr ein Milliardenverlust angefallen ist, sollen die Aktionäre abermals auf eine Ausschüttung verzichten.

Thyssen-Krupp hat nach eigenen Angaben mit Outokumpu vereinbart, dass der deutsche Konzern seine frühere Edelstahl-Produktionsstätte in der italienischen Stadt Terni, den deutschen Spezialwerkstoffhersteller VDM “sowie weitere kleinere Aktivitäten” zurückerhält und im Gegenzug auf die Rückzahlung eines Outokumpu gewährten 1,2-Mrd-Euro-Kredits verzichtet. Thyssen-Krupp begründete die Transaktionen, in deren Rahmen das Unternehmen Abschreibungen in der Höhe von mehreren 100 Mio Euro vornehmen muss, unter anderem mit einer “Neuordnung der Finanzierung bei Outokumpu”. Thyssen-Krupp schaffe “die Voraussetzungen für eine tragfähige Refinanzierung” des finnischen Unternehmens, hieß es in der Unternehmensmitteilung weiter. Auch Outokumpu berichtete über das Geschäft.

Der finnische Edelstahlkonzern leidet unter erheblichen Schwierigkeiten. Dazu trägt auch eine Kartellauflage der Europäischen Kommission bei, nach der das Unternehmen das von Thyssen-Krupp übernommene Werk in Terni verkaufen muss. Bislang hat offenkundig kein Kaufinteressent ein annehmbares Angebot für die Produktionsstätte abgegeben. Dass nun Thyssen-Krupp aushilft, dürfte vor allem zwei Gründe haben: Der Konzern hält seit dem Verkauf seiner Edelstahlaktivitäten einen Anteil von 29,9% an Outokumpu. Zudem gewährte er den Finnen einen Kredit im Umfang von rund 1,2 Mrd Euro. Probleme bei Outokumpu schlagen sich deshalb als Abschreibungen bei Thyssen-Krupp nieder, wie sich trotz der Rettungsaktion zeigt. Der deutsche Konzern hat den Wert des Kredits in den Büchern nach eigenen Angaben auf etwa 1 Mrd Euro korrigiert. Und auch das Aktienpaket hat an Wert verloren. Thyssen-Krupp kündigte in der Nacht auf Samstag an, die Anteilsscheine verkaufen zu wollen und stellte in Aussicht, dass das zu einem Verlust von 305 Mio Euro führt.

Zu den Verkaufsplänen für seine amerikanische Stahlproduktion lieferte Thyssen-Krupp zudem nur eine getrübte Erfolgsmeldung: Der Konzern hat sich nach eigenen Angaben mit einem Käuferkonsortium aus den Konkurrenten Arcelor-Mittal und Nippon Steel über die Abgabe seines US-Stahlwerks geeinigt. Durch das Geschäft fließt dem DAX-Unternehmen ein Kaufpreis von 1,55 Mrd US-Dollar zu, wie auch aus einer Mitteilung von Arcelor-Mittal hervorgeht. Das ist weniger als von vielen Beobachtern erwartet.

Teil der Verkaufsvereinbarung sei zudem eine Abnahmeverpflichtung, berichteten Thyssen-Krupp und Arcelor-Mittal. Die Käufer haben sich demnach dazu verpflichtet, mindestens sechs Jahre lang jährlich 2 Mio Tonnen Stahl aus Thyssen-Krupps Produktionsstätte in Brasilien zu kaufen. Der Preis für die Lieferungen solle anhand einer “marktbasierten Formel” errechnet werden, berichtete Arcelor-Mittal. Der Vertrag dürfte die Auslastung des südamerikanischen Werks aber kaum verbessern. Im Geschäftsjahr 2011/2012 etwa hatte Thyssen-Krupp 2,6 Mio Tonnen Rohstahl aus dem Werk in Brasilien zu den Anlagen in den USA transportiert.

Das Rohstahlwerk in der Nähe von Rio de Janeiro hatte Thyssen-Krupp zunächst ebenfalls zum Verkauf gestellt, bislang ist aber kein Käufer für die Hochöfen in Sicht. Thyssen-Krupp hält nun an seiner 73-Prozent-Mehrheitsbeteiligung an dem CSA genannten Werk in Brasilien fest, wie aus der Mitteilung hervorgeht. Der Konzern weist das Geschäft wieder als fortgeführte Aktivität aus. “Mit dem Liefervertrag reduzieren wir unser Risiko und schaffen gleichzeitig die Voraussetzung dafür, CSA mittelfristig in die schwarzen Zahlen zu führen. Das ist die beste Lösung, die es derzeit für Steel Americas gibt. Alle anderen Optionen waren wirtschaftlich nicht tragfähig”, zitierte Thyssen-Krupp seinen Vorstandschef Heinrich Hiesinger.

Der Konzern kündigte am Freitagabend darüber hinaus eine Kapitalerhöhung im Umfang von bis zu 10% des gezeichneten Kapitals unter Ausschluss des Bezugsrechts an. Thyssen-Krupp kann mit einer solchen Kapitalmaßnahme nach dem Aktienkurs von Freitag einen Erlös von rund 1 Mrd Euro erzielen. Das Unternehmen machte zunächst aber keine Angaben darüber, wann es die neuen Aktien ausgeben will. Die “Durchführung” der Kapitalerhöhung werde “in Abhängigkeit von den Kapitalmarktbedingungen entschieden”. Mit einer Kapitalerhöhung im Umfang von bis zu 10% des Grundkapitals würde Thyssen-Krupp bei einem Ausschluss des Bezugsrechts die Möglichkeiten ausschöpfen, die ein Vorratsbeschluss der Hauptversammlung dem Vorstand zugebilligt hat.

Die Ankündigung einer Kapitalerhöhung überrascht nicht. Thyssen-Krupp-Vorstandschef Hiesinger hatte einen solchen Schritt innerhalb der vergangenen Monate mehrmals als Möglichkeit bezeichnet. Hintergrund ist die hohe Verschuldung des Konzerns: Thyssen-Krupp war nach den aktuellen Angaben Ende September mit rund 5 Mrd Euro verschuldet, nach 5,8 Mrd Euro im Vorjahr.

Überraschend veröffentlichte der Konzern am Freitagabend auch die Ergebnis-Kennzahlen des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/2013. Demnach erzielte das Unternehmen in der Struktur des Vorjahres einen um Sondereffekte bereinigten Gewinn vor Steuern und Zinsen (bereinigtes EBIT) von 1,1 Mrd Euro, nach 1,38 Mrd Euro im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten im Durchschnitt mit einem noch etwas stärkeren Rückgang auf 1,06 Mrd Euro gerechnet. Als Konzernergebnis – also nach Steuern und inklusive der Verluste durch das amerikanische Stahlgeschäft – fiel bei Thyssen-Krupp ein Verlust von 1,5 Mrd Euro an, nach 5 Mrd Euro im Vorjahreszeitraum. Das Nettoergebnis des Gesamtkonzerns bezifferte das Unternehmen auf -1,40 Mrd Euro, nach -4,24 Mrd Euro im Vorjahr. Vor dem Hintergrund will der Konzern abermals keine Dividende zahlen.

Für das angefangene Geschäftsjahr gibt sich Thyssen-Krupp trotz aller Schwierigkeiten optimistisch: Der Konzern will in einer neuen Struktur – also inklusive der brasilianischen Stahlproduktion, aber ohne VDM und das Werk in Terni – ein bereinigtes EBIT von rund 1 Mrd Euro erzielen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr betrug die Kennzahl 599 Mio Euro. Dafür gebe es zwei Gründe, teilte Thyssen-Krupp mit: “erstens das erwartete Wachstum in den ertragsstarken Industriegüter-Geschäften und zweitens die verbesserte wirtschaftliche Leistungsfähigkeit” durch die laufenden Sparbemühungen.