FRANKFURT (ilk). Der Großanlagenbau hat die Talsohle des letzten Abschwungs damit durchschritten und befindet sich auf Erholungskurs. „Die wieder anziehenden Rohstoffpreise sowie die international zunehmende Nachfrage nach Grundstoffen lassen etliche der in der Rezession verschobenen Vorhaben wiederaufleben und verbessern auch die Nachfrage nach neuen Investitionsprojekten“, erläuterte Knauthe.

Der Großanlagenbau nimmt mit zeitlicher Verzögerung an wirtschaftlichen Aufschwüngen teil. Internationale Kunden hielten sich in der jetzigen frühen Phase der Erholung noch mit Großaufträgen zurück. Die von den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) 2010 gemeldeten Auslands-Aufträge lagen mit 17,6 Mrd Euro um drei Prozent unter dem Niveau des Vorjahres (2009: 18,1 Mrd Euro). Jedoch hat sich die Auftragslage im Laufe der Berichtsperiode spürbar verbessert: Während der Export von Januar bis Juni 2010 noch um ein Viertel sank, war von Juli bis Dezember ein Plus von 23% festzustellen.

Die BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China, waren 2010 die wichtigsten Auslandsmärkte. 30% aller Order wurden von Kunden aus diesen Ländern getätigt. Vor zwanzig Jahren waren es neun Prozent, vor zehn Jahren 18%. „Die tiefgreifenden Verschiebungen in den Marktverhältnissen der Weltwirtschaft spiegeln sich somit auch in den Zahlen des Großanlagenbaus wider“, kommentierte Knauthe diese Entwicklung.

Ebenfalls im Aufwind befand sich die Nachfrage in Nordamerika, Afrika und der GUS-Staaten. In Europa lagen die Bestellungen 2010 hingegen unter dem Vorjahresniveau; der Einbruch im Osteuropageschäft fiel mit minus 70 Prozent besonders deutlich aus. „In zahlreichen osteuropäischen Ländern zeigten sich die Folgen der Rezession erst mit Verspätung und führten zu rückläufigen Investitionen vor allem im privaten Sektor“, sagte der stellvertretende AGAB-Sprecher.

Die inländische Anlagennachfrage hat sich 2010 vom Rückschlag des Vorjahres erholt. Mit 4,8 Mrd Euro stiegen die Auftragseingänge um 27% gegenüber 2009. „Dies ist maßgeblich auf Großaufträge für Stromübertragungstechnik zurückzuführen. Ferner meldeten auch grundstoffnahe Anlagenbausparten deutliche Zuwächse. Hingegen setzte sich die bereits 2009 zu beobachtende Nachfrageschwäche für fossil befeuerte Großkraftwerke in Deutschland fort“, erläuterte Knauthe.

Die sich bereits 2009 abzeichnende strukturelle Marktveränderung im internationalen Großanlagenbau hinterlässt immer deutlichere Spuren. Die gestiegene Anzahl der global tätigen Anbieter sorgt bei zugleich nur leicht steigender Nachfrage für einen spürbar zunehmenden Wettbewerbsdruck. Dieser erfordert vom deutschen Großanlagenbau parallele Antworten auf mehreren Ebenen. Knauthe: „Klassische Maßnahmen, wie die Verbesserung der Innovationsleistung oder Kostenreduzierungs-Programme, sind zwingend notwendig und werden aktuell auch umgesetzt. Sie alleine werden diesmal aber nicht ausreichen. Auch die Stärkung der Fähigkeit zur gesamtverantwortlichen Abwicklung von Projekten ist nur eine notwendige Bedingung zum Bestehen im internationalen Wettbewerb.“ Die wichtigsten Handlungsfelder sind hier die weitere Internationalisierung der Wertschöpfung und des Einkaufs sowie die Verbesserung des Risikomanagements in den Projekten.

Die 2010 eingeführte Revision der Fabrikationsrisikodeckung erfüllt die Anforderungen des Großanlagenbaus noch nicht. Im Gegenteil verteuern sich Prämien teilweise bei langen Lieferzeiten je nach Länderkategorie. Handlungsbedarf sieht die Arbeitsgemeinschaft bei der Einführung einer risikogerechten Preisbemessung des Fabrikationsrisikos in der Hermesdeckung. Knauthe: „Das Ziel sollte die Berücksichtigung des tatsächlichen Risikoverlaufs sein. Das Spitzenrisiko liegt üblicherweise deutlich unter dem für Hermes deckungsrelevanten gesamten Kostenwert.“ Angesichts der global zunehmenden Auftragsvergaben an Organisationseinheiten des Lieferanten vor Ort plädiert die Branche für die Entwicklung praxistauglicher und systematischer Cross-Border-Deckungen.

Darüber hinaus ist der OECD-Großanlagenbau durch umfangreiche Vorgaben und Prüferfordernisse der als Common Approaches bezeichneten Umweltleitlinien für Exportkreditversicherungen benachteiligt. Gegenüber Wettbewerbern aus Schwellenländern wirkt sich das in Einzelfällen so negativ aus, dass der Großanlagenbau Angebote gar nicht erst abgibt. Knauthe mahnt daher: „Die Integration der Nicht-OECD-Länder in die OECD-Umweltleitlinien für staatliche Exportkreditgarantien ist eine vordringliche Gestaltungsaufgabe der Politik.“

Die Unternehmen der AGAB haben ihre Stammbelegschaften in Deutschland im Berichtszeitraum weiter erhöht. Insgesamt arbeiteten Ende 2010 60700 Personen (2009: 59600) in den inländischen Stammhäusern.
Die Bedeutung der Zeitarbeit hat im Berichtszeitraum wieder zugenommen. Die Branche wendet sich gegen weitere Regulierungen dieses für sie unentbehrlichen Instruments. Da das Arbeitsrecht in Deutschland befristete Arbeitsverhältnisse erschwert, sind die Unternehmen auf Zeitarbeit als notwendigen Flexibilitätspuffer im zyklischen Großanlagenbaugeschäft angewiesen. Knauthe: „Ohne dieses Werkzeug könnten wir im Wettbewerb gegen neue Marktteilnehmer aus Ostasien, die von einem deutlich liberaleren Arbeitsmarkt als in Deutschland profitieren, nicht bestehen.“

„Trotz eines schwierigen Wettbewerbsumfelds ist die Stimmungslage im deutschen Großanlagenbau im Frühjahr 2011 verhalten optimistisch“ lautet das Fazit des stellvertretenden AGAB-Sprechers. Über nahezu alle Branchen hinweg rechnen die Unternehmen damit, dass sich die Projekttätigkeit deutlich belebt und der seit Mitte 2010 zu beobachtende Aufwärtstrend im Auftragseingang anhalten wird. Die stärksten Impulse für den Großanlagenbau werden 2011 voraussichtlich aus den BRIC-Staaten kommen. Gleichzeitig sollte der Aufschwung regional weiter an Breite gewinnen. Verbesserte Perspektiven nimmt die Branche vor allem in Südostasien, in Osteuropa und in Südamerika wahr.