WOLFSBURG (Dow Jones/rm). Zwischen Januar und September verdiente Europas größter Automobilkonzern mit 4,0 Mrd EUR mehr als sechs Mal so viel wie im Vorjahreszeitraum, wie die Wolfsburger am Freitag mitteilten. Das war deutlich mehr als die von Dow Jones Newswires befragten Analysten erwartet hatten. Dennoch trat der DAX-Konzern – wie auch schon bei der Vorlage der Halbjahreszahlen – auf die Euphoriebremse. Die Anleger reagierten aber nur kurz verunsichert.

Nach der überraschend rasanten Aufholjagd der Automobilmärkte sei in den kommenden Monaten mit einer Verschnaufpause zu rechnen, was sich auch in den Einnahmen und im Ergebnis niederschlagen dürfte, fürchtet Volkswagen. “Die erfolgreiche Geschäftsentwicklung des Volkswagen-Konzerns der ersten neun Monate 2010 wird sich im vierten Quartal nicht mehr so stark fortsetzen”, erklärten die Wolfsburger. Die Anleger sollten dies nicht überbewerten, der Ausblick sei vorsichtig, “das ist er aber auch in der Vergangenheit gewesen”, sagte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Bislang ist von trüben Aussichten wenig zu spüren: Vor allem dank der anziehenden Nachfrage in China, Brasilien und den USA hatte Volkswagen in den ersten neun Monaten mit 5,4 Millionen Golf, Polo, Passat, Audi, Skoda und Co 13% mehr Autos verkauft. Allerdings waren die Vorjahreszahlen teils sehr schwach: Zu Jahresbeginn 2009 hatten die Kunden in der Wirtschaftskrise einen großen Bogen um die Autohäuser gemacht. Erst mit der Abwrackprämie stiegen auch die Verkäufe wieder, wovon Volkswagen stark profitierte.

Obwohl es in den heimischen Autohäusern nach dem Ende der Abwrackprämie wieder ruhig geworden ist und sich auch die Kunden in Großbritannien, Spanien und Italien nicht recht zu einem Autokauf durchringen konnten, erwirtschaftete der DAX-Konzern von Januar bis September operativ mit 4,8 Mrd EUR drei Mal so viel wie im Vorjahreszeitraum und deutlich mehr als von Analysten erwartet. Alleine im dritten Quartal habe VW operativ 1,98 Mrd EUR verdient, ein neuer Rekord für das tratditionell schwache Quartal, rechnete Bernstein-Analyst Max Warburton vor. Mit einer Rendite von 6,5% waren die Wolfsburger zudem so profitabel wie selten.

Dabei kamen VW auch die günstigen Wechselkurse zu Gute. Der aufgrund der Schuldenkrise einiger europäischer Staaten im Vergleich zum US-Dollar schwache Euro machte aus Europa in die USA exportierte Autos billiger.

Der staatliche Verschrottungsbonus hatte VW 2009 trotz Wirtschaftsflaute einen neuen Verkaufsrekord beschert. Mit 6,3 Millionen Neuwagen übertrafen die Wolfsburger den Vorjahreswert um 1,1% und kamen dem Ziel, Toyota bis 2018 an der Weltspitze zu überholen, ein Stück näher. Die staatlichen Prämien kurbelten jedoch vor allem die Verkäufe günstigerer und weniger profitabler Kleinwagen an.


Im laufenden Jahr will die weltweite Nummer drei dank zahlreicher neuer Modelle abermals einen Verkaufsrekord aufstellen und auch operativ deutlich mehr verdienen, bekräftigte VW.

Europas größter Autobauer verfügt nach eigenen Angaben über 19,6 Mrd EUR flüssige Mittel, fast doppelt so viel wie zum Jahreswechsel. VW könnte es sich leisten, einmal pro Quartal Alfa Romeo zu kaufen, einmal im Jahr den französischen Konkurrenten PSA Peugeot Citroen zu übernehmen und es dürfte nicht mehr lange dauern, bis sie auch die Lastwagenbauer MAN und Scania komplett schlucken könnten, erklärte Analyst Warburton.

Es gibt jedoch auch Spekulationen, dass VW den Sportwagenhersteller Porsche in Kürze komplett kaufen könnte und nicht auf eine Fusion wartet. Am vergangenen Dienstag hatte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn gesagt, der bis Ende 2011 geplante Zusammenschluss könne sich wegen der juristischen Streitigkeiten in den USA und Deutschland sowie aus steuerlichen Gründen verzögern. Den direkten Kauf der mit 3,9 Mrd EU bewerteten verbliebene Hälfte an Porsches Kerngeschäft hatte Winterkorn als Plan B präsentiert, sollte die Fusion nicht wie geplant klappen. Zudem gibt es Gerüchte, dass Volkswagen seinen Anteil an Suzuki erhöhen will.

An der Frankfurter Börse reagierten die Anleger zunächst verschnupft über die schwächeren Aussichten. Nachdem der Schreck verdaut war, sorgten jedoch die überraschend gut ausgefallenen Zahlen für Kauflaune. Der Preis der Vorzugsaktien kletterte bis Börsenschluss um 3,2% auf 96,76 EUR.