Innovation, Start-up, Produktion

Dr. Winfried Richter arbeitete viele Jahre in leitender Position in der Maschinenbau-Industrie, bevor er selbst ein Start-up gründete.Bild: privat

Von Christiane Siemann

Landsberg (gk). Herr Richter, Start-ups stehen für Innovation wie keine andere Unternehmensform. Wie gelingt es ihnen, anscheinend mühelos innovativ zu sein?

Unser Verständnis von Innovation ist stark technologisch geprägt, während plötzlich kleine Unternehmen ganze Branchen umkrempeln, die weder Ressourcen noch Erfahrungen haben. Wie kann es sein, dass sie ganze Märkte auf den Kopf stellen oder neu erschaffen? Meistens, weil sie an anderen Stellen innovieren, nämlich an Geschäftsmodellen. Maschinenbauer in etablierten Firmen bauen Maschinen, gehen an den Markt und verkaufen sie. Dieses Modell ist nie in Frage gestellt worden. Start-ups bewegen sich dagegen sehr geschickt in dem komplexen Beziehungsgeflecht von Kunden, Zulieferern und Mitarbeitern.

Was können Start-ups, was große Unternehmen nicht können?

Etablierte Firmen sind völlig anders geprägt. Sie verfügen über einen Markt, ihre Kunden und haben eine Historie. Sie erzielen Gewinne, weil sie ihre Produkte und Prozesse optimieren ebenso wie ihre Effizienz, beispielweise im Vertriebsweg. Die Führung des Unternehmens über eine Zielplanung, die Ergebnisse der Vergangenheit extrapoliert, ist sinnvoll. Das Start-up dagegen hat keine Historie. Es bewegt sich auf einer Runway, einer Startrampe, deren Länge sich aus dem Funding geteilt durch die monatliche Burnrate ergibt. Sie wissen, Handeln erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit. Zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups bestehen tiefe systemimmanente Unterschiede. Start-ups sind keine kleine Ausgabe eines großen Unternehmens, sondern eine temporäre Organisation auf der Suche nach einem profitablen, wiederholbaren und skalierbaren Geschäftsmodell.

Wie stoßen Start-ups auf eine geniale Idee?

Die Vorstellung der einen „genialen Idee" ist völlig überwertet. Wenn man genau hinschaut, haben Erfolgsgeschichten holprig angefangen. Am Anfang stand eine triviale Erfahrung, ein Stolperstein im Ablauf, mit dem sich Start-ups nicht abfinden wollten. Da sie nicht in den Workflow einer großen Organisationen eingebunden sind, jedoch meinen, dass sie es besser können, fangen sie einfach an: Sie begeben sich auf den Weg. Oft starten sie mit einer Idee, die wieder radikal geändert wird. Im Nachhinein, wenn sie erfolgreich sind, setzt der Aspekt der narrativen Verzerrung ein, so dass wir von außen betrachtet denken, sie hätten die „eine geniale" Idee schon von Anfang an gehabt. Letztlich konnten sie aber nur erfolgreich werden, weil sie sich aufgemacht haben und dabei viele Einsichten gewinnen konnten.

Das bedeutet, auch etablierte Unternehmen müssen sich nur auf den Such-Weg begeben?

Nun ja, vielleicht werden Startups bei dem derzeitigen Hype etwas überhöht, die kochen schließlich auch nur mit Wasser. Trotzdem lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen, was wir in den etablierten Unternehmen von Startups lernen können. Und zwar dann, wenn wirklich Neues erschaffen werden soll, wenn es gilt, neue Geschäftsfelder zu erschließen, oder wenn zukunftsweisende Innovationen gar eine Neu(er)findung des eigenen Geschäftsmodells erfordern.

Und was wäre das genau?

Ziele setzen und managen haben wir alle gelernt und können das sehr gut. Doch wenn ich als Führungskraft unter höchster Ungewissheit handeln und entscheiden soll, hilft mir das nicht viel. Dann brauche ich eher die Fähigkeit zu explorativem und iterativem Handeln. Es geht mehr um Lernen als um Ausführen. Auch dazu gibt es sehr hilfreiche Tools und strukturierte Methoden. Aber um wirklich andere Ergebnisse zu erzielen, kommt es darauf an, dass ich meine Haltung, mein „Mindset“ entsprechend verändern kann. Und genau hier kann eine intensive Zusammenarbeit mit Startups in dem daraus resultierenden Spannungsfeld sehr viel bewirken. Wir sprechen dann von einer „kulturellen Mobilisierung“ – eine wahre Frischzellenkur für Unternehmergeist und Innovationsprozesse!

Winfried Richter spricht auf dem Innovations-Forum Deutsche Industrie am 4. November in Stuttgart über das Thema "Machen Start-ups die bessere Innovation. Infos und Anmeldung: www.inno2015.de