MAN-Motoren-Entwicklungszentrum in Nürnberg: Das Volkswagen-Imperium ist wohl schon bald um eine

MAN-Motoren-Entwicklungszentrum in Nürnberg: Das Volkswagen-Imperium ist wohl schon bald um eine Marke größer (Bild: MAN).

Von Nico Schmidt, Dow Jones Newswires

FRANKFURT (ks)–Europas größter Autobauer sprach von einem “Meilenstein auf dem Weg zum integrierten Nutzfahrzeugkonzern aus MAN, Scania und Volkswagen”. Volkswagen geht nach eigenen Angaben nun davon aus, dass die noch ausstehenden Vollzugsbedingungen im Laufe der kommenden Wochen erfüllt werden. Die Zustimmung der EU-Kartellbehörde war alles andere als ein Selbstläufer, da beide Unternehmen in Europa stark engagiert sind. Zudem hatten die europäischen Wettbewerbshüter VWs Plänen mit MAN vor einigen Monaten noch im Weg gestanden.

Ursprünglich wollte VW den Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn, Finanzchef Hans Dieter Pötsch und den Leiter der Nutzfahrzeugsparte, Jochem Heizmann, auf der MAN-Hauptversammlung Ende Juni im Aufsichtsrat des Münchener Lkw-Herstellers installieren, um den eigenen Machtanspruch zu untermauern. Bei der EU sorgte jedoch die Tatsache für Unmut, dass das VW-Trio auch im Kontrollgremium der Tochter Scania sitzt. Aufgrund der Bedenken legte VW den Plan zunächst auf Eis.

Die EU begründete die Freigabe der geplanten Übernahme am Montagabend damit, dass auch nach dem Zusammenschluss im europäischen Wirtschaftsraum ausreichend Wettbewerb durch gut etablierte Anbieter gewährleistet sei. Dies gelte sowohl auf den Märkten für schwere Lkw, Busse, Chassis und Dieselmotoren. In diesen Bereichen konkurrieren VW und MAN unter anderem mit Daimler, Volvo, Iveco, DAF, Solaris und VDL.

Nachdem VW mit den lange gehegten Plänen zu einer Lkw-Allianz unter dem eigenen Konzerndach ernst machte und bei MAN auf über 30% aufgestockt hatte, wurde Ende Mai ein Pflichtangebot für den bayerischen Nutzfahrzeughersteller fällig. VW bot den MAN-Stammaktionären für ihre Anteilsscheine je 95 Euro und den Vorzugsaktionären je 59,90 Euro und sicherte sich im Zuge dieser Offerte knapp 56% der Stimmrechte und fast 54% des Kapitals.

Die Mehrheit bei MAN war eigentlich gar nicht das primäre Ziel von Volkswagen. Vielmehr ging es den Niedersachsen um die grundsätzliche kartellrechtliche Freigabe einer Übernahme aus Brüssel. Denn erst wenn die Kartellwächter grünes Licht geben, ist eine engere Zusammenarbeit von MAN mit der VW-Tochter Scania in Einkauf, Entwicklung und Produktion möglich – und damit die Hebung von Synergien, die kurzfristig auf 200 Mio Euro taxiert werden. Später sollen sie sogar noch deutlich höher liegen. Dem dazu nötigen Datenaustausch stand das Wettbewerbsrecht bis jetzt noch im Weg.

Volkswagen strebt seit Jahren eine Nutzfahrzeug-Troika mit MAN und Scania unter dem eigenen Dach an. Sie soll es mit den Branchenschwergewichten Daimler und Volvo aufnehmen können. Über die Lkw-Allianz wird spekuliert, seit VW bei MAN eingestiegen ist und die Mehrheit bei den Schweden übernommen hat. Die Fäden zieht im Hintergrund der Aufsichtsratsvorsitzende von VW und MAN, Ferdinand Piëch. Der Porsche-Enkel drängt auf eine verstärkte Zusammenarbeit. 2006 war MAN noch mit dem Versuch gescheitert, Scania feindlich zu übernehmen.

Ohne Risiko ist die MAN-Übernahme für Volkswagen nicht. Zum MAN-Konzern gehörte der Industriedienstleister Ferrostaal, der in einen immer noch ungeklärten Korruptionsskandal verwickelt ist. MAN streitet seit Monaten mit der International Petroleum Investment Co aus Abu Dhabi, der Ferrostaal inzwischen zu 70% gehört, wer für die Kosten und die zukünftigen Risiken des Schmiergeldskandals aufkommen muss. Schon bei Formulierung des Übernahmedokuments war sich VW der Risiken bewusst: Aus dem Streit könne MAN ein beträchtlicher finanzieller Schaden entstehen, hatte es dort geheißen.

Am Markt wird die EU-Genehmigung positiv aufgenommen, Händler rechnen mit einer kräftigen Erholung für VW- und MAN-Aktien, die im Zuge der Konjunktursorgen in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich an Wert verloren hatten. Zugleich dürften nach Einschätzung von Marktteilnehmern nun die Spekulationen wieder einsetzen, dass VW den Anteil weiter aufstocken könnte. Im Frankfurter Spezialistenhandel geht es für beide Papiere um mehr als 4% nach oben.