Ausgewiesener China-Kenner: Prof. Sebastian Heilmann.

Ausgewiesener China-Kenner: Prof. Sebastian Heilmann. - Bild: Anna Mcmaster

Zunächst hatte eine Umfrage unter den 250 Kongressteilnehmern, für wie bedrohlich sie Chinas industriepolitische Programme halten, ein sehr geteiltes Bild ergeben. Genau die Hälfte glaubt, dass sich Freihandel und Wettbewerb immer stärker zu unserem Nachteil verzerren – deshalb müsse man härter vorgehen und Übernahmen à la Kuka verhindern. 37 Prozent hingegen meinen, dass Freihandel und Wettbewerb sich mittelfristig durchsetzen werden. 21 Prozent wiederum denken, dass China ein zu wichtiger Markt ist und man akzeptieren muss, dass die Chinesen künftig eine Vorreiterrolle einnehmen werden.

Dann sprach Sebastian Heilmann über die globale Gestaltungsmacht des Reichs der Mitte sowie deren Konsequenzen für europäische Maschinenbauer und rasch machte sich betretene Stille im Bregenzer Festsaal breit. „Die Veröstlichung der Marktwirtschaft ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen, doch es gibt eine wirkliche Veränderung von globalisierten Wertschöpfungsketten. Viele Europäer wähnen sich jedoch noch im Zentrum des Geschehens“ erklärte Heilmann, Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier. So habe Chinas Beitrag zum globalen Wachstum in den letzten 10 Jahren bei einem Drittel gelegen.

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Die Chinesen meinen es Ernst

Zudem sei das Land bereits eine echte Supermacht was eCommerce angeht, dahinter stecke unternehmerische Produktivität und Innovationskraft. „Ich warne: Was das Geld verdienen mit neuen Geschäftsmodellen angeht, haben chinesische Unternehmen sehr viel Durchsetzungsvermögen“, so der Experte. Das ist ein Aspekt der Digitalisierung, mit dem sich deutsche Unternehmen besonders schwer tun.

An Omen, dass es mit der chinesischen Wirtschaft bald bergab geht, glaubt Heilmann nicht. Nur noch für 56 Länder sind die USA wichtigster Partner im Handel, für 124 Länder ist hingegen China heute der hauptsächliche Handelspartner. Hinzu komme Chinas weltweites Investment in Infrastruktur, nicht nur in Häfen.

Die chinesischen Unternehmen brächten auch technologische Standards und Kommunikationssysteme mit: In über 30 Ländern baut zum Beispiel Huawei die Kommunikationsinfrastruktur auf, während Alibaba nach Indien und Südamerika drängt. In Australien sei gerade gut zu beobachten, wie China eine gezielte Beeinflussung unternimmt.

Keine neue Hegemonialmacht

„Die Frage ist: Wird China eine wohlwollende Supermacht, die andere mitwachsen lässt – oder geht es nach dem Prinzip ‚the winner takes it all‘?“, konstatierte der China-Experte und lieferte die Antwort gleich mit. „China 2025 ist darauf ausgerichtet, dass chinesische Unternehmen an der Spitze stehen, sie sollen die Wettbewerber ersetzen“. Die USA hätten unsere Industrie sehr groß werden lassen und ihre schrumpfen: Das werden wir mit China nicht erleben – die hegemoniale Supermacht China werde es nicht geben, ist sich Heilmann sicher.

Wenn man sich auf die „Veröstlichung der Welt“ einstellen will, sei das ein Schock für Europäer. „Wir haben in China ein Modell, das ganz anders ist: definitiv nicht liberal auf freie Märkte und freie Forschung ausgelegt. Es wird inkompatibel bleiben und es gibt keine Konvergenz“, so der Professor. Gegenüber dem monströs großen und schnell laufenden Spieler fehle es Europa an Kraft und Entschlossenheit, der Aggressivität Chinas etwas entgegenzusetzen.

„Die USA versuchen, Chinas Aufstieg abzubremsen, indem man Zugang zu Technologien verweigert oder erschwert. Es ist eher ein Technologiekrieg als ein Handelskrieg“, erklärte der Experte. Deutschland, Österreich und die Schweiz geraten voll ins Fadenkreuz der chinesischen Politik. Besondere Gefahr sieht der Experte für die Autohersteller, während es mittelständische Unternehmen aufgrund ihrer Beweglichkeit einfacher hätten.

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In Schlüsseltechnologien Spitze

„Was mich überrascht, ist die Geschwindigkeit, mit der China zur Wissenschaftsmacht wird“, bekannte Heilmann auch.  So könnte in zehn bis 15 Jahren die primäre Wissenschaftssprache chinesisch werden. In der vernetzten Mobilität will China bis 2025 globaler Leitmarkt werden, in der Künstlichen Intelligenz bis 2030: Wohlgemerkt nicht in der Grundlagenforschung, sondern der industriellen Anwendung.

Auch um das Thema Quantencomputing, mit dem sich hier derzeit nur wenige große Unternehmen befassen, ist schon jetzt ein Kampf entbrannt. Das gilt Heilmann zufolge vor allem für die USA und den militärischen Bereich. Mit Quantum Computing ist derzeit als sicher geltende Kryptographie knackbar, damit wird zum Beispiel die Satellitenkommunikation angreifbar.

„Die kommunistische  Partei ist der Überzeugung, dass KI und Big Data perfekt mit dem kommunistischen System zusammenpasst“, so Heilmann. Dort denke man über eine neue Zivilisation nach dem Motto ‚digitaler Leninismus‘ nach. Doch ganz einfach wird der Durchmarsch nicht werden.

Wird Europa der lachende Dritte?

Zu den Schwachpunkten der Chinesen gehören die Themen Währung und Finanzmarkt, das fehle im Vergleich zu den USA. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont: Die chinesische Gesellschaft passe nicht zu diesem Muster der Gängelung, da werde es Widerstand geben, glaubt der Experte. Doch komme es nicht zu einer innerchinesischen Krise oder einem technologischen Kalten Krieg mit den USA, dann sei eine Supermacht China das wahrscheinlichste Szenario.

Für die Europäer könnten sich im Konflikt zwischen den USA und China sogar neue Chancen ergeben, meint Heilmann. In letzter Zeit habe es einige Deals für europäische Unternehmen gegeben, die früher undenkbar gewesen seien. Für Unternehmen im Maschinenbau werde sich der Umbau ihres China-Engagements allerdings nicht vermeiden lassen.

Neue Kooperationen mit Chinas Digitalfirmen

„Die eigene Forschung und Entwicklung muss dem digitalen Ökosystem in China ausgesetzt werden, um da am Markt zu bleiben“, riet Sebastian Heilmann. Es gelte, neue Kooperationsformen mit chinesischen Digitalfirmen einzugehen.

Zudem sollte eine konsequente Nischenpolitik verfolgt werden: Gerade Mittelständler hätten eine gute Chance auf dem Rücken der chinesischen Expansionsbestrebungen „im Huckepackverfahren“ mit vor Ort zu kommen.

Ob es aber bei der gleichen Teilnehmerumfrage nach dem Vortrag noch immer genau so viele Optimisten gegeben hätte, bleibt offen.

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