Digitalisierung

Noch ist die Digitalisierung für jeden greifbar. - Bild: Pixabay

Was hemmt den technologischen Wandel in Unternehmen? Von den 250 Kongressteilnehmern aus Österreich, Deutschland und der Schweiz waren 44 Prozent der Ansicht, dass es vor allem der Mensch ist, der Neues nicht sofort akzeptiert. Für 36 Prozent liegt der Hemmschuh  in der Integration neuer Ansätze in teils alte Strukturen.

Nur neun Prozent meinen, dass es bei ihnen keine Hemmnisse gibt. Unter den Teilnehmern waren bei der Frage, wer führt – der analoge Mensch oder die Digitalisierung – 59 Prozent der Meinung, die Digitalisierung müsse auf den Menschen zugeschnitten sein, 39 Prozent meinten, der Mensch müsse sich an die Digitalisierung anpassen: So klar ist man sich also nicht, wie das Pferd digitaler Wandel aufgezäumt werden soll.

Dass es mittlerweile um weit mehr um die Geschäftsinteressen einzelner Unternehmen geht, sondern um große systemische und gesellschaftliche Fragen, wurde auch am zweiten Kongresstag wieder deutlich. Wer wirtschaftlich weniger Macht hat, wird sich auch politisch weniger durchsetzen, mahnte Dr. David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts aus der Schweiz: „Wir als Unternehmen sind noch mehr gefordert, uns klug zu entwickeln. Erwarten Sie nicht zu viel von der Politik“. Mit Blick auf die Nutzung neuer Technologien sagte Bosshart: „Alles was mit KI und Blockchain zu tun hat, ist sehr komplex. Uns fehlen die klaren Bilder“. Mit den alten Worten aber könne man die moderne Welt nicht mehr beschreiben.

Automatisierungsquote: Wo arbeiten die meisten Roboter?

Global betrachtet arbeiten im Schnitt 74 Roboter pro 10.000 Mitarbeiter in der Fertigungsindustrie. Das gab die International Federation of Robotics (IFR) in der jüngsten Statistik bekannt. Klicken Sie sich durch und sehen Sie, wie die Roboterdichte laut IFR weltweit verteilt ist.

Wir stehen vor großen Umbrüchen

Als Vergleich für den aktuellen Wandel zog der Experte die Eisenbahn heran. Auch dort habe es erhebliche Finanzierungsschwierigkeiten gegeben und monopolartige Zustände wie heute mit Google und Amazon.

„Man kann nicht sagen, ob es 10, 20 oder 30 Jahre dauert, aber stellen Sie sich darauf ein, es wird ein schwieriger Prozess“, stellte Bosshart fest. Der Schweizer ist sicher: Die Chinesen haben zu hundert Prozent verstanden, dass man erst die Infrastruktur aufbauen muss, um zu wachsen. „Wenn wir nicht massiv in 5G investieren, werden wir die Infrastrukturen zum Beispiel für die Mobilität der Zukunft nicht haben“, so Bosshart.

Der Experte warnte auch vor überzogenen Erwartungen an die Technologie, die regelmäßig zu Enttäuschungen führten, nach dem Motto: Die Blockchain kommt ja gar nicht. „Wirkliche Durchbrüche gibt es nur, wenn wir eine gewisse technologische Reife und soziale Akzeptanz haben“. „Wir müssen eine Haltung haben als Unternehmer, uns auf etwas vorzubereiten, die wir noch gar nicht verstehen“, so Bosshart.

Haben wir noch den nötigen Biss in Europa?

David Bossart fragte auch nach der Motivation und zog eine interessante Parallele: Nach dem 2. Weltkrieg habe der Westen beweisen wollen, dass sein System besser ist als der Sowjet-Kommunismus. Sind die europäischen Unternehmen mit dem Wohlstand, in dem wir leben, noch ambitioniert genug, die Welt jetzt noch einmal zu verändern? Wenn die Mittelschicht nicht mehr glaubt, dass sie eine gute Zukunft hat, wird es schwierig, konstatierte der Experte.

Sobald Menschen das Gefühl haben, ihnen geht es schlechter, dann nutze die beste Statistik nichts. Dabei werde noch immer die Wucht unterschätzt, mit der über Twitter und Facenbook archaische Gefühle von Gruppenzugehörigkeit angesprochen werden können.

Wenn Unternehmen es schaffen, die Digitalisierung voranzutreiben, ist sich Bosshart sicher: Den Maschinenbauern wird es nicht schlecht gehen, denn es brauche Innovation sowohl in der Hardware als auch der Software. Doch auch auf die Führungsqualitäten komme es an.

„Gute Führung wird extrem wichtig werden. Wir alle haben das Gefühl, wir führen gut: Das ist eine Illusion“, so Bosshart. Heute gebe es maximal zwei, drei Hierarchiestufen, das Wissen verteile sich im Unternehmen. Diejenigen, die den Wandel wollen, seien nicht immer oben im Unternehmen. Es brauche Talente, die auch in der Lage sind, Ideen umzusetzen. „Wir brauchen mehr Ambition“, schloss Bosshart.

Wie springt man auf den Zukunftszug auf?

Mag. Thomas Welser von der Geschäftsführung des österreichischen Spezialprofil-Herstellers Welser Profile GmbH berichtete von den Erfahrungen seines Unternehmens, Mitarbeiter zum „Aufspringen auf das Speed Boat“ zu motivieren. „Es ist in dieser Zeit extrem wichtig, wenn man sich verändern will, dass man sich öffnet“, so Welser.

Das bedeute, eine Herausforderung anzunehmen, wie sie so groß noch selten war. Welser zitierte Darwin, demzufolge die stärkste Spezies nicht die besonders intelligente, sondern diejenige ist, die sich am besten anpassen kann.

Die Generationen-Landkarte

Die Frage in der Unternehmensführung lautet Welser zufolge, wo es jetzt eigentlich hingehen soll und darum, den richtigen Weg zu suchen. Es reiche nicht, Ziele vorzugeben, sondern man müsse die Menschen dafür befähigen und Vertrauen schaffen bei den Mitarbeitern, dass sie auch an Bord bleiben, wenn sich der Weg im agilen Umfeld verändert.

Man habe sich deshalb die Frage gestellt, wie man etablierte Fachkräfte mit Domainwissen dazu motivieren kann, sich zu öffnen und auf das Schnellboot aufzuspringen. Vor eineinhalb Jahren hatte Welser Profile auf der Suche nach Methoden dafür ein Modell namens Generationen-Landkarte gefunden.

Dreißig Leute meldeten sich freiwillig als „Kulturprofilierer“, um den Wandel im Unternehmen voranzutreiben. Es  ging darum zu definieren, wo die Herausforderungen oder Widerstände liegen und wie das optimale Zukunftsbild aussieht. Dabei sprachen die Menschen auch ganz konkret über ihr Leben und ihre Erfahrungen.

Die Menschen wollen sich an der Zukunft beteiligen

Anschließend gingen die Kulturprofilierer damit ins Unternehmen, um die Landkarten zu erstellen. Dabei machten mit 570 Mitarbeitern sehr viel mehr Menschen mit als erwartet. „Das hat eine große Dynamik reingebracht, bei der Leute mitgestalten, was Welser zukünftig ausmacht“, berichtete der Geschäftsführer.

62 solche Landkarten kamen zusammen; sie wurden in einem „Purpose Quest Workshop“ zusammengeführt und auf Basis des eigenen Sinns und Zwecks werden jetzt die Maßnahmen abgeleitet. So wollen die Mitarbeiter zum Beispiel auch Digitalisierungsexperten ins Unternehmen holen und Wissen aus ihren Netzwerke einbringen. „Wir gehen jetzt diesen Weg mit gewissen Mut und Risiko“, erklärte der Familienunternehmer.

Industrie 4.0 als Chance für kleine Unternehmen

Welche Power die Digitalisierung für ein Maschinenbau-Startup bringen kann, zeigte Michael Grabher, CEO der Swiss Can Machinery AG. Das junge Unternehmen startete vor fünf Jahren von null an, vollautomatische Maschinen zum Füllen und Verschließen von Dosen zu entwickeln und zu bauen.

Als der erste Auftrag aus Deutschland im Kasten war, bauten die Brüder Grabher, beide studierte Maschinenbauer, gegen viele Herausforderungen die Entwicklung und Produktion ihrer ersten Anlage auf – Startkapital gab es nicht. Stattdessen setzten sie auf Digitalisierung.

„Wir konnten es nur digital machen: Reale Prototypen wären zum Beispiel zu aufwendig und teuer gewesen“, berichtete Grabher. Vor allem investierte man deshalb in gute Leute und leistungsstarke Software sowie Server. Alle Maschinen werden seither digital entwickelt, Simulation spielt eine entscheidende Rolle. Software-seitig setzt Swiss Can Machinery auf die Siemens-Lösungen Teamcenter und Mindsphere.

Als nächste Schritte sieht der CEO die Themen Digitale Inbetriebnahme und Montageanleitung, das erfordere viel Geduld und Mühe. Auch Funktionen für die Predictive Maintenance sollen dazugehören. Das wichtigste Ziel: eine technische Datenbank, in der die 20 Mitarbeiter alle Daten aus 13 Programmen und mehreren 100.000 Elementen speichern.

Die hohen Personalkosten sieht Michael Grabher als Druck für Innovation in der Region. Für die Schweizer Unternehmen gelte es, bessere Produkte zu bauen. Infrastruktur, Steuern und Bildung seien Stärken, auf die man sich fokussieren sollte.  Grabhers Fazit: „Wenn man eine Leidenschaft für Technik hat, leben wir in sehr interessanten Zeiten mit guten Möglichkeiten. Lassen Sie uns diese nutzen, um gute Produkte zu entwickeln.“

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