Professor Günther Schuh, Die Fabrik des Jahres/GEO 2015, digitaler Schatten

Professor Günther Schuh, Direktor des WZL der RWTH, auf dem Kongress Die Fabrik des Jahres: Der digitale Schatten ermöglicht, mit den Instrumenten von Lean noch wirksamer umzugehen. - Bild: Anna McMaster

Einen digitalen Schatten zu erzeugen, ist jetzt die erste Bürgerpflicht, die wir haben, um mit den Instrumenten von Lean noch wirksamer umgehen zu können“, sagte Professor Günther Schuh, Direktor des WZL der RWTH Aachen, auf dem Kongress Die Fabrik des Jahres/GEO in Ulm.

Der nächste Schritt seien Auswertungen, mit denen man eine erste Mustererkennung durchführt. Dann könne man daraus prognostizieren, was im Betrieb in den nächsten Stunden und Tagen passiert. „Das ist der fulminante Nutzen von Industrie 4.0 auf der Basis des Gedankenguts von Lean“, betonte Schuh. Dass man am Schluss noch Lösungsalgorithmen hinterlegen kann, um die Produktion anzupassen, sei die Krönung. Diese würden in das Regel- und Methodenwerk von Lean einfließen.

Ein digitaler Schatten ist laut Schuh ein „hinreichend genaues“ Abbild der relevanten Daten in der Produktion, der Entwicklung und angrenzender Bereiche mit dem Zweck, eine echtzeitfähige Auswertungsbasis zu schaffen. Dafür könnte man von den Daten des MES- oder ERP-Systems ausgehen und diese noch durch weitere Daten anreichern. Dazu seien noch Informationen über die Geo-Position von Arbeitsteilen wichtig, die derzeit nicht in den ERP-Systemen abgebildet werden.

Mit einem digitalen Schatten als regelmäßig nutzbare Datenbasis könne man bei dem Vorgehen Plan-Do-Check-Act die Latenzzeiten bei Entscheidungen und der Umsetzung reduzieren. Denn in diesem Bereich sei Lean allein noch nicht so erfolgreich. Professor Schuh empfahl dabei, einen generischen Datensatz zu entwerfen, der nicht nur in den „Flugschreibern“ geschrieben werde, sondern der direkt zugänglich ist. Dabei müsse dieser nicht in Echtzeit erzeugt werden, sondern es reichten Latenzzeiten von einigen Minuten. Darauf könnte eine einfache Data Analytics gesetzt werden. Diese Daten müssten dann noch mit Vergangenheitsdaten verbunden werden.

Das Thema digitaler Schatten bewegt auch den Fabrik-des-Jahres-Kategoriesieger Robert Bosch in Blaichach speziell beim Thema Materialfluss. Dabei ginge es nicht nur um SAP, RFID und mikroelektronische Sensorik, sondern auch um andere Informationen über Bewegungen von Produkten von der Werkhalle bis zum Kunden, sagte der Technische Werkleiter Rupert Hoellbacher. „An diesem digitalen Schatten arbeiten wir und ich bin der Meinung, in diesem Bereich haben wir noch das größte Potenzial.“ Hier seien sie ehrlicherweilse noch ziemlich am Anfang, wobei in diesem Bereich die größten Datenmengen anfallen würden.

„Es ist unglaublich, was in den ganzen ERP-Systemen überhaupt steckt und wie wenig wir davon nutzen“, meinte Hoellbacher. Wenn man aber ein ERP-System mit einem MES-System oder einem anderen Datenbanksystem verbinde und daraus neuen Nutzen generiere, könne man damit Unglaubliches herausfinden. Auf diese Weise erzeugt Bosch Transparenz darüber, was im Lager vorhanden ist, wie sich die Supermärkte und Bestände verändern und wie sich Material von Halle zu Halle bewegt. So werde der Lean-Gedanke unterstützt.

Auch die Fabrik des Jahres, Diehl Controls, sorgt für Transparenz in der Fertigung. Über ein Tablet-PC werden laut Werkleiterin Katrin Laudensack Fehler in einen Zentralrechner eingegeben. Die Informationen stehen den Mitarbeitern zur Verfügung und alle Fehler können nun behoben werden.

Für Mittelständler stelle sich die Frage, ob sie selbst den digitalen Schatten erzeugen könnten, sagte Professor Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer IPA. Alles was man dafür brauche, könne man heute zukaufen. Damit könnten KMU Strukturen wie in Konzernen aufbauen.