Microsoft erhofft sich mit der neuen Embedded-Version Windows 10 IoT Wachstum über seinen jetzigen

Microsoft erhofft sich mit der neuen Embedded-Version Windows 10 IoT Wachstum über seinen jetzigen Stamm-Markt 'Geldautomaten' hinaus. - Bild: Screenshot Microsoft

Auf dem industriellen Embedded-Markt spielt heute das Betriebssystem Linux die erste Geige. Doch Microsoft erhofft sich mit der neuen Embedded-Version Windows 10 IoT Wachstum über seinen jetzigen Stamm-Markt ‘Geldautomaten’ hinaus.

Die Chancen stehen nicht schlecht, doch es dürfte viel Überzeugungsarbeit nötig sein. Vor allem im Maschinenbau.

Heute bringt Microsoft mit Windows 10 seine jüngste Betriebssystem-Version auf den Markt. Eine Version mit augenfälligen Vorteilen wie der Lauffähigkeit vom Desktop-PC bis zur Holo-Brille, der je nach Gerätetyp skalierenden Oberfläche, der Rückkehr des Startmenüs, universal lauffähiger Apps und der Sprachassistentin Cortana, um nur einige zu nennen. Für die Vorgänger-Edition 8.x musste Microsoft viel Kritik vor allem wegen der unausgereiften Oberfläche (Kachel-Wahn, Touch-Zwang, etc.) einstecken.

Microsoft will mit Industrie-Daten Geld verdienen

Aber auch im Maschinenbau fand Windows 8.x embedded (z.B. wegen seines Internet-Zwangs zur Registrierung) keinen großen Anklang. “Wir haben ja wegen der für Maschinenbauer umständlichen Per-Device-Aktivierung Version 8 ausgesessen, daher ist jetzt das Kunden-Interesse an Windows 10 IoT groß” stellt Stefan Hoppe fest, Produktmanager der auf PC-basierte Steuerungssysteme spezialisierten Beckhoff Automation.

Der Nachfolger namens Windows 10 IoT (für Internet of Things) Core verfüge zwar auch über eine Aktivierung, bestehe aber nicht auf einer Internet-Verbindung. Beckhoff arbeite, so Hoppe “mit Hochdruck” an der Einführung und habe bereits auf dem OPC Day Europe eine Windows-10-Steuerung vorgestellt, mit der sich auch Daten in die Micorosoft Cloud (‚Azure‘) pushen ließen.

Win 10 Iot gebe es jetzt im Unterschied zu den Vorgänger-Versionen gratis, weil Microsoft nicht mehr Geld mit dem Betriebssystem, sondern mit Daten verdienen wolle. Beckhoff würde allerdings durch eine OPC UA Integration (OPC UA Server und IoT Core auf Beckhoff CX5130) außer der Microsoft Cloud auch Oracle und IBM unterstützen. “Microsoft hat mit Windows 10 IoT Core einen Riesensprung gemacht, da ist jetzt unheimlich viel Fahrt drin und wir freuen uns auf Windows 10″, so Hoppe.

Industrie 4.0 befeuert den Embedded-Markt

Vor allem die Lizenzkosten für das bisherige Windows Embedded sieht Harald Weigold, Senior Consultant beim Software-Engineering-Spezialisten ITQ GmbH, als Bremse für einen breiten Microsoft-Markterfolg in der Zielgruppe Industrie. Fehlen würde auch die Realtime-Fähigkeit, die erst mit Zusatzlösungen erreichbar wäre sowie die Beschränkung auf 8086-Prozessoren. Da hat Microsoft nachgebessert: Win10 IoT ist kostenlos und läuft jetzt auch auf ARM-Prozessoren.

Die Realtime-Fähigkeit fehlt allerdings weiterhin. Weswegen Weigold Win 10 IoT als logischen nächsten Schritt vor allem für Kunden sieht, die sich bereits in der Windows-Welt bewegen und für Anwendungen wie Edge-Devices, um Infos aus der Echtzeit-Welt in die MS Welt zu integrieren. Kassen-Terminals etwa, also Kiosk-Applikationen, würden Sinn machen. Die Kunden von ITQ wären mehrheitlich mit Linux-Embedded-Lösungen unterwegs und für solche Kunden gebe es “wenig Gründe, auf Win 10 IoT zu wechseln”. Insgesamt würde der Embedded-Markt derzeit vor allem durch Industrie 4.0 befeuert, weil die ganzen Daten etwa für Big Data oder Predictive Maintenance von Embedded Devices kommen müssten. Auf allen Stufen gebe es sicher auch Windows-Anwendungen, die Sinn machten. Vor allem als Login zur Microsoft-Welt.

Für Herde, Aufzüge und Roboter

Zumindest der letzte Punkt dürfte bei Werner Reuss, Marketing-Mann bei Microsoft Deutschland für IoT und I4.0, breite Zustimmung finden. Er findet “das industrielle Umfeld spannend, jedoch könne Microsoft nicht alle Anwendungsfälle abdecken”. Wichtig sei aus Microsoft-Sicht die gelungene Vereinheitlichung der Versionen (Embedded, CD, Compact) unter Windows 10 IoT Core zu einer durchgängigen Entwicklungsumgebung.

Bisher habe Microsoft mit Embedded historisch einen starken Marktanteil im Finanzsektor (Geldautomatien). Mit Win 10 IoT wolle Microsoft seinen Zugang ins fertigende Gewerbe stark ändern. Ziel sei nicht länger die auf Fokussierung auf das Betriebssystem, sondern Dienste bzw. eine Plattform für I4.0 und IoTzur Verfügung zu stellen. Bereits jetzt arbeite Microsoft zu diesem Zweck mit Industrie-Partnern in Deutschland wie Miele, Rockwell, Dornbracht (Badearmaturen), Thyssen, Kuka und Maschinenfabrik Rheinhausen eng zusammen. Bei diesen Projekten ginge es um Mehrwertdienste für Kunden von einer Predictive Maintenance für Aufzüge über internetintegrierte Herde und Waschmaschinen, bis zur Kontrolle der verbrauchten Wassermenge in Hotels und der Auswertung von Roboter-Daten.

“Windows 10 IoT interessiert mich nicht”

Bei deutschen Maschinenbauern gibt es für Windows 10 IoT noch Potenzial nach oben. “Das Thema (Windows 10 IoT) interessiert mich nicht”, beschied der Leiter Steuerungstechnik eines deutschen Werkzeugmaschinenbauers kurz und bündig. Sein Unternehmen setze CNC-Steuerungen ein, die der Hersteller mit Betriebssystem und Firmware liefere und dabei vorzugsweise auf Linux. Das koste keine Lizenz. Sein Team ergänze dann lediglich die Steuerung mit entsprechender Technologie zur Verzahnung im System. Sein Unternehmen würde die Steuerungen nach Funktionalität, Leistung und Verbindungsmöglichkeiten auswählen. Und wenn es sich um nicht vernetzte, also Standalone-Maschinen handle, dann käme möglichst kein lizenzpflichtiges Betriebssystem zum Einsatz.

Bei Vernetzung allerdings wäre Windows 7 Embedded der Favorit. Im übrigen sei eine Werkzeugmaschine heute bereits voll Industrie 4.0 tauglich. Denn alle Sensoren seien vernetzt, alle Informationen würden verarbeitet: Die Konnektivität von der Maschine zum Maschinenführer sei also bereits voll ausgebaut und damit der unterste Baustein von Industrie 4.0. Google sehe das natürlich anders. Aber nach außen hin gebe es kein 4.0, denn “unsere Kunden haben Firmen-Geheimnisse, die werden nie die Schnittstellen und die Daten preisgeben. Google will die Endkunden ausziehen und ihnen dann mit Services die eigenen Daten wieder zurückverkaufen. Da werden sie auf wenig Gegenliebe im Maschinenbau stoßen”.

Eduard Altmann