Günther Schuh auf dem Industrie 4.0 Fachkongress

Prof. Günther Schuh las den deutschen Unternehmen auf dem Fachkongress Industrie 4.0 die Leviten. - Bild: Anna McMaster

Wissen wir eigentlich schon, was wir tun? Diese Frage stand war Dreh- und Angelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Günther Schuh, Mitglied des Direktoriums des Werkzeugmaschinenlabors WZL der RWTH Aachen, Mitglied des Direktoriums des Fraunhofer IPT auf dem Fachkongress Industrie 4.0.

Direkt zu Beginn richtete Schuh seinen Appell an die Kongressveranstalter, der da hieß: "wir sind noch nicht fertig mit der Theorie, hier gibt es noch einiges zu tun". Wenn dies erledigt sei, könnte dann im nächsten Jahr der Fokus auf die Praxis gelegt werden.

Es wären viele "tolle Vorschläge im Hinblick auf Verbesserungspotentiale vorgestellt worden, aber Industrie 4.0 ist nicht das selbstkreierte Müsli, nicht das selbstfahrende Auto oder irgendwelche Services". Bei Industrie 4.0 ginge es vielmehr darum, eine ganz neue Effizienz bei der Produktentwicklung zu erreichen, beispielsweise hochiterativ mit Scrum.

Laut Schuh ist die Digitalisierung kennzeichnend für Industrie 3.0, aber nicht für Industrie 4.0. Hier ginge es vielmehr darum, aus den Daten, die erhoben werden zu lernen und mittels digitalisierter Unterstützung das "zielgenaue Steuern der Produktion zu erreichen".

Dafür gelte es, einen digitalen Schatten zu erzeugen, "mindestens in der Granularität eines Flugschreibers" und auf dieser Grundlage dann "gescheite Arbeitspläne zu erzeugen". Denn der Zweck von Industrie 4.0 ist, prognostizieren zu können. Natürlich lasse sich nicht leugnen, dass bereits heute in den Unternehmen kollektives Lernen stattfindet – aber nicht so systematisiert, dass es sich unmittelbar in der Planungsgüte widerspiegelt.

Eines gibt Schuh deutschen Unternehmern jedoch mit auf den Weg: Die Unternehmen in Silicon Valley entwickeln nicht die ultimativen Geschäftsmodelle – alle bekannten Entwicklungen basieren lediglich auf Datenaggregation. Erfolgreich werden diese dann, weil sie auf dem "Highlander-Prinzip" basieren und mit diesem "erprobten Grundkonzept etablierte Geschäftsmodelle zerstören", weil es "nur einen geben kann".

Dementsprechend forderte er an dieser Stelle dazu auf, dass "wir uns das nicht gefallen lassen sollten". Dafür müssten Unternehmen jedoch schnell handeln und endlich damit beginnen, den "Flugschreiber einzurichten", also Daten in Echtzeit zu erheben, aus diesen zu lernen – also letztendlich für die Mitarbeiter nutzbar zu machen.

Seine Empfehlung, wie Unternehmen damit anfangen können, einen digitalen Schatten zu erschaffen lautet: "Erstellen Sie einen Arbeitsplan mit Plandaten und lassen dann Hypothesen dazu aufstellen, warum es zu Unterbrechungen in der Produktion kommt."

Da sich diese seiner Erfahrung nach nicht so leicht finden und validieren lassen, ist dies der Beginn der systematischen Datenerhebung und -aufbereitung. Diese Arbeit lohnt sich laut Schuh, denn wenn der digitale Schatten einmal erstellt ist, dann "kennen Unternehmen auch ihre Best Practice".