Brexit

Brexit oder nicht Brexit - heute wird in Großbritannien über einen möglichen Austritt des Landes aus der Europäischen Union abgestimmt. - Bild: Moritz320

Wie viele Unternehmer in Europa fürchtet Philippe Depoux die potenzielle Konjunkturkrise in Europa, wenn Großbritannien sich entscheiden sollte, aus der EU auszutreten. Der Chef von Gecina, einem der größten Eigentümer von Büroflächen in Paris, sieht jedoch auch Chancen: Es könnten neue Mieter anklopfen, wenn Unternehmen in Scharen London verlassen sollten.

"Was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass der Pariser Geschäftsimmobilienmarkt derzeit der beste ist", sagt Depoux mit Bezug auf das bevorstehende Referendum über die britische Mitgliedschaft in der EU.

Meinungsumfragen fallen zu knapp aus, um eine Prognose zu erlauben. Viele britische Kleinunternehmer sowie einige Hedgefonds und Private-Equity-Manager haben sich zu dem Thema geäußert und sagen, dass sie außerhalb der EU besser dran wären. Die meisten großen Unternehmen innerhalb wie außerhalb des Vereinigten Königreichs wollen jedoch lieber Teil des Staatenverbundes blieben.

Manager erwarten, dass ein Austritt die Volkswirtschaften auf beiden Seiten des Ärmelkanals schädigen, Unternehmen die Talentsuche erschweren und Mitarbeiter oder ganze Betriebszweige zum Umzug zwingen würde.

Einige Städte und Branchenverbände in Frankreich, Deutschland und anderen EU-Staaten haben deshalb schon den roten Teppich ausgerollt. Sie wollen nach eigenen Angaben Tausende neuer Mitarbeiter willkommen heißen, wenn Großbritannien für den Austritt stimmt.

"Willkommen in Paris"

"Unsere Nachricht wäre einfach: Willkommen in Europa, willkommen in Paris", sagt Alain Pithon, Generalsekretär bei Paris Europlace, eine Organisation zur Förderung der französischen Finanzindustrie.

"In Frankfurt werden alle Mann an Deck sein", sagt Hubertus Väth, Managing Director von der Lobbygruppe Frankfurt Main Finance. Er sagt, er sei für einen Verbleib Großbritanniens in der EU, seine Organisation bereite dennoch eine Roadshow vor, um Banken im Brexit-Fall nach Frankfurt zu locken.

Unternehmer würden einen Schock begrüßen

Einige europäische Unternehmer sagen indes, dass die Abstimmung ein dringend nötiger Schock für die Region sei. Es gebe dort zu viel Bürokratie und Regulierung. "Diese Brexit-Abstimmung ist ein sehr wichtiger Weckruf", sagt Maurice Lévy, Chef der Pariser Werbeikone Publicis Groupe. Er hofft, dass Großbritannien bleibt, die EU habe jedoch bei Themen von der Wirtschaft bis zur Flüchtlingskrise danebengegriffen. "Wir müssen erkennen, dass Europa nicht gut funktioniert", sagt er.

Telecom-Italia-Chef Giuseppe Recchi sagt, er habe keine Meinung dazu, ob ein Brexit gut oder schlecht fürs Geschäft wäre. Diese Woche sagte er jedoch, dass ein Schock womöglich nötig sei. Die EU wachse nicht und sie funktioniere nicht effizient.

Eine EU-Sprecherin wollte sich dazu nicht direkt äußern, verwies jedoch auf Aussagen von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Montag, der sagte, dass die EU "ohne den britischen Pragmatismus nicht mehr vollständig sein würde".

Konkrete Gründe für Brexit

Viele britische Kleinunternehmer sehen konkretere Gründe für den Brexit. Christopher Nieper betreibt eine Firma für Damenbekleidung mit vier Fabriken und über 250 Mitarbeitern in Derbyshire, der Mitte Englands. Durch die EU-Mitgliedschaft kann er Kleider, Kaschmirpullis und Unterwäsche zollfrei in den Rest Europas exportieren.

Die EU-Bürokratie habe jedoch seine Kosten gesteigert. "All dieser Verwaltungsaufwand erschwert Kleinunternehmern ihre Arbeit", sagt er. Einige Hedgefonds und kleine Finanzfirmen in London argumentieren hingegen, dass ein Austritt Unternehmen letztendlich eher vergraulen als anlocken würde.

Jon Moulton, Gründer und Managing Partner der Private-Equity-Firma Better Capital, sagt, dass britische Finanzdienstleister langfristig wachsen würden, auch wenn eine Abspaltung von der EU sich anfangs negativ auswirken würde. "Die langfristige Strategie ist, eine bessere, einfachere Regulierung zu haben als der Rest Europas", sagt Moulton. "London wird das weit besser tun und mehr Firmen anlocken."